Nato statt MDZ

Russland und Polen – ausgerechnet. Mein Seitenwechsel fällt in eine Zeit, in der die Beziehungen der beiden Länder ein historisches Tief erreicht haben.

Von Jacqueline Westermann

Ich bin ein Wandervogel des 21. Jahrhunderts. An neuen Orten gewöhne ich mich schnell ein und fühle mich dort in der Regel schon nach kurzer Zeit zu Hause. So wie in Moskau, wo ich zuletzt ein halbes Jahr in der Redaktion der Moskauer Deutschen Zeitung gearbeitet habe. Und so wie jetzt in Warschau: Für den German Marshall Fund, einen US-amerikanischen Think Tank, bin ich gerade an der Vorbereitung des Nato-Gipfels am 8. und 9. Juli beteiligt.

Russland und Polen – ausgerechnet. Mein Seitenwechsel fällt in eine Zeit, in der die Beziehungen der beiden Länder ein historisches Tief erreicht haben. Polnische Politiker warnen regelmäßig vor einem Einmarsch russischer Truppen, fordern mehr Nato-Präsenz, besseren Schutz der Grenzen. Und nicht nur sie scheinen die Gefahr eines Angriffs durch den großen Nachbarn im Osten für völlig real zu halten. Unser Büro diskutiert während des Mittagessens schon mal mögliche Szenarien. Mein Kollege Michal Romanowski sagt: „Zwischen Polen und Russland wird es niemals Freundschaft geben. Die feiern doch immer noch, dass sie uns vor Jahrhunderten aus dem Kreml geworfen haben.“ Als neulich Bundesaußenminister Steinmeier eine Nato-Übung nahe der russischen Grenze als „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ kritisierte, löste er damit nicht nur in der deutschen Politik eine heftige Kontroverse aus. Auch die Polen waren irritiert. „Ihr Deutschen versucht immer, eine bessere Lösung für und mit Russland zu verhandeln“, meinte Michal zu mir.

Wenn ich täglich den Palast der Kultur und Wissenschaft in Warschau passiere, der die achte der „Stalin-Schwestern“ sein könnte, denke ich an Moskau. Ich habe gern dort gelebt. Meine neue Stelle ist für mich nicht „antirussisch“. Das transatlantische Bündnis gehört für mich zu den Fundamenten der Sicherheit Europas, das schließt gute Beziehungen zu Russland nicht aus. Ich wünsche mir, dass weiterhin der Dialog gesucht wird.

In Polen habe ich auch schon mal gewohnt, habe sogar Familie hier. Ich kenne Land und Leute, weiß, dass es selbst in der jungen Generation Tabuthemen gibt, dass traditionelle Werte nach wie vor hochgehalten werden. Da ist man sich Russland durchaus ähnlich. Ich provoziere, spreche solche Themen gezielt an, rede über Flüchtlinge, die hier mit so viel Argwohn betrachtet werden. Auch das erinnert mich sehr an meine Zeit in Moskau, wo ich stundenlang mit Russen gestritten habe.

Und doch beobachte ich erstaunt, wie sehr sich die polnische Gesellschaft verändert. Als ich im Juni ankomme, holt ein Freund mich ab. Er verspätet sich etwas, entschuldigt sich, eine LGBT-Parade habe den Verkehr lahmgelegt. LGBT? Im konservativen, katholischen Polen? Da tut sich etwas.

Beim bevorstehenden Nato-Gipfel werden die Staatsoberhäupter der Mitgliedsländer und viele Experten im Warschauer Nationalstadion über heutige und zukünftige Herausforderungen für die Organisation beraten. Ich frage meine Mitbewohner, was man als Warschauer davon hält? Agnieszka hat berechnet, was wir bei einem eventuellen Anschlag am nahegelegenen Hauptbahnhof zu befürchten hätten, aber die dazwischenliegenden Hochhäuser als ausreichenden Schutz klassifiziert. Tymon sorgt sich mehr um die Sicherheit beim Weltjugendtag in Krakau Ende des Monats. Der Gipfel finde bei der Bevölkerung kaum Beachtung, glaubt er: „Die Leute interessieren sich nicht für Politik. In Warschau werden sie nur genervt sein von den ganzen Einschränkungen.“ Er spielt auf geschlossene Brücken und Straßen an, das Parkverbot in Stadionnähe, die Anweisung, nicht an die Fenster zu treten, weil Scharfschützen sonst schießen könnten, um möglichen Attentätern zuvorzukommen.

Was mir in Warschau erst nach einigen Tagen auffällt: Während in Russland das Sowjeterbe in Form von Lenin-Statuen, Lenin-Büsten und Lenin-Straßen überall noch präsent ist, hat man in Polen damit längst aufgeräumt. Das bekannteste Gesicht des Landes ist stattdessen Robert Lewandowski, der von Hauswänden und Werbetafeln grüßt. Er wird auch in Russland bewundert. Vielleicht sollten Polen und Russen einfach mehr miteinander über Fußball reden.

Die Autorin ist studierte Friedens- und Konfliktforscherin und kommt aus Berlin.

Kommentare

Kommentare