„Russland braucht seine eigene Reformation“

Hier steht sie und kann nicht anders: Die evangelisch-lutherische Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau ist ein Zentrum der Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation. Begonnen haben sie bereits im Herbst, doch jetzt fängt das Jubiläumsjahr so richtig an. Die MDZ sprach deshalb mit Pfarrer Viktor Weber (41) vor allem darüber, was Reformation in und für Russland bedeutet.

Pfarrer Viktor Weber / Privat

Pfarrer Viktor Weber / Privat

Herr Weber, wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal von Luther und der Reformation gehört haben?

Das muss im sowjetischen Schulunterricht gewesen sein. In Sibi­rien, wo ich geboren bin. Und auch aus dem Munde meines Großvaters, der von der Wolga stammte und wie alle Wolgadeutschen 1941 deportiert wurde. In Kasachstan, wo er später lebte, wurden in den 80er Jahren, zu Zeiten der Perestroi­ka, die ersten Gottesdienste abgehalten, noch halb im Untergrund. Er hat sich taufen lassen. Aber die Gespräche über diese Dinge blieben sporadisch. Ich war ein ganz normaler sowjetischer Schüler.

Was haben Sie in der Schule über die Reformation gelernt?

In den Lehrbüchern hat man sie als Teil des Klassenkampfes dargestellt, wie es der damaligen Ideologie entsprach. Sie wurde also aus dem historischen Zusammenhang gerissen.

Wie sehr betrifft uns das, was vor einem halben Jahrtausend passierte, heute?

Was die Reformatoren wollten, war eine Rückbesinnung auf Gottes Wort, auf die Kirche aus der Zeit der Apostel. Luther hat diese Diskussion 1517 mit seinen 95 Thesen angestoßen, in denen Missstände und Fehlentwicklungen angeprangert wurden. Die Diskussion ist allerdings nicht in Gang gekommen, stattdessen gab es Konfrontation, Krieg und Kirchenspaltung.

Wir Lutheraner verstehen Reformation nicht als einmaliges Ereignis, sondern als ständigen Prozess der Analyse, der Erneuerung. Das ist also immer aktuell. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, das Jubiläumsjahr 2017 zu nutzen, um diese Auffassung von Reforma­tion nach außen zu tragen: nicht als eine längst vergangene historische Etappe, sondern als etwas mit ganz praktischer Bedeutung für uns im Hier und Heute.

Reformation

Auch in Moskau: Heiligabend 2016 in der lutherischen Kathedrale zu Moskau. / ELZ ER

Um Russland habe die Reforma­tion einen Bogen gemacht, heißt es meist. Trifft das zu?

Russland ist nur indirekt damit in Berührung gekommen. Speziell seit Iwan dem Schrecklichen haben sich hier Einwanderer niedergelassen, ihre Religion und Kultur mitgebracht. Zunächst fühlten sie sich noch als Ausländer, denen auch spezielle Wohnorte zugewiesen wurden. Aber beginnend mit dem 18. Jahrhundert fielen diese Grenzen. Die Reformation erreichte Russland also über die Menschen. Und auch die evangelisch-lutherische Kirche, obwohl westlichen Ursprungs, wurde eine russische. Bis das 20. Jahrhundert dieser Entwicklung ein Ende setzte.

Braucht Russland seine eigene Reformation?

Natürlich. Russland hat seine Geschichte, seine Prägung. Aber so wie jedes Land muss es sich mit sich selbst beschäftigen, Fehler überdenken, den Weg der Erneuerung gehen.

Dasselbe würden Sie also auch über Deutschland sagen?

Deutschland hat solche Perioden erlebt, in denen sich die Gesellschaft erneuert hat, sowohl im Mittelalter als auch nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel.

Und die Perestroika, die Aufarbeitung mit der Sowjetvergangenheit in Russland?

Dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen. Mir scheint, dass gerade jetzt ein Fundament entstehen muss, auf dem sich die Zukunft aufbauen lässt, anstelle des Fundaments, das noch aus Sowjetzeiten stammt. Sich mit der heutigen Welt auseinanderzusetzen, ist für Russland eine besondere Herausforderung, weil man hier noch nicht mit aller Konsequenz die Schlussfolgerungen aus diesem furchtbaren 20.  Jahrhundert gezogen hat. Da steht noch viel Arbeit bevor.

Der russisch-orthodoxen Kirche wird verschiedentlich zugutegehalten, dass sie im theologischen Konflikt zwischen Luther und der katholischen Kirche durchaus auf Luthers Seite hätte stehen können. Den Ablasshandel, den er scharf kritisierte, kannte sie nicht, das Zölibat ebenso wenig. Und auf den Papst war sie ohnehin nicht gut zu sprechen.  

Wenn Martin Luther zu seinen Lebzeiten Kontakt zur russisch-orthodoxen Kirche gehabt hätte, dann hätte er festgestellt, dass man in vielem auf einer Wellenlänge liegt. Darauf weisen in der Tat viele Historiker hin. Ansonsten tue ich mich schwer, für die Orthodoxie zu sprechen. Aber mir scheint, dass auch sie sich reformieren muss. Bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts stand sie an der Schwelle tiefgreifender Veränderungen. Aber der bolschewistische Umsturz hat jeglichen konstruktiven Ansatz für lange Zeit zerstört. Ich denke, dass die orthodoxe Kirche heute vor allem Zeit braucht. Russland befindet sich in einem Prozess der Selbstfindung, des Anknüpfens an sein Erbe, seine reiche Geschichte. Dabei darf es nicht die Fehler wiederholen, die bis 1917 gemacht wurden.

Das Logo von Russlands Lutheranern für 2017.

Das Logo von Russlands Lutheranern für 2017.

