Prof. Wunderlich: Wladimir Medinskij und seine Habilitation

Die Vorwürfe gegen den Kulturminister wiegen schwer. Jetzt wurde seine wissenschaftlich Arbeit erneut einer Prüfung unterzogen

Habilitation

Wladimir Medinskij

Akademische Würden machen viel Arbeit und kosten Zeit. Russlands Kulturminister Wladimir Medinskij, seit 2012 im Amt, hatte offenbar die Ausdauer und Kraft für gleich mehrere solche Titel. Nach seiner Dissertation in Politikwissenschaften folgte zwei Jahre später gleich die Habilitation.

Und das war noch nicht alles. Nach offiziellen Angaben verteidigte der heute 47-jährige Politiker im Sommer 2011 an der Russischen Staatlichen Sozial­universität eine weitere Habilita­tionsschrift. Die Arbeit im Fach Geschichte mit dem Titel „Probleme der Objektivität in der Beleuchtung der russischen Geschichte der zweiten Hälfte des 15. Jh. – 16.Jh.“. Sie ist eine logische Fortsetzung seiner erfolgreichen Buchreihe „Mythen über Russland“. Medinskij bietet in ihnen er eigene Versionen und Interpretationen der russischen Geschichte an.

Erste Kritik gab es schon 2012

Schon im Januar 2012 wurden erste Vermutungen laut, dass mit Medinskijs Habilitationsschrift etwas nicht stimme. Die Plagiatsjäger von Dissernet konnten jedoch zunächst keine Anhaltspunkte finden. Im April 2016 forderten schließlich die Geschichtsprofessoren Wjatscheslaw Kosljakow und Konstantin Jerusalimskij das Bildungsministerium auf, Medinskij den Professorentitel abzuerkennen.

Die Arbeit sei unwissenschaftlich, fehlerhaft und propagandistisch aufgeladen, so die Historiker. Medinskij schreibt beispielsweise, dass zu Zeiten Iwans des Schrecklichen Kirchenbücher in Russland auf Russisch abgefasst wurden, weswegen sie leichter verständlich waren als die lateinische Bibel der Katholiken. „Das beweist, dass ihm weder das Altkirchenslawische noch die Übersetzungen Martin Luthers ein Begriff sind“, heißt es in einer Erklärung der Professoren.

Letztendlich entschied die Bildungsministerin

Nachdem die Föderale Universität in Jekaterinburg und die Lomonossow-Universität in Moskau eine weitergehende Untersuchung der Habilitation ablehnten, übernahm dies letztlich die Staatliche Universität Belgorod  – und entlastete Medinskij. Unter russischen Historikern sorgte das für heftige Kritik. Am 2.  Oktober stellte sich dann die sogenannte Höhere Attestierungskommission im Bildungsministe­rium, zuständig für die Verleihung akademischer Grade, gegen die Entscheidung aus Belgorod, während eine Recherche der „Nowaja Gaseta“ Zweifel daran nährte, ob Medinskij seine Habilitation je verteidigt hat.

Der Expertenrat der Höheren Attestierungskommis­sion kam zu dem Schluss, dass die Arbeit unwissenschaftlich sei und dem Minister der Professorentitel entzogen werden müsse. Zur allgemeinen Überraschung folgte das Präsidium der Kommission dem Expertenrat – dessen Votum es normalerweise bestätigt – nicht. Endgültig zu den Akten gelegt wurde der Fall daraufhin durch eine Anordnung von Bildungsministerin Olga Wassiljewa. Sie entschied, dass ihr Kollege den Titel behalten darf. Wassiljewa zeigte sich „sehr glücklich, dass alles vorbei ist“.

Auch andere Politiker hat es bereits getroffen

Wladimir Medinskij ist nicht der erste russische Politiker, der mit einer wissenschaftlichen Arbeit die Gemüter erregt. Ähnlich unbeschadet wie der Kulturminister überstand Andrej Worobjow, Gouverneur des Gebiets Moskau, die im Wahlkampf 2013 gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Er ist bis heute im Amt.

Aber es geht auch anders: Im Sommer 2014 verlor die ehemalige Landwirtschaftsministerin Jelena Skrypnik ihren Professorentitel in Wirtschaft und im Februar 2017 wurde einem der Co-Autoren des Gesetzes über das „Recht auf Vergessen“, dem Ex-Duma-Abgeordneten Alexej Kasakow, sein Doktortitel in Politikwissenschaften aberkannt. Im November 2015 traf es erstmals auch einen Abgeordneten der Duma. Die Habilitations­schrift von Rischat Abubakirow erwies sich zu fast 100 Prozent als Plagiat.

Daniel Säwert

 

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