„Holzweg“ mit Zukunft: Warum Russland auf traditionellen Hausbau setzt 

Die russische Regierung will ihre Bürger ermuntern, mehr Eigenheime zu bauen und zu erwerben. Für Holzhäuser verspricht sie extra staatliche Unterstützung.

Das fast 90 Jahre alte Haus der Sokolowskijs in Mamontowka bei Puschkino, Moskauer Gebiet / Peggy Lohse

Das fast 90 Jahre alte Haus der Sokolowskijs in Mamontowka bei Puschkino, Moskauer Gebiet / Peggy Lohse

Warum Holz?

Die Sokolowskijs, Anastassija und Andrej, sind eine junge Familie und leben in dem ruhigen Einfamilienhaus-Viertel Mamontowka bei Puschkino im Moskauer Gebiet. Sie wohnen in einem zweigeschossigen Holzhaus, Baujahr 1928, das sie zusammen mit dem Grundstück geerbt haben.

Bauplan für das neue Holzheim / privat

Der neue Bauplan  / privat

Im letzten Winter bekamen sie ersten Nachwuchs, den kleinen Alexej. Auch aus diesem Grund muss das alte Gebäude nun einem neuen weichen – einem geräumigeren, wärmeren und sichereren. Und das neue Heim soll aus Holz sein. Warum? „Stein ist zu kalt. Oder die Wände müssen sehr dick sein“, sagt Anastassija. „Außerdem atmet es sich leichter in Holzhäusern, vor allem in den älteren, in denen noch keine künstlichen Dämmstoffe verwendet wurden.“ Außerdem hält Holz als schwacher Wärmeleiter im Sommer kühl und im Winter warm.

Staatlicher Zuschuss und niedrigere Zinsen

Anfang August hatte dann auch Russlands Ministerpräsident Dmitrij Medwedew mit einer Aussage von sich reden gemacht, wonach die Holzbauweise aufgrund der großen Waldvorkommen ein „riesiges Potential“ für Russland biete. Holzhäuser seien nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch wärmer und „halten Jahrzehnte lang Stand“. Aus dem Industrie- und Handelsministerium verlautete es am selben Tag gar, dass der Staatshaushalt künftig bis zu 500 000 Rubel Subventionen für Käufer eines Holzhauses bereitstellen werde.

Moskaus letzte Holzhaus-Insulaner

Außerdem sollen die Kreditzinsen auf maximal zwölf Prozent festgelegt werden, wie es auch für den Wohnungskauf gilt. Die Differenz zu den marktüblichen Zinsen von 18 bis 20 Prozent übernimmt dann der Staat. Diese Maßnahmen können einerseits die krisengeschüttelten Russen zum Eigenheimkauf und -bau motivieren. Gleichzeitig aber sollen sie auch die regionale und nationale Holzwirtschaft unterstützen. Gegenwärtig exportieren viele Firmen ihr Material ins Ausland. Angestrebt wird ein größerer Inlandsumsatz.


H O L Z  &  W A L D

Russland ist das waldreichste Land der Erde. Nach Angaben des russischen WWF befinden sich hier allein 20 Prozent aller borealen und nordischen Wälder. Davon gehören 40 Prozent aber zu den „unproduktiven“, weil sie im Gebirge, Moor oder auf Permafrost wachsen. Offiziell dürfen jährlich 600 Millionen Kubikmeter Wald verarbeitet werden. Die Industrie meint aber, da würde nur ein Drittel des Möglichen genutzt.


Was kostet Holz?

„Das Thema ist sehr umstritten und es hängt auch immer vom Geld ab“, meint Andrej. „Wenn noch die Urenkel da wohnen sollen, musst du aus Stein bauen.“ Dennoch hat sich die Kleinfamilie für die aus ihrer Sicht günstigste Variante entschieden: ein Fertighaus aus SIP-Platten. „Ein Blockhaus wäre auch schön, aber da hat man mehr Heizkosten, weil es kaum isoliert ist. Außerdem muss ein Blockhaus nach dem mehrmonatigen Bau lange stehen, bevor Leitungen gelegt und Innenräume ausgestattet werden können.“

Holzhaus-Baustelle in Tschernogubowo bei Twer / Peggy Lohse

Holzhaus-Baustelle in Tschernogubowo bei Twer / Peggy Lohse

Die Sokolowskijs haben den Bauzuschlageiner Firma aus Brjansk erteilt und rechnen nun mit reinen Baukosten um die zwei Millionen Rubel, umgerechnet knapp 30 000 Euro. „Für die Fenster dann nochmal 200000 Rubel und nochmal so viel für die Innenwände“, rechnet Anastassija vor. „Eine Blockhütte kann man auch für etwa zwei Millionen bauen.“

Insgesamt, mit allen Leitungen, Rohren und Einrichtung, liegt der Kostenpunkt bei etwa 3,5 bis vier Millionen Rubel. Und damit liegt der Preis in Mamontowka schon beim russischen Durchschnitt. In den Metropolen Moskau und St. Petersburg allerdings ist er doppelt so hoch. Das Regierungsprogramm will genau Familien wie die Sokolowskijs erreichen: „Die Zinssenkung betrifft vor allem diejenigen, die ein Haus als einzigen und dauerhaften Wohnsitz erwerben“, sagte der Vertriebsleiter der Firma „Isburg“, Jegor Gribow, gegenüber dem Portal Politexpert.ru über das Ansinnen der Regierung.

Wunsch vs. Wirklichkeit

Der Ofen zum Haus

„Ein eigenes Holzhaus zu besitzen, ist doch für jeden verlockend“, meint Marina Ulybyschewa, Autorin des Kinderbuches „Das Bauernhaus vom Ofen bis zur Bank“. „Unsere Vorfahren lebten einst in Holzhütten mit dickem Strohdach. Im Zentrum stand der große Ofen, der auch als Heizung, Herd, Sauna und sogar Heilmittel diente.“ Zunehmend, so sagt sie, würden auch heute wieder viele Menschen traditionelle Steinöfen in ihren Holzhäusern bauen, obwohl es doch so viele moderne Heizmethoden gibt.

Mittlerweile hat die Kleinfamilie in Mamontowka alles geplant, bestellt, berechnet: Abriss, Auf- und Ausbau. Aber: „Die Bürokratie hält immer wieder Überraschungen bereit“, sagen die Häuslebauer in spe. Wenigstens bis zum Winter bleiben sie noch in ihrem dann bald 90 Jahre alten Haus.

Von Peggy Lohse

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