Russland kommt zum Nikolaus

Im Angesicht des Heiligen Nikolaus reicht die Zeit nur für ein Stoßgebet. Trotzdem stehen in Moskau täglich mehr als 20 000 Menschen an, um vor dem Reliquienschrein zu beten, der erstmals in Russland zu sehen ist.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale ist das Ziel der Pilger. /Foto: Reuters/PIXSTREAM

Die Joggerin ist mit dem Schrecken davongekommen. Ihr Blick blieb einfach hängen an der langen Menschenschlange, die regungslos am Ufer stand. Fast knallte sie mit dem Kopf gegen einen Laternenmast.

Sie ist nicht die einzige in Moskau, die verwundert auf die kilometerlange Schlange blickt, in die sich Pilger einreihen, um zu den Gebeinen des Heiligen Nikolaus in der Christ-Erlöser-Kathedrale zu gelangen. Mehr als 20 000 Menschen kommen täglich seit 22. Mai. Und warten stundenlang. Denn Nikolaus ist nicht nur ein katholischer Schutzpatron, sondern auch einer der wichtigsten Heiligen der orthodoxen Kirche.

Gegen den Hunger

Es ist der letzte Maisonntag. Die Temperatur ist für die Jahreszeit zu niedrig. In der Nähe der Krim-Brücke peitscht der Wind. Das Ende der Schlange ist hier zu sehen. Das knapp drei Kilometer entfernte Ziel aber noch nicht. „13:34 Uhr“, sagt ein Mann mit grauen Haaren zu seiner Begleiterin. Aufgestanden sind sie mitten in der Nacht. Wie viele, die nach Moskau fahren, um vor dem goldenen Schrein zu beten. Beide tragen Funktionsjacken und Rucksäcke. Sie haben Regenschirme und Kaffee dabei.

Wer zum Nikolaus kommt, braucht sich um die Verpflegung keine Sorgen zu machen. Geboren im dritten Jahrhundert, gilt der einstige Bischof von Myra bis heute als Gabenspender. Der Legende nach soll er – neben anderer Verdienste – seine Gemeinde durch Gebete vor dem Hunger bewahrt haben. Am Ufer der Moskwa übernehmen andere diese Aufgabe. An Ständen können sich die Wartenden mit Suppe und Tee, Wasser und Gebäck versorgen. Dazwischen stehen Busse, in denen man sich eine Weile ausruhen kann. Auch Toiletten wurden aufgestellt. Man kann hier pilgernd problemlos den ganzen Tag verbringen.

Vereinbarung von Franziskus und Kyrill

„Taschen öffnen“, heißt es bei der ersten Sicherheitskontrolle um 13:56 Uhr. Die Pilger gehorchen, einige drängeln. Grund zur Eile gibt es nicht, denn die Gebeine, die seit 930 Jahren im italienischen Bari ruhen, bleiben bis Mitte Juli in Moskau. Danach sind sie bis Ende des Monats in St. Petersburg ausgestellt. Dass sie nach Russland reisten, war ein Ergebnis des Treffens der beiden Kirchenoberhäupter Franziskus und Kyrill auf Kuba im Februar vergangenen Jahres.

An der Moskwa steht die Menge inzwischen wieder still, während rechts Schiffe an der Neuen Tretjakow-Galerie vorbeifahren. Einige Pilger machen Fotos, andere unterhalten sich flüsternd. Von hinten trägt der Wind leise gesungene Psalmen nach vorne. Eine junge Frau mit pinkfarbenem Kopftuch zieht eine Zigarette aus ihrer Tasche. Ein Fremder mit Schirmmütze gibt ihr Feuer. Er fällt ein wenig aus dem Raster, weil der Anteil der Männer  – vor allem der jüngeren – recht gering ist. Zumindest in dieser Pilgergruppe. Die Gläubigen werden blockweise abgefertigt: zehn Minuten stehen, zwei gehen, etwa in diesem Rhythmus.

