Schwieriges Jubiläum: Wie Russland die Oktoberrevolution feiert

Eine Reihe von Historikern ist sich einig: Das aktuelle Russland hat ein Problem mit der Revolution. Woher das kommt, wie man das Jubiläum begeht – und warum das gar nicht so seltsam ist.

Lenin

Lenin mal so richtig den Kopf waschen? Auf jeden Fall soll er zum Jubiläum in St. Petersburg glänzen. /Foto: RIA Nowosti

Revolution und Russland, diese beiden Wörter möchten Wladimir Putin und Co. am liebsten gar nicht in einem Satz lesen. Das sagen zumindest viele Historiker, die sich nicht nur mit der längst vergangenen Geschichte, sondern auch mit dem aktuellen Erinnern daran beschäftigen.

Revolutionen würden nicht ins Geschichtsbild der Regierung passen, schreibt etwa Ilja Kalinin, Historiker an der Staatlichen Universität St. Petersburg, in der Zeitschrift „Osteuropa“. Er meint, das Regime fürchte „jede Erinnerung an die bloße Möglichkeit einer Revolution“. Die politische Elite sehe sich wegen des Jahrestages gezwungen, „über ein Ereignis zu sprechen, zu dem sie lieber schweigen würde“.

Ähnlich sehen das auch Kollegen in Deutschland, etwa Martin Aust in Bonn oder Jan C. Behrends in Potsdam. Und der regimekritische Moskauer Historiker Andrej Subow erklärte kürzlich in der „Nowaja Gaseta“ ausführlich, „warum das offizielle Russland den 100. Jahrestag ignoriert“. Nämlich weil es jegliche soziale Umwälzung scheue und um seine eigene Macht bange.

Versöhnen steht an erster Stelle

Ob nun gerne oder nicht: In jedem Fall hat man sich auf höchster Ebene bereits 2015, unmittelbar nach den großen Feiern zum Tag des Sieges, Gedanken darüber gemacht, wie 2017 an die Oktoberrevolution erinnert werden soll. Die Richtung gab damals Kulturminister Wladimir Medinskij vor. Als eines der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts könne die Revolution „einerseits unsere russische Größe und Bedeutung für die Welt hervorheben“. Andererseits solle sie „die Einheit der russischen Gesellschaft stärken und die nationale Versöhnung sicherstellen“, zitierte ihn die „Nowaja Gaseta“ damals.

Versöhnung wurde somit zum offiziellen Motto, was Präsident Wladimir Putin Ende 2016 nochmals bekräftigte: „Die Lehren der Geschichte benötigen wir vor allem zur Versöhnung, zur Festigung des Konsenses in der Gesellschaft, in der Politik, zwischen den Bürgern.“ Der Präsident beauftragte die Russische Historische Gesellschaft, sich um das Jubiläumsprogramm zu kümmern. Denn ein solches gibt es durchaus: mit Konferenzen, Ausstellungen, Buchprojekten und Vorträgen. Geplant wurde auch, am 4. November ein Denkmal der Versöhnung auf der Krim zu eröffnen. Und sogar eine Militärparade am Roten Platz soll stattfinden.

Kein arbeitsfreier Feiertag

Letztere erinnert jedoch offiziell nicht an 1917, sondern daran, dass am 7. November 1941 trotz Weltkrieg der Jahrestag der Revolution mit einer Parade begangen wurde. Das klingt zunächst absurd, passt aber dazu, dass der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ nun mal die zentrale Rolle in der Erinnerungskultur des Landes spielt.

Die Oktoberrevolution hat es dagegen schwer, vor allem seit die Sowjetunion von der Landkarte verschwunden ist. Zwar war der 7. ovember in den Neunzigern noch ein Feiertag, allerdings wurde er 1996 umbenannt in „Tag der Eintracht und der Versöhnung“. Seit 2005 haben die Russen an diesem Tag nicht mehr frei. Stattdessen wird am 4. November der „Tag der Einheit des Volkes“ begangen. Er erinnert an die Befreiung Moskaus von polnisch-litauischer Besatzung im Jahr 1612.

All das lässt etliche Historiker nun zu dem Schluss kommen, dass sich das offizielle Russland nicht gerne an die Oktoberrevolution erinnere. Dass Medinski und Putin stattdessen Versöhnung und Eintracht in den Vordergrund rücken, deutet in dieser Lesart auf die Angst der Eliten vor neuen Revolutionen hin.

Kommunisten in Feierlaune

Es stimmt sicher, dass die amtierende Regierung gerade keine Revolution herbeisehnt. Aber andererseits: Wie soll ein Land denn überhaupt einen Umsturz angemessen feiern, der ein längst vergangenes Regime hervorbrachte? Auch wenn der Vergleich natürlich sehr schief ist: Deutschland begeht den Jahrestag des 30. Januar 1933 ja auch nicht mit großem Pomp. Oder Bayern das Jubiläum der Münchner Räterepublik. Die Französische Revolution wiederum gehört in eine andere Kategorie: Sie steht für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, also für Werte, zu denen sich die Franzosen bis heute bekennen. Der Kommunismus dagegen ist Geschichte. Es liegt daher nicht (nur) an der Angst vor neuen Revolutionen, wenn sich das offizielle Russland mit der Oktoberrevolution eher schwertut.

Die einzigen, die darin einen Grund zum Feiern sehen können, sind die Kommunisten. Sie haben für den 7. November einen Marsch und Kundgebungen in Moskau angemeldet. Geplant ist auch ein Treffen von Funktionären der KPRF mit ausländischen Gästen in St. Petersburg und eine Veranstaltung im Moskauer Konzertsaal „Rossija“, bei der vielleicht sogar Präsident Putin vorbeischauen wird. Außerdem wollen die Kommunisten sich am 7. November ebenfalls die Militärparade auf dem Roten Platz ansehen. Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg eint eben auch im Jahr der Revolution.

Corinna Anton

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