Persimfans: Orchester ohne Dirigent

1922 wurde in der Sowjetunion ein „herrschaftsfreies Orchester“ gegründet. Seit 2008 hat es einen Nachfolger. Dessen Musiker treten im Dezember zusammen mit Düsseldorfer Kollegen in Moskau auf.

Persimfans

Das Orchester Persimfans sitzt im Stuhlkreis. /Foto Susanne Diesner

Wenn die ersten Töne einer Sinfonie erklingen, sind normalerweise alle Augen auf einen gerichtet. Der Dirigent „gibt den Ton an“. Er bestimmt das Tempo, zeigt den Musikern an, ob sie lauter oder leiser werden sollen und welche Stimmen hervortreten dürfen. Er hält das Ensemble zusammen, verleiht der Interpretation seine Handschrift. Und hat ganz allein das Sagen. Fast wie ein absolutistischer Herrscher.

Letztere waren 1922 in der gerade erst gegründeten Sowjetunion in Politik und Gesellschaft nicht mehr gefragt. Damals kam eine Gruppe von Künstlern auf die Idee, die Alleinherrschaft auch im Orchester zu beenden. Sie gründeten das dirigentenlose Persimfans, so die russische Abkürzung für „Erstes Symphonisches Ensemble“. Es bestand zwar nur zehn Jahre, hat in Russland aber mittlerweile unter gleichem Namen Nachfolger gefunden.

Ein historisches Projekt

Initiatoren des 2008 wiedererstandenen Persimfans sind Peter Aidu und Grigorij Krotenko, die das Ensemble heute leiten. Am Anfang der Neugründung stand ein Buch über das Original, das den beiden in die Hände fiel. Zuvor hatte er in der Schule und am Konservatorium in den Achtziger- und Neunzigerjahren fast nichts über das historische Projekt erfahren, sagt Aidu.

Nach zehn Jahren passte der Verzicht auf einen Mann mit Taktstock nämlich schon nicht mehr in die Zeit, Stalin ließ Persimfans verbieten. In den folgenden Jahrzehnten wurde kaum daran erinnert, und wenn, dann galt es „als Paradebeispiel dafür, dass absolute Gleichberechtigung aller nicht funktioniert“, erinnert sich Krotenko.

Mit dem Rücken zum Publikum

Ihm und Aidu geht es heute weniger um eine politische Ideologie als um das besondere musikalische Ergebnis, das herauskommt, wenn man nicht stur nach Taktstock spielt, sondern darauf angewiesen ist, den Kollegen genau zuzuhören. „Die Arbeit in diesem Ensemble verlangt von den Musikern, dass sie ständig wechseln zwischen führender und untergeordneter Rolle“, erklärt Aidu.

Das beginnt schon bei den Proben. Gewiss gibt es Wortführer, die ihre Meinung öfter und lauter kundtun als andere. Aber im Prinzip kann jeder Musiker jederzeit seine Kritik und Ideen einbringen. Auch wenn das manchmal anstrengend und zeitintensiv ist. „Die Proben sind oft sehr emotional“, gesteht Aidu. Damit das Zuhören, und auch der unabdingliche Blickkontakt, besser funktionieren, sitzen die Musiker bei den Proben wie auch später beim Konzert nicht in der bekannten Formation, sondern im Kreis. Was auch heißt, dass einige von ihnen den Zuhörern den Rücken zuwenden.

Dem Geist der Oktoberrevolution verbunden

Optisch wie akustisch biete das Persimfans ein „neues Erlebnis“, schwärmt der Leiter des Moskauer Goethe-Instituts Rüdiger Bolz. Er war im Oktober bei den Proben dabei, als sich die russischen Musiker zusammen mit ihren Kollegen von den Düsseldorfer Symphonikern auf zwei gemeinsame Konzerte in Moskaus Partnerstadt vorbereiteten. Das Goethe-Institut unterstützte von Beginn an die Kooperation, deren Ergebnis im Dezember auch in Moskau zu hören sein wird.

Das genaue Programm steht noch nicht fest. Es soll sich aber um den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution drehen wie schon in der Tonhalle Düsseldorf. Dort erklangen Werke, die auch das erste Persimfans im Repertoire hatte. Außerdem solche, die „mit dem Geist der Oktoberrevolution verbunden sind“, wie es in der Ankündigung hieß: Ludwig van Beethovens Ouvertüre zu „Egmont“ zum Beispiel oder Joseph Schillingers Symphonische Rhapsodie „Oktober“, die 1927 zum besten Werk der ersten zehn Jahre der Sowjetunion gewählt wurde.

Corinna Anton

14. Dezember, 19 Uhr
Tschaikowski-Konzertsaal (Metro Majakowskaja)

Karten unter www.meloman.ru

 

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