Olympisches Hauen und Stechen

Mit 266 Sportlern will Russland bei den Olympischen Sommerspielen antreten, die am 5. August in Rio de Janeiro beginnen. Es sollten um die hundert mehr sein, doch vielen wurde das Startrecht entzogen, zuletzt auch auf Grund des McLaren-Berichts, in dem Russland Staatsdoping vorgeworfen wird. Doch dort ist man von Selbstkritik weit entfernt.

Wer wissen möchte, was man denn nun eigentlich in Russland zu den Dopingvorwürfen gegen den russischen Sport sagt, der braucht nur dreieinhalb Minuten. So lange dauerte der Auftritt von Jelena Issinbajewa, der erfolgreichsten Stabhochspringerin aller Zeiten, bei einem Empfang im Kreml Ende Juli. Vor Sportlern und Trainern – denen, die anschließend nach Rio aufbrachen, und denen, die gesperrt wurden – kämpfte sie kurz mit den Tränen, sprach dann von Disqualifikationen „ohne Beweise, schamlos, grob“, von „pseudosauberen ausländischen Sportlern“, von „Willkür“ und „Rechtlosigkeit“ der internationalen Sportorganisationen. Athleten wie sie selbst büßten für die Fehler von „weniger verantwortungsvollen Sportlern“. Man habe ihr „einen Traum genommen“.

In der Tretjakow-Galerie: So schreibt sich Rio de Janeiro auf Russisch. / RIA Novosti

In der Tretjakow-Galerie: So schreibt sich Rio de Janeiro auf Russisch. / RIA Novosti

Issinbajewa, Olympiasiegerin von 2004 und 2008, hatte in Brasilien um ihr drittes olympisches Gold kämpfen wollen. Die 34-Jährige war nach einer Babypause erst unlängst in den Sport zurückgekehrt und hatte bei den Russischen Meisterschaften mit 4,90 Metern gleich für eine Hausnummer gesorgt. Der von ihr 2009 aufgestellte und noch immer gültige Weltrekord liegt bei 5,06 Metern. Bei Olympia darf Issinbajewa wegen einer Kollektivsperre gegen die russischen Leichtathleten nicht starten und wird ihre Karriere deshalb ohne einen möglichen letzten Paukenschlag beenden. Zum Abschluss ihrer Rede im Kreml bat sie Präsident Wladimir Putin, Russlands Sportler gegen die Angriffe aus dem Ausland zu schützen, mehr noch: „Wir müssen jene zur Verantwortung ziehen, die daran beteiligt sind.“

Das taugt als kurze Zusammenfassung dessen, was auch russische Offizielle immer wieder verlautbart haben, wenn neue Doping­anschuldigungen bekannt wurden: Einzelfälle – denkbar, aber so etwas gibt es auch anderswo. Ansonsten, so der Tenor, sind die Vorwürfe interessen-, nicht faktenbasiert. Stimmen, dass der russische Sport sich systematisch selbst diskreditiert hat, sind zwar ebenfalls zu hören, aber von einem breiten Schuldbewusstsein kann keine Rede sein.

Als der russische Sportsender „Match TV“ in den vergangenen Wochen zwei Folgen einer TV-Reportage unter dem Titel „Die Dopingfalle“ ausstrahlte, zog er darin vor allem die Arbeit der Dopingfahnder in Zweifel und widmete sich internationalen Dopingfällen. Frei nach dem Motto: Die sollten lieber vor ihrer eigenen Haustür kehren.

Doch seit dem Mitte Juli veröffentlichten Bericht des kanadischen Anwalts Richard McLaren für die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sieht sich Russland noch weiter in die Defensive gedrängt. McLaren kommt zu dem Schluss, dass in Russland mindestens von 2011 bis 2015 ein staatlich gelenktes Dopingvertuschungsprogramm existiert habe, in das nicht nur die Leichtathletik involviert war, sondern auch zahlreiche andere Sportarten. Positive Proben wurden demnach vom Moskauer Dopingtestlabor auf Anweisung von oben als negativ gemeldet, bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi sogar des Nachts gegen saubere aus einer Urinbank ausgetauscht. Das betraf vorzugsweise Sportler, die als Medaillenhoffnungen angesehen wurden.

