Zwei Wahl-Russen erzählen: Russland ist für mich…

Zwei Deutsche in Russland erzählen über ihr Verhältnis zu den guten und schlechten Seiten des größten Landes der Welt.


Christof Deininger, ehemaliger DAAD-Lektor, Krasnojarsk 

Russland ist für mich mein persönlicher Gegenentwurf zur deutschen Strukturiertheit, Ordnungslust und Saturiertheit, zum deutschen Vorgartenzwang mit Gartenzwerg, der alles ergreifenden Planung, der kollektiven „Lass-es-uns-ausdikutieren-Wolke“. In meiner Lust am russischen Improvisieren, an den Unwägbarkeiten des Spontanen, an der in jeder Straßenpfütze geschärften Aufmerksamkeit der Überraschungen liegt aber auch die Crux: Russland ist anstrengend!

Christof Deininger und seine Familie beim typisch-russischen Teetrinken in der sibirischen Taiga. / privat

Wer es einfach haben will, hält sich besser fern. Russland ist ein Ort, wo Regellosigkeit (z.B. im Straßenverkehr) und überbordender Bürokratismus nebeneinander existieren können. Ach, wenn sie einander nur die Waage halten könnten…

Christof Deininger mit Hund: Winterfreude im sibirischen Wald / privat

Schon während meines Studiums der Slawistik besuchte ich seit 1990 Russland regelmäßig. Die Lust am Experimentieren und die allgemeine Aufbruchsstimmung im Russland der späten neunziger Jahre veranlassten mich, 1998 als Dozent für deutsche Sprache und Literatur an das Gorki-Literaturinstitut nach Moskau zu gehen. Dort lernte ich meine jetzige russische Frau kennen und bin, ohne es zu planen, endgültig nach Russland emigriert. Inzwischen erziehen wir gemeinsam vier Kinder. Es folgten durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst vermittelte Sprachlektorate an Hochschulen in Krasnojarsk, wo wir seit 1998 leben.

Nach einem Ausflug in die IT-Branche habe ich gemeinsam mit einem deutsch-russischen Team das Online-Zentrum für Deutsch Deutschklasse.ru gegründet. Dort bieten wir unseren Russisch sprechenden Kunden Online-Deutschkurse an.


Markus Mehring, Fotograf und Modeagent, Bochum/Twer 

Russland ist für mich intuitiv und impulsiv. Im Austausch der Kulturen kann ich mir ja von jeder Kultur etwas abschneiden. Und das gefällt mir gut.

Markus Mehring vor dem Flusshafen an der Wolga in Twer. Hier verbringt er jeden Monat ein bis zwei Wochen. Die restliche Zeit lebt und arbeitet er in Bochum. / pl

Ich habe früher bei Nokia gearbeitet. Mit meiner Frau Viktoria, mit der ich 1998 in Osnabrück, der Partnerstadt von Twer, zusammengekommen bin, haben wir dann ihre Eigentumswohnung hier für einen Geschäftsraum getauscht und eine kleine Boutique eröffnet, um deutsche Mode an russische Kunden zu bringen. Und das auch nur dank meiner russischen Frau: In Deutschland entscheidest du dich für eine Karriere, dann machst du das dein Leben lang. Da ist die russische Mentalität einfacher. Auch Freundschaft ist immer sehr direkt und ehrlich. Ich weiß immer, woran ich bin.

Markus Mehring mit eigenem Foto mit Autogramm von Valentina Tereschkowa / privat

Aber die Kehrseite der Medaille: Viele Dinge werden zu ungefiltert aufgenommen. Wie Modetrends, die einfach nur kopiert werden. Die russischen Frauen beispielsweise könnten ruhig etwas russischer bleiben. Manchmal sieht man Gesten bei Frauen, die sie echt nur aus Hollywood-Filmen kennen können. Hier wird im Alltag ja der Feminismus gemacht, über den in Deutschland alle reden.

Und ein Widerspruch: Ein Russe erzählt dir eine Stunde lang, was alles schlecht ist. Dann fragst du: „Welches ist das beste Land der Welt?“ Und es kommt, mit voller Überzeugung: „Na wir!“.

Wenn ich in Moskau am Flughafen ankomme, dann fällt so ein Vorhang von mir ab. Ich fühle mich ganz anders und sehe Probleme ganz anders. Wenn ich zurückfliege, greift mir so eine Hand in den Magen… Obwohl man hier überhaupt keine Sicherheiten hat, gehe ich in Russland viel lockerer mit meinen Sorgen um.

 

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