Gestatten, Panzerkreuzer Aurora! Revolutionsheld und Museum

Die „Aurora“ hat unzählige Schlachten geschlagen, dabei so manchen Treffer gelandet und auch viele ein­stecken müssen. Berühmt geworden ist sie jedoch ausgerechnet durch einen Blindschuss. Er soll am 7. November 1917 das Ende der Provisorischen Regierung eingeläutet haben. Jack Fordon, 22-jähriger Slawistikstudent von der Uni Heidelberg und gerade für ein Austauschsemester in St. Petersburg, hat das Schiff – seit 1957 Museum – für uns besucht.

„Jetzt kommen Sie mal hierher! Ich will Ihnen etwas zeigen.“ Irina arbeitet als Fremdenführerin auf der „Aurora“ – mein Kumpel Nosh und ich laufen ihr von Exponat zu Exponat hinterher. In überdurchschnittlich schnellem Russisch tischt sie uns einen Fakt nach dem anderen über die Geschichte des Panzerkreuzers auf. „Die Aurora ist ja wohl am meisten dafür bekannt, dass sie am 7. November 1917 einen Kanonenschuss abgegeben hat, der das Signal zum Angriff auf den Winterpalast gab. Das war aber nur eine Platzpatrone. Hätte man mit scharfer Munition solchen Kalibers geschossenen, wäre nicht nur der Palast, sondern auch der Palastplatz daneben in die Luft geflogen.“

Aurora

Die „Aurora“ diesen Sommer an ihrem angestammten Liegeplatz in St. Petersburg: Sie gehört zum Inventar der Oktoberrevolution und ist Pflichtprogramm für Touristen. / RIA Novosti

Die „Aurora“ lag an jenem Abend nicht dort, wo sie heute liegt: am Petrograder Ufer unweit der Peter- und-Paul-Festung. Sie befand sich in der Nähe der Blagoweschtschenskij-Brücke am Englischen Ufer, das macht ungefähr 1,5 Kilometer Luftlinie zum Winterpalast. Um 21.40 Uhr feuerte sie aus ihrer Kanone den Blindschuss ab. Nach sowjetischer Geschichtsschreibung stürmten daraufhin tausende Revolutionäre den Winterpalast. Eine riesige Schlacht, bei der am Ende die Bolschewiki die Oberhand behielten. Doch Irina erzählt, in Wirklichkeit sei der Kanonendonner gar kein Signal gewesen, sondern habe vor allem dazu gedient, die Verteidiger des Winterpalastes einzuschüchtern. In der „Prawda“ erschien am 9. November ein Artikel, in dem die Mannschaft der „Aurora“ sogar angab, sie habe damit nur die Schiffe auf der Newa warnen und zur Umsicht aufrufen wollen. Die ehemalige Zarenresidenz fiel den Revolutionären jedenfalls beinahe widerstandslos in die Hände. Von den Ereignissen erfuhren die meisten Bürger erst später aus der Zeitung.

„Es ist also nicht schwer zu verstehen, weshalb man einen Sturm erfunden hat“, sagt Irina. „Die tatsächliche Geschichte ist ja eher langweilig.“

Ich fühle mich durch die heroische Version nicht besonders betrogen – von der Existenz der „Aurora“ weiß ich sowieso erst seit ein paar Tagen. Und überhaupt gebe es auch ohne die Überhöhung des Revolutionsgeschehens noch jede Menge Interessantes über das Schiff zu erfahren, ermuntert uns Irina bereits wieder, ihr zu folgen.

Jetzt führt sie uns zu einem Gemälde. Darauf ist eine nagelneue „Aurora“ zu sehen, die von der Helling zu Wasser gelassen wird. Auf dem Steg daneben betrachten die Bürger St. Petersburgs die Festivitäten in Festtagsgarderobe.

„Wann war das denn?“, hake ich nach.

„Nach neuer Zeitrechnung am 24. Mai 1900.“

Drei Jahre dauerte der Bau der „Aurora“ und noch einmal drei Jahre später wurde sie offiziell in Dienst gestellt. In den darauffolgenden 40 Jahren nahm der Panzerkreuzer an drei Kriegen teil. Besonders schwer mitgenommen wurde er 1905 während des Russisch-Japanischen Krieges kurz vor Wladiwostok und während der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg, als das in Oranienbaum vertaute Schiff durch deutschen Fliegerbeschuss auf Grund gesetzt wurde und aufwändig gehoben werden musste.

Irina zeigt uns ein Bild, auf dem die „Aurora“ in einem norwegischen Fjord majestätisch vor Anker liegt. „Sie ist nie in die Hände anderer Nationen gefallen. Auf ihr wurde zum ersten Mal in der Ostsee die sowjetische Fahne gehisst. Und sie hat in den letzten 117 Jahren beinahe alle Meilensteine der russischen Geschichte miterlebt. Heute ist sie eines unserer bedeutendsten Denkmäler.“

1948 bezog das Schiff seinen sogenannten ewigen Liegeplatz schräg gegenüber vom Winterpalast. Der Ort sei kein Zufall, so Irina. „Sehen sie das blaue Gebäude da draußen?“ Sie weist durch ein Bullauge auf einen mondänen Bau am Ufer. „Das ist die Nachimow-Marineschule.“

Auch die Kommunistische Partei Russlands wirbt aktuell mit der Aurora und dem Slogan: „Wir kommen wieder!“

14 Jahre lange war die „Aurora“ Ausbildungsschiff. Und bis heute sieht man neben den Touristen auch Matrosen an Bord. Die jungen Männer leisten hier ihren Wehrdienst ab. Auch wenn die „Aurora“ nicht mehr fährt, so steht sie doch weiterhin in Diensten der russischen Marine. „Allerdings“, meint Irina, „ist ihre heutige Funktion als Museum durchaus wichtiger. Sie gewährt uns einen aufschlussreichen Blick in die Vergangenheit.“

Rechtzeitig vor dem Revolu­tionsjubiläum wurde die „Aurora“ in Kronstadt noch einmal generalüberholt, im Vorjahr kehrte sie an ihren angestammten Platz zurück. Das Museum verfügt seitdem über neun statt sechs Ausstellungsräume. „Und es sieht jetzt wie neu aus, ein Besuch lohnt sich also auf jeden Fall“, lässt Irina ausrichten.

Wenn es nach ihr geht, sollen Besucher von einer Führung vor allem mitnehmen, dass die „Aurora“ mehr ist als  Oktoberrevolution. „Ihre Geschichte reicht weit darüber hinaus. Ihr Leben ist das Leben Russlands.“

Das ändert nichts daran, dass derzeit der Jahrestag der Oktober­revolution das beherrschende Thema ist. Die Feierlichkeiten werden noch geplant, wobei bereits feststeht, dass die „Aurora“ am 5.  November um 19 Uhr ins Licht einer Lasershow getaucht und damit gebührend in Szene gesetzt wird.

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