Russland in Lateinamerika: Der Bär tanzt Samba

„Kuba – meine Liebe“, so heißt ein geflügeltes Wort. Doch die russische Liebe geht über Kuba hinaus. Stand der Kontinent einst im Fokus ideologischer und geopolitischer Interessen, sind es heute wirtschaftliche Beziehungen, die Russland pflegt.

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Lateinamerika und Russland: Eine alte Freundschaft neu belebt / Foto: RIA Novosti.

Obwohl so fern, war Lateinamerika der Sowjetunion doch so nah. Man musste früher nur in die nächstgelegene Bar gehen, um sich von der Existenz des exotischen Traums zu überzeugen. Rum und Zigarren waren erschwinglich. Wer in Moskau lebte, konnte die Vielvölkerfreundschaft zwischen Russland und Lateinamerika auch persönlich erleben. Und zwar an der Universität der Völkerfreundschaft, dem Vorzeigeobjekt des sowjetischen Internationalismus.

Als sie Nikita Chruschtschow 1960 eröffnete, hieß die Einrichtung noch Patrice-Lumumba-Universität, benannt nach der Symbolfigur des afrikanischen Antiimperialismus. Hier studierten junge Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika mit großzügigen Vollstipendien, um als Fachkräfte in ihre Heimatländer zurückzukehren. Dadurch verbreiteten sich unweigerlich sozialistische Ideale über den Globus. Viele Absolventen landeten im diplomatischen Dienst. Manch einer wurde sogar Präsident, wie beispielsweise Bharrat Jagdeo, ehemaliges Oberhaupt von Guyana. Andere traten wiederum in Revoluzzer-Fußstapfen, so zum Beispiel viele Guerilla-Kämpfer der kolumbianischen Farc.

Russlands alte und neue Freunde

Diese Einflussnahme wird im Fachjargon auch als „soft power“ bezeichnet. Jahrzehntelang war das, zusammen mit geopolitischen Interessen, die Strategie, die der Kreml verfolgte. Aus dieser Zeit stammen die „alten“ Freunde Russlands. Länder, die traditionell links bis antiamerikanisch sind, wie etwa Kuba, Nicaragua oder Venezuela. An die guten alten Zeiten erinnert sich der Kreml gern. Doch auch eher „neue“ Freunde wie Brasilien oder Argentinien spielen in der heutigen Zeit eine immer wichtigere Rolle.

Das Spiel wendete sich nämlich, als die EU-Sanktionen gegen Russland verhängt hatte. Denn paradoxerweise stärkte es gerade die wirtschaftlichen Bande zwischen Russland und Lateinamerika, die Jahre zuvor auf einer Sparflamme gehalten worden sind.  Durch Russlands Gegensanktionen übernahm die „neue Welt“ die Ernährer-Rolle. Wo früher nur Obst importiert wurde, sind es heute vor allem Fleisch und Milchprodukte. „Russland hat auf solch eine Situation nur gewartet“, sagt Stanislaw Tkatschenko, Professor für Weltökonomie an der Universität St. Petersburg. Seiner Prognose zu Folge wird es auf lange Sicht so bleiben.  Noch hält sich der Agrar-Export in Grenzen, berichtet Alina Schtscherbakowa, Professorin an der Higher School of Economics und Forscherin am Institut für Lateinamerika Studien in Moskau. Doch eine Ausnahme gebe es. „Argentinien konnte 2014, dem Beginn der Sanktionen, seinen Export um 40 Prozent steigern. Das ist erstaunlich“, erklärt die Expertin. So beziehe Russland nun 77 Prozent seines gesamten Rindfleisches aus Lateinamerika.

Der Trump-Trumpf

Doch die westliche Sanktionspolitik ist auch ein Türöffner für den russischen Export, es entstand eine Win-Win-Situation. Der Wachstumsanstieg liegt vor allem im Energie- und Rüstungssektor.Wichtigste Abnehmer sind Mexiko und Ecuador. Aber auch Peru, Venezuela, Brasilien und Kolumbien kaufen regelmäßig russische Helikopter des Typs Mi-171 ein. „Damit begibt sich Russland erneut in den Hinterhof der USA“, erklärt Tkatschenko. Es käme zwar zu keiner erneuten Kubakrise, aber das Aufwärmen der alten Liebe werde auch unweigerlich die Beziehungen zu den USA belasten.

Das gesteigerte Interesse an der Region untermalte die Präsenz von Wladimir Putin auf dem jüngsten Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) in Lima. Zu den meistdiskutierten Problemen der Politiker beim Gipfel gehörten vor allem die Wahl Trumps. Ausgerechnet seine Abneigung gegen Freihandelsabkommen, um Arbeitsplätze in den USA zu schützen, könnte Putins Trumpf sein. Denn zieht sich die USA aus Lateinamerika zurück, könnte Russland handelspolitisch und militärisch profitieren.

Katharina Lindt

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