McLaren war beauftragt, entsprechende Aussagen des ehemaligen Leiters des Dopinglabors, Grigorij Rodschenkow, zu verifizieren. Rodschenkow hatte sich im Januar in die USA abgesetzt und ist seitdem Kronzeuge der bisher massivsten Dopingvorwürfe gegen Russland. Er selbst will seinerzeit einen Dopingcocktail aus verbotenen Substanzen erfunden haben, der den Athleten dann – mit Alkohol gemixt – verabreicht wurde. McLaren stuft Rodschenkow in seinem Bericht als „glaubwürdig“ ein. Inwiefern überhaupt andere Quellen maßgeblich in die Untersuchung eingeflossen sind, ist unklar. Zwar heißt es, dass „eine Reihe“ weiterer Personen interviewt worden sei, aber auf vertraulicher Basis. Sich die Gegenseite anzuhören, hat McLaren von vornherein als „nicht zielführend“ ausgeschlossen.

So ist davon auszugehen, dass nicht nur die in dem Bericht genannten Unterlagen, E-Mails und Fotos von Rodschenkow stammen. Vieles davon würde vor Gericht wohl bestenfalls als Indiz gewertet, nicht als Beweis. Ganz abgesehen von Behauptungen wie jener zur Motivation des Dopingprogramms, die angeblich auf das schlechte Abschneiden Russlands bei den Olympischen Winterspielen 2010 zurückzuführen ist. Belegt wird das nicht.

Russland hat einige Sportfunktionäre, die in dem Bericht aufgeführt sind, bis auf weiteres suspendiert, was wohl nicht mehr als eine Geste vor Olympia ist. Sportminister Vitalij Mutko, der von McLaren ebenfalls belastet wird, blieb im Amt und kündigte rechtliche Schritte gegen die Verfasser des Berichts an. Die WADA empfahl dem Internationalen Olympischen Komitee, die russische Mannschaft komplett von den Spielen in Rio auszuschließen. Das IOC unter Vorsitz des Deutschen Thomas Bach entschied jedoch, Sportler, die von den jeweiligen internationalen Verbänden als sauber eingestuft werden, zuzulassen. „Sauber“ bedeutet in diesem Fall: weder im McLaren-Bericht erwähnt noch durch frühere Dopingvergehen aufgefallen, was für sich gesehen schon eine Sonderbestrafung der Russen darstellt. In Rio sind mehr als 20  Athleten am Start, die Doping­sperren hinter sich haben, darunter die US-Sprinter Justin Gatlin und Tyson Gay. Deshalb ist die russische Schwimmerin Julia Jefimowa nun vor den Internationalen Sportgerichtshof gezogen. 2013 für anderthalb Jahre wegen Dopings gesperrt, will sie ihren Start in Rio einklagen. Die Schwimmer Nikita Lobinzew und Wladimir Morosow wiederum gingen vor Gericht, weil ihre Disqualifikation für Olympia mit der Nennung im McLaren-Bericht begründet wurde, der in diesem Teil weder für die Öffentlichkeit noch für die Sportler einsehbar ist.

Ob Russland überhaupt an Olympia teilnehmen darf, hat das IOC nach internationaler Kritik an seiner Entscheidung bis zur letzten Minute offengelassen. Jelena Issinbajewa rief ihre Kollegen im Kreml mit einer Mischung aus Verbitterung und Trotz dazu auf, in Rio mit „hoch erhobenem Kopf“ aufzutreten und Leistungen zu zeigen, „dass die ganze Welt erschauert“.

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