Putin und Erdogan: nicht aus gleichem Holz

Zurzeit schimpfen alle über Erdogan und sehen bei ihm Ähnlichkeiten zum russischen. Zwei bemerkenswerte Artikel russischer Journalisten, die man nach deutscher Art „Erdoganversteher“ nennen könnte, widersprechen dem Trend.

Eines haben die beiden starken Männer Russlands und der Türkei zweifellos gemein: Sie sind Zielscheibe beißender Kritik aus dem Ausland, die von berechtigt bis bubenhaft reicht. Ist Recep Tayyip Erdogan vielleicht zu einem Wladimir Putin mit Schnauzbart mutiert, der sein Land in eine gelenkte Demokratie oder sanfte Diktatur wie in Russland führt? Zwei bemerkenswerte Artikel russischer Journalisten, die man nach deutscher Art „Erdoganversteher“ nennen könnte, widersprechen dem Trend, nur die Ähnlichkeiten zwischen beiden Politikern, die sich am 9. August in St. Petersburg treffen werden, hervorzuheben.

Optische Täuschung: Erdogan (l.) ist einen Kopf größer als Putin / RIA Novosti, MDZ

Optische Täuschung: Erdogan (l.) ist einen Kopf größer als Putin / RIA Novosti, MDZ

Girogij Golossow, Professor der Privatuni „Europäische Universität St. Petersburg“, erkennt auf Slon.ru in der Türkei noch immer Merkmale einer funktionierenden Demokratie, ganz im Gegensatz zu Russland. Es gebe ein starkes Parlament und die wichtigsten Oppositionsparteien könnten noch immer relativ ungehindert arbeiten. Der Einfluss der Sicherheitsorgane habe mit dem Putschversuch sogar noch weiter abgenommen, was eine gute Entwicklung sei. Gerade in diesem Punkt sehe es in Russland düster aus, wo zuletzt durch Personalentscheidungen des Kreml noch mehr Schlüsselpositionen in die Hände von Ex-Geheimdienstlern und Vertretern des Machtapparats gekommen waren.
Der türkische Präsident habe sich zudem seine Macht hart erkämpfen müssen, während der russische sie „von seinem Vorgänger für gutes Benehmen“ erhalten habe. Dennoch droht der Türkei nach Golossow eine große Gefahr: Weil das Netzwerk des Predigers Gülen, den die türkische Politik für den Putschversuch verantwortlich macht, im Untergrund gewirkt habe, drohe seine Bereinigung in massenweise Repressionen auszuschlagen: Jeder könnte darin verwickelt sein.
Nadjeschda Keworkowa verfasst auf dem beliebten Petersburger Onlineportal Fontanka.ru ein regelrechtes Loblied auf Erdogan. Im Vergleich zu ihm kommt Wladimir Putin bei ihr gar nicht gut weg. Bemerkenswert dabei: Die Expertin für Religionen und den Nahen Osten ist die Ehefrau des putintreuen Starjournalisten Maxim Schewtschenko und Mitarbeiterin des staatlichen Auslandssenders RT (ihr letzter Beitrag dort datiert von Ende 2015).
Auch Keworkowa betont, dass Erdogan einen steinigen Weg zur Macht durchlaufen musste: In der kemalistischen Türkei war er als Spross einer religiösen Familie nicht Günstling, sondern Gegner des Systems und saß sogar in Haft, weil er als Bürgermeister von Istanbul ein im Volk weit verbreitetes Gedicht zitierte. Putin hingegen habe keine Erfahrung darin, in der Opposition zu sein und darunter zu leiden. Er verkörpere selbst ein Regime, das Menschen für Gedichte ins Gefängnis werfe. Putin habe eine ganze Schar von Männern an die Macht gebracht, die wie er aus den sowjetischen Geheimdiensten entsprungen sind – gedankenlose Befehlsempfänger und Bürokraten ohne politische Ideale, die niemandem vertrauen und jeden bespitzeln lassen, damit sie ihn zur Not kompromittieren können.
Erdogan hingegen sei ein Mann des Volks. Als er in der Putschnacht die Türken aufforderte, auf die Straße zu gehen, folgten ihm Millionen. Der Kreml habe hingegen während der Moskauer Proteste 2012 nur die Staatsdiener zu seiner Unterstützung mobilisieren können – gegen Bezahlung. Putin mache sich daher auch keine Illusionen: Sollte „etwas passieren“, werde das Volk nicht für ihn auf die Straße gehen.
Für Keworkowa ist Erdogan eindeutig der bessere Mensch von beiden, loyal und des Mitgefühls fähig. Bezeichnend sei die Reaktion beider Politiker auf den Putsch in Ägypten im Jahr 2013, als das Militär um General al-Sisi den gewählten Muslimbruder Mohammed Mursi stürzte und einkerkerte. Erdogan sei der einzige Staatschef gewesen, der gegen die Gewaltorgie in Kairo protestiert habe. Putin hingegen habe geschwiegen, obwohl er nur einen Monat vor dem Militärputsch Mursi als Gast empfangen hatte. Wer meint, beide seien aus dem gleichen Holz geschnitzt, irre also gewaltig.

Bojan Krstulovic

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