Sarjadje: Neues, hippes, grünes Russland? 

Moskau ist mit Sarjadje um einen futuristischen Stadtpark reicher: Die ersten Besucher sind begeistert. Die Folgenden ziemlich rücksichtslos. Trotzdem scheint hier eine kleine neue Idee geboren.

Erster Öffnungstag des Parks Sarjadje, Moskau / Peggy Lohse

Seit dem Moskauer Stadtfest überschlagen sich die russischen Medien – erst vor Lob, dann vor Ernüchterung. Denn im Herzen der Stadt ist ein Park eröffnet worden. Aber nicht irgendein Stadtpark. Sarjadje ist a) eines der ambitioniertesten Bauprojekte seit dem Ende der Sowjetunion, b) ein klares historisches Statement und c) zeigt er ein Moskau, wie sich die Stadt selbst gerne sieht: modern, hip, relaxt und grün – „wild urban“, wie es heute heißt.

Kurzer Blick zurück 

Sarjadje war einst ein Stadtviertel, entstanden im 12. Jahrhundert, als Moskau gegründet wurde. Davon zeugt heute ein historisch belassener Gang im unterirdischen Museum. Ausgestellt werden dort Artefakte und sogar ein Schatz aus Silbermünzen.

Die Baupläne für ein Hochhaus an derselben Stelle aus den 30er Jahren führten zum Abriss der historischen Gebäude. Nur einige Kirchen blieben, als der Bau in den 50ern eingefroren wurde. Ab 1964 entstand dann mit 2700 Zimmern eines der größten Hotels der Welt: „Rossija“, vorgesehen vor allem für politische Delegationen.

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Die vier zwölfgeschossigen Gebäudeklötze ließ der damalige Bürgermeister Jurij Luschkow 2006 abreißen. Aus all den damals diskutierten Vorschlägen – Hotels, Einkaufszentrum – wurde nichts und lange lag das Gebiet an einem der exponiertesten Plätze Moskaus brach. Bis Wladimir Putin, damals Premier, dem neuen Stadtchef Sergej Sobjanin 2012 ans Herz legte, doch einen Park auf dem Gelände anzulegen.

Aufgeschoben, nicht aufgehoben 

Und da ist er nun, der „innovative“ Park, der vier Klimazonen mit entsprechender Flora in sich vereinigt sowie einen Kinosaal, thematische Ausstellungsgelände, ein Amphitheater und bald auch eine Philharmonie mit zwei Konzertsälen. Die reine Bauzeit des Parks beträgt bislang gerade einmal zwei Jahre. Und kaum jemanden wundert es, dass bei Weitem nicht alles wirklich fertig ist. Die angekündigte Eishöhle wurde selbst Präsident Putin und Bürgermeister Sobjanin bei der offiziellen Eröffnung am Samstag vorenthalten, weil das Eis noch nicht vollständig gefroren ist. Der Konzertsaal soll überhaupt erst 2018 fertiggestellt werden. An vielen Stellen unter dem Glasdach rutschen den querfeldein spazierenden Besuchern die kleinen Rasenteppiche unter den Füßen weg. An allen Ecken und Enden werkeln noch Bauarbeiter. 2014, noch vor Beginn der Bauarbeiten, sind 13 Milliarden Rubel (umgerechnet knapp 200 Millionen Euro) für den Bau des aufwendigen Projekts veranschlagt worden. Mittlerweile soll Medienberichten zufolge schon das Doppelte verbaut worden sein.

Как мы создавали новую историю Зарядья

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Aber spätestens ab dem dritten Öffnungstag wird auch klar, dass so manch ein Gast offenbar weniger wohl gesonnen kam. Oder einfach unaufmerksam. Oder rücksichtslos. Oder… oder… oder… Jedenfalls gibt es erste Randalespuren, Medienberichten zufolge zehntausend kaputte oder geklaute seltene Pflanzen. Ist diese offene Wildnis vielleicht doch zu frei für Moskau? Sind die Besucher vielleicht noch nicht reif für einen solchen Park? Jedenfalls ist der Eintritt nun vorläufig nur noch in 15-Minuten-Abständen möglich. Und an vielen Beeten sind schon die ersten „Strikt verboten!“-Schilder aufgestellt worden.

Trotzdem 

Immer wieder ging an jenem Eröffnungsmontag Raunen durch die Menschenmassen. Junge Pärchen und Familien mit Kindern sitzen oder liegen lässig auf der Wiese und blinzeln entspannt in die Abendsonne. Das alles ist sonst so gar nicht typisch – nicht für Russland, nicht für Moskau.

Und der sonst nie um Kritik verlegene Urban-Blogger Warlamow schreibt nun von einem „neuen Blick“ auf und einem „neuem Bild von Russland“. Ob das stimmt, wird die Zukunft zeigen. Geben wir uns und Moskau doch vielleicht auch eine Gewöhnungszeit?! Denn die Stimmung am ersten Tag war wie so lange nicht – tatsächlich euphorisch. Die Spazierenden schienen wortlos zu rufen: „Aufbruch! Sonne! Zukunft, wir kommen!“ Vielleicht eben nur etwas langsamer als geplant.

Text und Fotos (außer Instagram): Peggy Lohse

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