Russland – ein Hidden Champion der internationalen Start-up-Szene

Die MDZ-Kolumne der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, geschrieben von Matthias Schepp.

Matthias Schepp, Vorstands­vorsitzender

Amerika, vielleicht noch Israel – das sind die Länder, die an Digitalisierung und Internetthemen interessierte Deutsche wohl am häufigsten mit einer starken Startup- und Gründerszene assoziieren. Bei Russland fallen dann vielen negativ besetzte Begriffe wie Rohstoffabhängigkeit, übermächtige Staatskonzerne und wirtschaftliche Rückständigkeit ein. „Hightech“, „Innovation“ und „ starkes Unternehmertum“ stünden in einer Auflistung der mit Russland am häufigsten assoziierten Schlagwörter sicher eher am unteren Ende. Zu Unrecht! Denn russische Startups sind auf einem guten Weg und arbeiten mit Ehrgeiz daran, Russland als Hidden Champion der globalen Start-up-Kultur zu etablieren.

Gerade im IT-Bereich zählen junge russische Unternehmen zu den innovationsfreudigsten weltweit. Die traditionelle Stärke Russlands in Informatik und Ingenieurswissenschaften mit jährlich hunderttausenden Hochschulabsolventen hat sich in den vergangenen Jahren auch auf die Gründerszene übertragen. Es ist deshalb wenig überraschend, dass laut einer Studie von Ernst & Young im ersten Halbjahr 2017 ein Großteil der Kapitalgeschäfte zwischen Investoren und Start-ups in den Bereichen IT und Internet erfolgte.

Mehr Start-up-Kultur durch Förderprogramme

Allerdings sind die Aussichten, in Russland an Venture Capital (VC) zu kommen, derzeit eher trübe, denn das Volumen des russischen VC-Marktes ist seit der Wirtschaftskrise 2015 rückläufig. Dabei gilt ein gesunder VC-Markt als Treibstoff eines jeden Start-up-Ökosystems. Der russische Staat hat diesen Finanzierungsmangel als Hemmschuh erkannt und springt für seine Jungunternehmer mit kostspieligen Unterstützungsprogrammen in die Bresche. So verteilt die Russian Venture Company (RVC) staatliche Mittel an VC-Fonds, damit diese zielgerichtet in Start-ups investieren. Und das staatliche Innovationszentrum Skolkovo bietet den 1700 Residenten seines Technologieparks nicht nur Steuervorteile, sondern auch finanzielle Zuschüsse für Forschung- und Entwicklung. Von vielen kritisiert, verhalf ein solcher Top-Down-Ansatz in der Praxis vielen Startups zu marktwirtschaftlichem Erfolg.

Zudem gibt es großangelegte Acceleration-Programme, wie etwa von RVC („GenerationS“) oder vom Internet Initiatives Development Funds (FRII), bei denen Jungunternehmer lernen, aus ihren Ideen Geld zu machen. Die Absolvententage (Demo Days) solcher Programme unterscheiden sich mittlerweile kaum noch von entsprechenden Veranstaltungen in Berlin oder Helsinki. Dort präsentiert sich eine neue russische Unternehmergeneration mit einem internationalen Mindset, das nicht nur die Modernisierung der russischen Wirtschaft vorantreiben, sondern auch ausländische Kunden gewinnen möchte.

Deutschland gilt dabei als einer der interessantesten Märkte für die internationale Expansion russischer Startups, was sich auch bei einer von der Deutsch-Russischen AHK organisierten Roadshow im Oktober 2017 gezeigt hat. Dabei tourten sechs russische Unternehmer eine Woche lang durch Berlin, Hamburg und das Ruhrgebiet und kamen dabei mit den Innovationsbeauftragen deutscher Unternehmen ins Gespräch. Das Interesse an Zusammenarbeit war auf allen Seiten groß. Die ein oder andere deutsche Firma hat bereits erkannt, dass die Kooperation mit russischen Start-ups ein erfolgsversprechender Weg sein kann, um im globalen Konkurrenzkampf um neue Ideen nicht ins Hintertreffen zu geraten.

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