Primaballerina Semionowa: Wenn Moskau mich ruft

Polina Semionowa zog mit 16 Jahren von Moskau nach Berlin und wurde dort Primaballerina. Vor kurzem war sie in ihrer alten Heimat zu Gast. 

Primaballerina

Semionowa in „Giselle“ in Berlin. In der Staatsoper Unter den Linden tritt sie wieder am 15. und 28. Dezember in „Jewels“ auf. /Foto: Yan Revazov

Polina Semionowa, geboren 1984 in Moskau, war gerade 16, als sie an der Ballettschule des Bolschoi-Theaters entdeckt und an die Staatsoper Unter den Linden eingeladen wurde. Ein Jahr später war sie dort Primaballerina. Nach ihrer Babypause trat sie Anfang Oktober beim IV. Internationalen Ballett-Festival im Kreml auf.

Wie war Ihr erster Eindruck von Deutschland, als Sie mit 16 nach Berlin zogen?
Ehrlich gesagt: Ich wollte am Anfang einfach nur nach Hause. Ich habe meine Verwandten, mein Zuhause und Moskau sehr vermisst.

Was hat Ihnen geholfen?
Die Arbeit. Ich war den ganzen Tag im Ballettsaal. Das Eintauchen in das Repertoire und in neue Rollen hat mich begeistert. Nach und nach habe ich Bekannte und Freunde gefunden. Es gibt mittlerweile auch Zuschauer, die zu jedem meiner Auftritte kommen, seit sie mich in meiner ersten Zeit in Berlin auf der Bühne gesehen haben. Diese Menschen liegen mir sehr am Herzen.

Was bedeutet Moskau für Sie?
Moskau ist die Stadt, in der ich studiert und mein Debüt als Ballerina gegeben habe. Dieser Ort hat für mich noch immer eine starke Anziehungskraft. Wenn ich einen Anruf aus Moskau bekomme, heißt das, dass die Stadt mich ruft. Dann lasse ich alles stehen und liegen, um im Bolschoi-Theater oder im Kremlpalast auf der Bühne zu stehen. Mein Zuhause ist aber schon lange Berlin. Dort habe ich meine Familie. In Moskau bin ich auch immer besonders aufgeregt. Vielleicht liegt das daran, dass hier meine Schule und meine Lehrer sind. Das verpflichtet.

Haben Sie als Primaballerina immer noch Lampenfieber?
Das Wort gefällt mir nicht. Ich denke darüber nicht nach. Aber natürlich bin ich aufgeregt. Ehrfurcht darf man haben, das ist normal. Das zeigt, dass man Respekt vor dem Tanz und der Tradition des Balletts hat.

Welche Rolle passt am besten zu Ihnen?
Die Nikija in „La Bayadère“. Erst heute habe ich sie auf der Bühne des Kremlpalastes getanzt. Das ist Drama, das sind Emotionen. Ich liebe Ballett mit Geschichte. Mythen, Legenden – die stecken voller Gefühle. Ich tanze auch gerne in „Onegin“ und „Romeo und Julia“.

Wegen der starken Emotionen und großartigen Ballettmusik?
Genau. Als ich ein Kind war, sagte meine Schwester zu mir: „Polina, hör einfach auf die Musik und die Musik wird dich führen!“ Das ist tatsächlich so. Musik und Gefühle leiten mich und lassen keinen Raum für Gedanken und Ängste. Das ist das Angenehme an meinem Beruf.

Mit welchen Choreografen arbeiten Sie am liebsten zusammen?
Das ist eine schwere Frage. Ich habe in vielen Stücken überall auf der Welt getanzt. Besonders  gerne habe ich zum Beispiel Choreografien von William Forsythe, John Neumeier und Mauro Bigonzetti getanzt. Am besten haben mir jedoch die Stücke von Nacho Duato gefallen, der seit der Spielzeit 2014/15 Intendant am Staatsballett Berlin ist. Unter ihm habe ich unter anderem Soli in „Dornröschen“, „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ und in „White Darkness“ getanzt.

Wo wird die Ballerina Polina Semionowa in zehn Jahren stehen?
Ich weiß nicht, was morgen sein wird. Vielleicht bin ich in zehn Jahren schon Mutter von drei Kindern? Ich liebe Kinder, und Mutter zu sein ist das schönste Gefühl der Welt. Das ist eine absolut neue Seite in meinem Leben und einfach überwältigend. Für diese große Liebe gebe ich vieles, bekomme aber noch mehr zurück. Das ist auch meine neue Inspirationsquelle fürs Tanzen.

Das Gespräch führte Elena Solominski.

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