Pendlerin zwischen den Welten

Moskau ist ein Magnet für Menschen aller Couleur, mit ungewöhnlichen Talenten, mit erstaunlicher Schaffenskraft. Die MDZ stellt sie vor — diesmal Simone Hillmann, Slawistin und Lerntherapeutin.

Simone Hillmann und ihr Ehemann beim Tanzen /Foto: Privat.

Ein mächtiger alter Wohnblock, ganz ordentlich in Schuss. In Vorzugslage. Vom nahen Kreml trennt ihn nur der Fluss Moskwa. Ein frisch renoviertes orthodoxes Kirchenensemble versperrt allerdings den freien Blick aus dem Küchenfenster der großzügig geschnittenen Wohnung von Simone Hillmann. Gar nicht so unpassend. In dem nachbarschaftlichen Bauwerk gibt es nämlich ein Glockenmuseum, wenn auch ein kleines. Die meisten Klangkörper aus Edelmetall wurden eingeschmolzen und im Verlauf der kommunistisch geführten Dekaden des letzten Jahrhunderts vermeintlich nützlicheren Aufgaben zugeführt, oft militärischen. Klerikale Baudenkmäler gehören quer durch das Riesenreich zu den Hauptzeugen russischer Geschichte. Und über deren wechselvolles Schicksal kann diese Frau aus eigener Anschauung viel erzählen – mehr wohl als so manche Einheimische, und nur mit ganz leichter sächsischer Sprachfärbung. Denn Simone Hillmann ist Leipzigerin.

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Aus ihrem Sinn und ihrer Liebe für das Altertümliche, architektonisch Bemerkenswerte und im normalen Moskauer Stadtleben Ungewöhnliche hat sie inzwischen sogar so etwas wie ein Geschäft gemacht. Gern teilt sie ihre Kenntnisse und ihr Wissen auf ausgedehnten Spaziergängen mit kleinen Gruppen Interessierter. Die führen abseits der gängigen Touristenpfade schon mal weg von Lärm und Hektik in versteckte Hinterhöfe. Was es da so alles zu erfahren gibt, lässt sich auch nachlesen. Allmonatlich erscheint kostenlos für inzwischen 900 Abonnenten ihre elektronische „MosKultInfo“: vielseitige Erlebnisberichte, um den Menschen das echte Leben im heutigen Russland näherzubringen.

Bei ihren Erkundungstrips ist immer an ihrer Seite der zweite Ehemann Steffen, ein Bauingenieur, der in Moskau seit Jahren ein Ingenieurteam für Planung in der Pharmaindustrie leitet. Sie kennen sich schon seit der Schulzeit. Und lernten zusammen tanzen, was sie noch heute gerne tun: Im Jahr der deutschen Kultur in Russland nahmen sie am Ball der Adelsversammlung teil und bekamen Lust, sich sogar in historischen Tanzschritten zu versuchen. Tanzstunden und weitere Bälle folgten, im letzten Jahr schwangen sie das Tanzbein auf dem Großen Katharinenball im Schloss von Zaryzino.

Reiselust durch Russland

Viele Jahre waren sie getrennte Wege gegangen. Bis sie 2004 wieder zusammenfanden. Kein Wunder. Die beiden Endfünfziger erscheinen wie Seelenverwandte, jedenfalls was ihre erkennbar genügsame Lebenshaltung, ihre Naturverbundenheit und ihre unstillbare „Wanderlust“ betrifft. Um die Weihnachtszeit werden mit Hilfe eines großen Kalenders die Reisepläne für das folgende Jahr ausgetüftelt. Meist sind dann die Fahrräder dabei und manchmal das Padelboot. Genächtigt wird häufig im Zelt, unter freiem Himmel auf eigener Flamme das Essen zubereitet. „Ein Leben reicht nicht“, sagt sie, um die Schätze Russlands mit allen Sinnen zu heben – und schon gar nicht die im Rest der Welt.

Simone Hillmann in ihrem Element: Stadtführungen durch Moskau. /Foto: Privat.

Aber auch ein ausgeprägtes, soziales Gewissen vereint die beiden: zum Beispiel in Gestalt des gerade vierjährigen Semjon, Söhnchen einer Mitarbeiterin ihres Mannes, ihrem „Herz-Baby“, wie sie liebevoll sagt. Der ist mit einem Organfehler auf die Welt gekommen, braucht spezielle, teure medizinische Hilfe. Dafür setzen sie sich ein, bis hin zum mühsamen Spendensammeln.

Sie trägt lange, nur leicht mit natürlich-grauen Strähnen durchwirkte Haare, bei ihm dominiert der volle Bartwuchs, beide meist in zeitlos-ländlicher Kleidung. Ein eher zurückhaltendes Paar mit bodenständigen Lebensformen. Simone Hillmann strahlt eine gelassene Ruhe aus, gepaart mit einer spürbaren Habacht-Haltung. Wohl aus Erfahrung. Sie hat so vieles er- und überlebt. Ihr Blick war immer eher gen Osten gerichtet, die Hinwendung anerzogen. Zwangsläufig. Immer wieder war sie gezwungen, sich in anderen Welten durchzusetzen. Und hat sich immer durchgekämpft. Dem Abiturjahr 1978/79 in Halle folgten lange Studienjahre der Slawistik im südrussischen Krasnodar, möglichst weit weg von zu Hause und Moskau: „Da war man nicht ständig so unter Kontrolle“.

Berufliches Ausprobieren

Zurück aus der UdSSR arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin an der Uni in Halle. Dann löste sich der Heimatstaat DDR plötzlich auf und wenig später der große Bruderstaat Sowjetunion. An der Hochschule war Russisch nicht mehr ganz so gefragt, aber schließlich gelang ihr noch die Dissertation über eine Dichtergruppe der russischen Aufklärung. Den Doktortitel erhielt sie 1992. Und zwischendurch, alljährlich 1984 bis 1988, vier Kinder. Die komplette Jungenschar galt es, sozusagen „nebenbei“, vernünftig auf ihre Lebensschienen zu bringen. Für das dafür dringend nötige „Kleingeld“ konnte sie sich zunächst als Sachbearbeiterin bei einer Spätaussiedlerstelle in Dessau verdingen. Bis sie sich nach entsprechender Ausbildung zur Spiel- und Lerntherapeutin, der Unterstützung für Kinder und Eltern bei allem, was zum Lernen gehört, widmete. Das tut sie bis heute, unter anderem auch an der Deutschen Schule Moskau.

Ihr handwerkliches Können stellt Simone Hillmann auch aus. /Foto: Privat.

Entspannung findet Simone Hillmann bei Seidenmalerei, Origami, Patchwork und Sticken. Handwerkliches, das sie inzwischen so gut wie professionell beherrscht: „Leider kann man davon nicht leben“, bedauert sie, obwohl sie viele Nähaufträge bekommt und sich und anderen damit viel Freude macht.

Am Zeithorizont kristallisiert sich schon heute ein vagabundierender Reisetraum nach dem Eintritt ins Rentenalter heraus: im Wohnmobil kreuz und quer durch Europa. Und was ist dann mit „Mein Moskau“? „Diese Stadt ist nichts für alte Menschen“, findet sie und kann sich auch mit der Erstarrung der Russen in ihrer anerzogenen, in vieler Hinsicht lähmenden Obrigkeitshörigkeit niemals abfinden – trotz ihrer eigenen Erfahrung oder gerade deshalb. „Wahrscheinlich nur ein Generationsproblem“, hofft sie.

Frank Ebbecke 

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