Neues außenwirtschaftliches Gleichgewicht mit Schwachstellen

Die MDZ-Kolumne des Osteuropa-Experten Andreas Schwabe von der Raiffeisen Bank.

Andreas Schwabe ist Analyst für Osteuropa mit Schwerpunkt Russland und Ukraine in der volkswirtschaftlichen Abteilung bei der Raiffeisen Bank International in Wien.

Andreas Schwabe ist Analyst für Osteuropa mit Schwerpunkt Russland und Ukraine in der volkswirtschaftlichen Abteilung bei der Raiffeisen Bank International in Wien.

Um die russische Außenwirtschaft ist es etwas ruhiger geworden, gleichwohl gibt es positive Entwicklungen: Die Währungsreserven der Zentralbank haben sich seit der Einführung des frei schwankenden Rubels stabilisiert. Durch Bewertungseffekte und das Auslaufen von FX-Swaps mit den Geschäftsbanken stiegen diese sogar wieder von rund 360 Mrd. auf fast 400 Mrd. Dollar an. Die Abdeckungsquote der (privaten und staatlichen) Außenschuld durch Währungsreserven ist vom Tiefpunkt bei 65% wieder auf 75% gestiegen – den höchsten Wert seit drei Jahren. Private Nettokapitalabflüsse sind fast versiegt: In den ersten drei Quartalen 2016 betrugen diese nur noch 10 Mrd. US-Dollar, während im Vorjahreszeitraum noch 50 Mrd. abflossen. Dies weist darauf hin, dass sowohl russische Marktteilnehmer derzeit deutlich weniger Kapital ins Ausland schaffen beziehungsweise in Fremdwährung halten, während sich gleichzeitig auch der Schuldenabbau gegenüber dem Ausland verlangsamt hat. Zudem gibt es zuletzt erste positive Signale aus dem Warenhandel: Mit der Erholung der Ölpreise und der Stärkung des Rubels im Jahresverlauf belebten sich sowohl Importe als auch Exporte. Der Importwert (in US-Dollar) im dritten Quartal überstieg bereits den Vorjahreszeitraum um 5%, während die jährliche Exportwachstumsrate noch etwas hinterherhinkt, das heißt noch um 10% zum Vorjahresquartal schrumpfte. Doch auch hier ist der Tiefpunkt bereits durchschritten.

Allerdings weist das neue außenwirtschaftliche Gleichgewicht auch mehrere Schwachstellen auf: Der Außenhandelswert liegt drastisch unter der Periode des Ölpreishochs von 2011 bis 2014. Die jährlichen Exporte haben sich auf rund 270-280 Milliarden Dollar halbiert und die Importe sind um 45% auf unter 200 Mrd. Dollar gefallen. Eine Rückkehr auf alte Niveaus ist unrealistisch, eher ist von einem schwach bis maximal moderaten Wachstum in den kommenden Jahren auszugehen. Dies macht Russland als Exportdestination weniger attraktiv. Zweitens hat sich Abhängigkeit von Öl-und Gasexporten zwar reduziert – der Exportgüteranteil fiel von 67% in 2013 auf zuletzt 55%. Sie bleibt jedoch absehbar hoch. Der Nicht-Rohstoffsektor hat bis jetzt nur unterproportional positiv auf die reale Rubelabwertung von 30% reagiert und zeigt sich damit in der Fläche nicht flexibel genug um relevante Exportzuwächse zu generieren. Drittens ist der traditionell hohe Handels- und Leistungsbilanzüberschuss in Mitleidenschaft gezogen worden. In diesem Jahr schrumpfte der Handelsbilanzsaldo um fast die Hälfte, der Leistungsbilanzsaldo um fast drei Viertel. Dies könnte sich im Falle einer neuerlichen Welle an Kapitalabflüssen als problematisch erweisen, das heißt eine weitere Rubelschwächung oder Notenbankeingriffe erfordern. Letztlich könnte ein schwächerer Rubelkurs aber auch politisch begrüßt werden, da somit ein zu schnelles Importwachstum verhindert und die „Importsubstitution“ unterstützt würde. Dies wäre jedoch eher zum Vorteil einzelner russischer Produzenten und zum Nachteil der Mehrheit der russischen Verbraucher.

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