Rückgang deutscher Firmen leicht abgebremst – Trend hält an

Eine neue Statistik verdeutlicht: Im Jahr 2016 wurde der Rückgang deutscher Firmen, also „Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung“, zwar leicht abgebremst – doch der Abwärtstrend der letzten Jahre hält an. Die Risiken liegen neben den externen Faktoren der Wirtschaftskrise vor allem in der unternehmerischen Realität: steigender Staatseinfluss und Bürokratie. Es bestehen jedoch auch Chancen für Unternehmer, die sich laut Experten nicht zu abhängig von Staatshilfen machen dürfen.

Rezession, Rubelkrise und weniger Kaufkraft beim Endkonsumenten – nicht gerade die besten Zeiten für Unternehmen in Russland. Von den deutschen Firmen vor Ort verbleiben knapp 5 200. 2013 waren es noch etwa 6 200 (siehe Grafik). Dies geht aus den neuen Zahlen hervor, welche die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) jährlich bei den russischen Behörden einholt.

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Dass deutsche Firmen das Land verlassen, ist nichts Neues. So verließen im abgelaufenen Kalenderjahr 346 Firmen mit deutscher Beteiligung das Land. Dies entspricht einem Minus von 6,1 Prozent. 2015 waren es 417 Unternehmen (zirka 7,5 Prozent), im Jahr davor 167 (etwa 4,1 Prozent). Neben dem seit drei Jahren konstanten Abwärtstrend, zeigt die Statistik eine neue Entwicklung: Während die Anzahl der Einzelunternehmen abnimmt, stieg die Zahl der Repräsentanzen und Filialen: von 541 im Jahr 2015 auf 544 im letzten Jahr. Damit stabilisierte sie sich erstmals seit 2010 (seitdem führt die AHK die Statistik).

Umbruch in der Statistik: Neues Zulassungsverfahren

Es habe keinen signifikanten Rückgang gegeben, wie AHK-Pressesprecher Alexej Knelz gegenüber der MDZ erklärt. „Einige Kleinunternehmen verließen zwar den Markt. Unter den Gebliebenen gibt es aber ein qualitatives Plus. Daher sprechen wir auch von einer „Marktbereinigung“, so Knelz weiter.

Der einschneidende Rückgang der Zweigniederlassungen von 2014 auf 2015 liege demnach in einer Gesetzesänderung beim Zulassungsverfahren ab 1. Januar 2015, wie die AHK in einer Pressemeldung erklärte. Diese führte zu einer Umstrukturierung, die sich auf die Gesamtzahl der Niederlassungen auswirke. Dadurch soll auch die statistische Erfassung beeinträchtigt worden sein.

So kümmere sich seitdem der Steuerservice um das Verfahren, das bis dato die sogenannte Staatliche Zulassungskammer übernahm. Infolgedessen gab es unbegründete Absagen bei der Zulassung an sich, als auch Verfahrensschwierigkeiten. Dies behindere Unternehmen beim Markteintritt. Die Unternehmensanwältin Marina Jankowskaja der Kanzlei Rödl & Partner bestätigt diese Entwicklung. Laut ihr gibt es zusammenfassend zwei neue Hürden: Zum Einen verlängere sich die Bearbeitungszeit der Zulassungsanträge von 21 auf 35 Tage, wodurch sich der Prozess verlangsame. Zum Anderen sei es nun nicht mehr möglich, die Dokumente nach Beantragung bei der Behörde zu korrigieren. Stattdessen müsse die Zulassung komplett erneut beantragt werden. Pro Antragstellung werden 120 000 Rubel (umgerechnet etwa 1 852 Euro) Verwaltungsgebühren fällig. Im Falle einer erfolgreichen Zulassung, so Jankowskaja, würden die Unternehmen aber langfristig vor Ort bleiben.

Die Gesetzesänderung liegt bereits zwei Jahre zurück. Gibt es also noch andere Gründe für den Unternehmensrückgang? Bei der letzten AHK-Umfrage von Oktober 2016 unter 90 deutschen und russischen Mittelständlern und Konzernen zum Geschäftsklima gaben neun von zehn Mitgliedsunternehmen an, dass der Mittelstand unzureichend von der russischen Regierung gefördert werde.

Experten: Steigender Regierungseinfluss als Ursache für Rückgang

„Aktuellen Studien zufolge steigt der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft an. Dies begünstigt Tendenzen zur Monopolisierung von Sektoren und größeren Staatsunternehmen zum Nachteil kleiner und mittelständischer Unternehmen“, erklärt Andreas Schwabe von der Raiffeisen Bank. Diese Probleme betreffen sowohl inländische, als auch ausländische Unternehmen vor Ort. „Gute Beziehungen zur regionalen und föderalen Administration spielen eine Rolle für den Erfolg wie auch die Bewältigung bürokratischer Hindernisse und der Umgang mit Korruption“, so Schwabe weiter.

Auch GTAI-Experte Ulrich Umann ist kritisch gegenüber der Regierungspolitik gegenüber Investoren, wie er in einer Analyse formuliert. Kurzfristig mögen Importsubstitution und Spezinvestverträge die steigenden Zahlen ausländischer Unternehmen vor Ort stimulieren. Mittel- bis langfristig führten staatliche Eingriffe aber zur Stärkung bestehender Monopole. Gefördert werde nur die Abhängigkeit der Unternehmer von Staatshilfen.

Anreize für Investoren: Unternehmen nicht chancenlos

Der Leiter des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in Moskau, Sven Flasshoff, meint, dass dies trotz „leichtem Lokalisierungsdruck“ nicht bedeute, dass „ohne eine lokale Fertigung nichts mehr möglich ist”. Für Flasshoff hätten auch kleinere Unternehmen durchaus noch Chancen. Aber die kleinen und mittelständischen Investoren dürften sich, laut VDMA-Chef Flasshoff, nicht zu stark von Staatsaufträgen oder Subventionen abhängig machen. Ein Teil der Verantwortung liegt also auch bei den Unternehmen selbst.

Der AHK-Vorstandsvorsitzende Matthias Schepp sieht derweil Bemühungen auch auf offizieller Seite. „Sowohl Regionen als auch Regierung tun viel, um die Investitionsbedingungen zu verbessern”, so Schepp. „Sie werben aktiv um die Gunst ausländischer Investoren. In fast allen Regionen sind Technologieparks mit guter Infrastruktur entstanden. Aber natürlich gibt es auch dort Einiges nachzuholen: Es fehlt zum Beispiel an Zulieferern und Fachkräften.“

Es bleibt also noch viel zu tun, wenn der Abwärtstrend aufgehalten, die Stabilisierung beibehalten und am Ende vielleicht sogar eine Zuwanderung deutscher Firmen nach Russland erreicht werden soll.

Christopher Braemer

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