Russlands letzter Zar

Im Winterpalast gibt es seit 100 Jahren keinen Zaren mehr. Offiziell zumindest – längst füllt ein anderer Herrscher das imperiale Machtgebäude: der Kunstzar und Eremitage-Direktor Michail Piotrowskij.

Hat stets mit wachem Auge aufs Tagesgeschehen: Der Kunstzar / Foto: Wikicommons.

Wenn er bei Pressekonferenzen im Eremitagetheater auftritt, dann wirkt der große Doppeladler auf dem Bühnenvorhang dahinter schon mal ein bisschen wie eine Krone über seinem Haupt.

Faktisch gehören zu seinem Machtbereich nur Winterpalast und Schlossplatz – und diese verteidigt er mit Händen und Füßen gegen „Eindringlinge“ jeder Art. Gegen Rockmusiker und ihre Konzerte, die angeblich die Gemälde des berühmten Museums schädigen. Gegen Touristen, die die Bronzeadler von der Umzäunung der Alexandersäule klauen. Gegen Parteiaufmärsche – selbst jene der Kreml-Partei. Doch Piotrowskij kann sich das leisten, denn er ist ein Herrscher von Gottes Gnaden und damit direkt dem Präsidenten unterstellt.

Deshalb dehnt er seinen Einflussbereich nur allzu gerne über seinen Palast aus und sagt seine oft unbequeme Meinung zu Fragen, die weit über die Museumspolitik hinausgehen. Seine salomonische Weisheit und sein ruhiges, aristokratisches Auftreten sind dann gefragt, wenn die Diskussion zwischen der Regierung und dem Volke mal wieder in eine Sackgasse gerät – so wie jüngst beim Streit um die Übergabe der Isaakskathedrale an die Russisch-Orthodoxe Kirche. Und Denkmalschutz und Baupolitik in St. Petersburg bieten ja genügend Zündstoff für Konflikte: So positionierte sich Piotrowskij im Jahr 2009 klar gegen den Bau des geplanten 400 Meter hohen Gazprom-Turms im historischen Stadtzentrum und damit gegen das Establishment. 2013 rümpfte er unverhohlen und öffentlich die Nase über Walerij Gergijews neue Mariinskij-Bühne. Doch der Kunstzar darf das.

Kunstzar und Präsident / Foto: Kremlin.ru

Bei allem Eigensinn steckt in Piotrowskij auch eine patriotisch-konservative Seele. So lässt er sich 2012 als „Vertrauensperson Putins“ für die Präsidentschaftswahlen einspannen. Und als das Skythengold 2014 während der Krim-Annexion zu Gast in einer Ausstellung in Holland ist und 2017 der Ukraine zugesprochen wird, fordert er dessen Rückgabe an die jetzt russische Krim. Medienwirksam besichtigt er 2016 die vom Terror zerstörten Baudenkmäler im syrischen Palmyra – eine Reise, die er nicht nur als hochqualifizierter Orientalist, sondern auch als Vertreter der wieder erstarkten Großmacht Russland unternimmt.

Dabei erfordert Piotrowskijs Gratwanderung zwischen weltoffenem Freigeist und Loyalität zum Staat höchstes diplomatisches Geschick. So leicht er sich vor Medien zu einer Debatte verführen lässt, so geschickt windet er sich bei  jedem noch so heißen Thema heraus, ohne klar Stellung zu beziehen. Dank dieser genialen Wortgewandtheit sitzt die unsichtbare Krone weiterhin auf seinem Haupt –
und er selbst erhaben auf dem Thron der Moral.

Eugen von Arb

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