Wie kommt es, dass die weitaus meisten Russlanddeutschen Lutheraner sind?

Man hatte in Russland bekannte Vorbehalte gegenüber den Katholiken, befürchtete auch deren Missionarstätigkeit. Zu Protestanten, Lutheranern war das Verhältnis neutral. Kein Wunder also, dass die ganz große Mehrheit der Übersiedler, der deutsche Kolonisten, die Katharina die Große einlud, aus diesen Kreisen kam. Vielleicht hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass die Zaren ja selbst familiäre Beziehungen nach Deutschland unterhielten: zu Protestanten, nicht zu Katholiken.

Welche Botschaft verbinden Sie mit 500 Jahren Reformation?

Der Terrorismus zeigt uns, was die Folgen sind, wenn kein Platz für verschiedene Meinungen, für Verständigung ist. Auch die christlichen Konfessionen müssen ungeachtet gewisser Unterschiede in der Glaubenslehre aufeinander zugehen, miteinander reden, zusammenarbeiten. Denn was vor 500 Jahren geschehen ist, war ja nicht nur positiv. Es hat viele Fehler und viele Opfer gegeben – auf beiden Seiten. Heute gilt es, die Kirchenspaltung nach und nach zu überwinden, unsere Meinungsverschiedenheiten auszuräumen und den Weg der Versöhnung einzuschlagen. Vor diesem Hintergrund laden wir am 24. Januar um 19 Uhr zu einem musikalischen Abend in unsere Kathedrale ein. Die Veranstaltung bildet den Höhepunkt der Woche des Gebets für die Einheit der Christen, die uns sehr am Herzen liegt. Außerdem sind dieses Jahr mit Unterstützung der Stadt Moskau und der Präsidialadministration eine Reihe von Konferenzen, Ausstellungen, Lesungen und Gottesdiensten geplant.

Das Interview führte Tino Künzel.

 

Reformation vs. Revolution

Pawel Rynditsch, protestantischer Pfarrer aus Nischnij Nowgorod an der Wolga, hat neulich in der russischen Bürgerkammer über die Reformation gesprochen. Die MDZ druckt mit freundlicher Genehmigung Auszüge aus dem Vortrag.

Die Reformation mag als theologischer Streit begonnen haben, wurde aber zu einem Katalysator für den Umbau der Welt, so wie man sie damals kannte. Der Wunsch, Gottes Wort zu lesen, verlieh dem Bildungssystem Impulse, während die Bildung ihrerseits die Entstehung neuer Wissenschaften begünstigte, was zu technischem und wirtschaftlichem Fortschritt führte. Die der Bibel entnommene Offenbarung, dass Arbeit eine Tugend darstellt, veränderte die Einstellung zu den Mitmenschen und zum Haushalt. Denn bis zur Reformation galt Arbeit als etwas Erniedrigendes. Die Oberschicht, aufgewachsen mit der Idee von militärischem Heldenmut, hatte nie gearbeitet. Im Russischen leitet sich das Wort „Arbeit“ (Rabota) von „Knecht“ (Rab) ab. Die Bojaren trugen lange Ärmel und demonstrierten so nach außen: Wir arbeiten nicht, sind schließlich keine Untertanen. Diese ideelle Arbeitslosigkeit findet in unserer Gesellschaft bis heute hier und da ihren Widerhall. Dort, wo die Reformation sich entfalten konnte, wachsen derweil die schönsten Tulpen, wird der beste Käse gemacht, werden die besten Messer und Uhren, die besten Autos und Maschinen hergestellt, gibt es Ikea, Nokia und Bosch.

Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass die Arbeitsethik, wie sie in der Bibel beschrieben wird, eine so einfache wie für die Gesellschaft wertvolle Eigenschaft ins rechte Licht gerückt hat: die Bescheidenheit. Die Menschen begannen sich auf einmal als Gleiche unter Gleichen vor Gott zu fühlen, egal, welcher Schicht sie angehörten und welche finanziellen Unterschieden zwischen ihnen liegen mochten. In der protestantischen Kultur ist es völlig normal, wenn ein Milliardär und ein Lagerarbeiter denselben Bus benutzen oder eine Hausfrau und die First Lady dasselbe Fitnessstudio. Und zwar nicht deshalb, weil der Lagerarbeiter und die Hausfrau sich unbedingt unter die oberen Zehntausend mischen wollen, sondern sich die Erfolgreichen und Reichen keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn sie sich zum einfachen Volk gesellen.

Unsere wichtigen Jungs vom Hinterhof, für die Status alles ist, werden das nie verstehen. Aber das ist übrigens der Grund, warum in protestantischen Ländern selten revolutionäre Stimmungen hochkochen. Den Milliardär aufzuspießen, der mit dir im selben Bus fährt, geniert man sich. Geradezu lustvoll wird dagegen zum Galgen geschleift, wer hinter einem drei Meter hohen Zaun lebt und seine Nachbarn für Pöbel hält. Deshalb hat Russland allein im 20. Jahrhundert vier Revolutionen erlebt. Dabei hätte man zumindest eine davon gern gegen die Reformation eingetauscht. Wobei Reformation im Grunde genommen natürlich auch eine Form von Revolution ist, nur ohne Aufstand und Blut. Ein prinzipieller Unterschied.

Reformiert haben unsere Vorfahren in erster Linie letztlich nicht die Wirtschaft oder die Gesellschaft, sondern sich selbst. Durch tägliche Reflexion über das Gotteswort. Durch das Gebet. Das langfristige Resultat: Die Gesellschaft und alles Weitere haben sich gemeinsam mit ihnen geändert.

Übersetzt von Tino Künzel.

 

Kommentare

Kommentare