„Idealer Sport“ für diese Welt: Die neue Lust auf Schach in Russland

Wie sehr Volkssport ist Schach in Russland heute eigentlich noch? Das hat man sich in der Heimat von Sergej Karjakin gefragt, als sich der Rummel um dessen starke Leistung im WM-Finale etwas gelegt hatte. Die Antwort: In der Schachnation tut sich an der Basis eine ganze Menge.

In einem Moskauer Nachtklub hatte Nikita Kim neulich eine „Offenbarung“. Es waren die Tage, als der Russe Sergej Karjakin in New York die Schachkrone nach neun Jahren wieder zurück in sein Land zu holen versuchte und Kim, Vizepräsident des Mos­kauer Schachverbandes, Tanzen ging. „Am Nebentisch saßen Mädels, die mit Schach sonst garantiert nichts anfangen können. Und sie redeten über Karjakin.“ Kim erzählt die kleine Geschichte mit sichtlichem Vergnügen. Sie soll illustrieren, was das  nur knapp verlorene WM-Duell gegen den haushohen Favoriten Magnus Carlsen in Russland ausgelöst hat. Es sei einfach überall Gesprächsthema gewesen. So eine Resonanz habe man seit dem historischen Final-Marathon zwischen Kasparow und Karpow vor 30 Jahren nicht mehr erlebt.

Der Funktionär war selbst vor Ort in New York, hat die vierte der zwölf regulären Partien symbolisch eröffnen dürfen. Karjakin, der Meister der Defensive, sei in kurzer Zeit von einem praktisch Namenlosen zu einem Titelanwärter geworden, vor dem alle den Hut ziehen. Und für die Russen, so Kim, für wenige Wochen sogar zu einem „Nationalhelden“.

Das mag ein wenig übertrieben sein. Das Interesse in Russland am WM-Finale scheint sich auf den ersten Blick wenig von dem in anderen Ländern unterschieden zu haben. Dass es so viel größer war als bei früheren Turnieren und weltweit Millionen die Partien online verfolgten, lag nicht zuletzt an der cleveren Vermarktung durch den Rechteinhaber Agon des gebürtigen Russen Ilya Merenzon. Der sieht im Schach ein riesiges Potenzial, wie er Rbk.ru sagte: „Die Zielgruppe von Schach ist so groß wie die von Facebook.“

Schach

Schachturnier für den Nachwuchs in Moskau: Ob die Schokolade hilft? / Moskauer Schachverband

Dass eine Popularisierung des Denksports in Russland auf besonders fruchtbaren Boden fällt, kann dabei nicht überraschen. Das Land hat eine einzigartige Schachtradition. Von 1948 bis zum Jahr 2000 kamen mit Ausnahme von Bobby Fischer  (1972 bis 1975) alle Weltmeister aus Russland beziehungsweise der Sowjetunion. Und die Strukturen können sich auch heute sehen lassen. So gibt es etwa an der Staatlichen Sozial­universität in Moskau sogar eine Schachfakultät.

Doch in der jüngeren Vergangenheit war von der großen Aura des Brettspiels eher wenig zu spüren. Wer die ergrauten Hobby-Schachspieler in einer Ecke des Moskauer Sokolniki-Parks beobachtete, der konnte den Eindruck haben, es sei vom Aussterben bedroht.

In Wirklichkeit gewinnt der Sport gerade viele neue Anhänger. Der „Erste Kanal“ berichtete Ende November von einem „Nachwuchsboom“ im Ural: Die Schachakademie in Jekaterinburg müsse Kinder auf eine Warteliste setzen, weil sie gar nicht alle aufnehmen könne.

Schach

Alter nach oben offen: Schach-Veteranen in einem Park in Rostow am Don. / Tino Künzel

Das ist aber noch gar nichts gegen Moskau, wo Schach ab kommendem Schuljahr in 223 der 750  Schulen als Unterrichtsfach der ersten bis vierten Klassen eingeführt wird. Es nimmt den Platz der dritten wöchentlichen Sportstunde ein. Eine Testphase mit  23  Schulen im vergangen Jahr verlief vielversprechend. „Die Reaktionen waren praktisch durchweg positiv“, sagt Marat Balgabajew, Koordinator des Programms „Schach in der Schule“. Es gehe nicht darum, die Schüler zu Leistungssportlern zu trimmen, sondern allgemeine intellektuelle Fähigkeiten zu fördern. „Die Eltern sind uns dankbar, dass bei ihren Kindern auf dem Tablet-PC jetzt öfter Schach läuft und seltener Ballerspiele.“

Die Schulen konnten auf freiwilliger Basis ihr Interesse an Schach als Schulfach anmelden. Mit der Zeit soll das Programm auf ganz Russland ausgedehnt werden. Nikita Kim sieht im Schach eine Art Lebensschule: „Es erzieht dazu, erst zu denken und dann zu handeln.“ Außerdem sei es ein „idealer Sport“ für eine Welt, die ständig in Bewegung ist und einen „schnellen und flexiblen Geist“ erfordere. Die beste Zeit, etwas für die Entwicklung des Schachspiels zu tun, sei deshalb „jetzt“.

Kommentare

Kommentare