Gläubige küssen den Reliquienschrein unter strenger Aufsicht der Geistlichen./Foto: RIA Novosti

„Nikolaus ist für alle da“

Für Ordnung sorgen neben den Polizisten und den Geistlichen, die ab und zu mit einem Megafon vorbeigehen, auch die „orthodoxen Freiwilligen“. So steht es auf den grünen Leibchen, die sie über langen Röcken und dicken Jacken tragen. Sie winken Eltern mit Kleinkindern an den anderen vorbei. Auch Alte, die nicht mehr gut gehen können, werden durchgelassen. Alle anderen warten geduldig.

So wie Galina, die von ihrer Tochter an der Hand geführt wird. „Das letzte Mal war ich im November hier, um eine Reliquie zu sehen. Da haben wir schrecklich gefroren. Heute ist es angenehm“, sagt die 75-Jährige aus Domodedowo. In der Ferne ist erstmals das goldene Kreuz auf der großen Kuppel der Christ-Erlöser-Kathedrale zu sehen. Galina bekreuzigt sich. „Wissen Sie, der Nikolaus ist für alle da“, erklärt sie den großen Andrang.

Smartphone und Segen

Tatsächlich wundert es kaum, dass die Schlange so lang ist. Dem ökumenischen Heiligenlexikon zufolge ist Nikolaus unter anderem Patron der Mädchen und der Frauen mit Kinderwunsch, der Reisenden und der Gefangenen, der Seeleute, der Bauern und Müller, Schnapsbrenner und Bierbrauer. Er soll auch eine glückliche Heirat bescheren und helfen, verschwundene Gegenstände wiederzufinden. Nicht zuletzt ist er Schutzpatron Russlands – die Liste könnte man noch lange fortsetzen.

Um 15:23 Uhr ist der Blick zum ersten Mal frei auf die goldene Kuppel der Kathedrale. Am Wegrand stehen Geistliche und segnen die Gläubigen. Eine Studentin blickt von ihrem Smartphone auf und bekreuzigt sich. Manche rennen bis zur nächsten Absperrung. Noch einmal Sicherheitskontrolle.

Knapp 20 Minuten später ist die Kirche schon ganz nahe. Fast alle Frauen haben sich mittlerweile ein Kopftuch übergezogen. Manche leuchten bunt, andere sind mit goldenen Pailletten bestickt. Galina trägt ein schmuckloses beiges Tuch. Sie holt eine kleine Bibel aus der Tasche und lässt sich von ihrer Tochter leise daraus vorlesen. Überhaupt wird die Menge immer stiller. Viele sind in ihre Gebete versunken.

Küssen und weitergehen

Um 16:16 Uhr geht es endlich weiter, bis zur dritten und letzten Sicherheitskontrolle. Dann dauert es noch einmal eine gute Viertelstunde, bis die Tür zur Kathedrale sich öffnet. Die Menschen drängen hinein, manche biegen zu den Ständen ab, an denen man Kerzen kaufen kann. Überall schieben Freiwillige die Gläubigen sanft weiter. „Bitte nicht stehenbleiben!“ Man kann sich nun nur noch im Strom der Menge auf den Schrein zubewegen. In der Mitte singt ein Chor, Geistliche sprechen im Wechsel Gebete. Ein Gläubiger nach dem anderen erreicht den Schrein, beugt sich nach unten, um die Oberfläche zu küssen. Danach wischt ein Geistlicher sie mit einem Tuch ab.

16:40 Uhr. Nach wenigen Minuten in der Kathedrale steht man schon wieder vor der Tür. Manche Pilger haben Tränen in den Augen, andere zücken ihr Telefon, um ihre Angehörigen anzurufen. Drinnen sei alles so schnell gegangen, dass sie vor lauter Aufregung ganz vergessen habe, worum sie den Heiligen Nikolaus bitten wollte, sagt eine junge Frau. Ihr Anliegen werde jetzt vielleicht nicht erhört, fürchtet sie. Es sei denn, sie stellt sich ein zweites Mal ans Ende der Schlange.

Von Corinna Anton

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