Müllproblem in Russland: Es stinkt zum Himmel

Russland versinkt im Müll. Jährlich landen 70 Millionen Tonnen Abfall auf Deponien. Das Umweltjahr beflügelte das Land zu neuen Lösungen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Offen bleibt aber, ob der Abfall verbrannt oder recycelt wird.

Die Mülldeponie Kutschino in Balaschicha /Foto: RIA Novosti

Anfang Dezember wehte ein sehr unangenehmer Geruch durch Moskaus Straßen. Viele Anwohner beschwerten sich über einen Gestank, der an vergorenen Kohl und faule Eier erinnerte. Ein paar Wochen später bestätigten dann der russische Verbraucherschutz (Rospotrebnadsor) und der Katastrophenschutz (MTSCHS), was viele schon ahnten. Es wurde eine hohe Konzentration an Schwefelwasserstoff in der Nähe der Mülldeponie „Kutschino“ der Stadt Balaschicha im Moskauer Gebiet gemessen. Ein starker Wind brachte den Gestank selbst. Genau diese Deponie wurde am 23. Juni 2017 auf Wladimir Putins Initiative geschlossen.

Dass Mülldeponien im Moskauer Gebiet eine tickende Zeitbombe sind, ist schon lange bekannt. Das Problem rührt noch aus den 70er und 80er Jahren. Doch seitdem steigt jährlich der Konsum und damit wachsen auch die Berge an Müll. Rund 20 Millionen Menschen produzieren jährlich elf Millionen Tonnen Abfall. Und der landet zu 94 Prozent auf Deponien. In ganz Russland sind das umgerechnet 70 Millionen Tonnen im Jahr. Nur vier Prozent des Abfalls werden verarbeitet und zwei Prozent in Müllverbrennungsanlagen verbrannt, so eine Studie von Greenpeace Russland.

Zu allem Übel kommen auf eine legale Mülldeponie zwei illegale, so die Einschätzung der Experten. Das hat weitreichende Folgen für Mensch und Umwelt. Die meisten Deponien entsprechen nicht den Sicherheitsstandards. Sie verschmutzen Böden, Grundwasser und Luft. Vorfälle gab es in der Vergangenheit zuhauf, als in den heißen Sommermonaten Deponien in Flammen aufgingen. Das stinkt den Anwohnern zum Himmel. Viele wehren sich gegen die illegalen Machenschaften. Sie bloggen, initiieren Petitionen, damit diese illegalen Deponien geschlossen werden. Doch die Verantwortlichen werden kaum zur Rechenschaft gezogen.

Doch was passiert eigentlich mit den Müllhalden, wenn sie geschlossen werden wie im Fall „Kutschino“? Laut Anton Kusnezow, stellvertretender Direktor des Unternehmens „Sfera Ekologia“, erstmal nichts. Die Rekultivierung einer Deponie sei die schwierigste Aufgabe. Die Kosten hierfür, wenn das nach der neuesten Technologie durchgeführt werden soll, sollen rund 30 Prozent der Investitionskosten einer Deponie betragen. Geld, dass die Betreiber nicht ausgeben wollen, so der Experte.

Skepsis in der Bevölkerung

2017 war das Jahr der Umwelt. Fachmessen, Tagungen und andere Initiativen schoben Umweltprobleme in den Vordergrund. So auch das Müllproblem. Im Rahmen des Umweltjahres wurde das Projekt „Sauberes Land“ initiiert, dass den Bau von vier Müllverbrennungsanlagen im Moskauer Gebiet und eine in Kasan vorsieht. Der Investor dieses Vorhabens ist RT-Invest, eine Tochtergesellschaft von Rostech. Laut RT-Invest sollen diese Anlagen bis 2025 rund 28 Prozent des Abfalls im Gebiet Moskau entsorgen. Das entspricht 700 000 Tonnen jährlich. Das Land hierfür steht in Woskresensk, Naro-Fominsk, Noginsk und Solnetschnogorsk bereit.

Von diesen Plänen sind die Anwohner nicht begeistert. Für sie ist es eine Wahl zwischen Pest und Cholera. „Rostech – töte uns nicht“, hieß eine Botschaft auf dem Plakat einer Demonstrantin vor dem Hauptquartier des Unternehmens. „Ich möchte nicht, dass unsere Kinder giftige Gase einatmen“, so die Befürchtung einer Frau aus Naro-Fominsk. „Warum müssen wir Müll lagern oder verbrennen, warum können wir ihn nicht trennen und recyceln, so wie es andere zivilisierte Länder machen?“, fragt eine andere Teilnehmerin. Auch bei der öffentlichen Anhörung des Projektes am 10. November 2017 in Woskresensk gab es ein eindeutiges Signal: Die Bürger sind gegen den Bau einer Müllverbrennungsanlage – trotz der beschwichtigenden Haltung der Kommission, die bei der Prüfung der Pläne keine bedeutende Umweltgefahr feststellen konnte.

Dank der neuesten Technologie werde der Ausstoß von Dioxin nur 0,6 Nanogramm auf ein Kubikmeter Gas betragen. Das sei vergleichsweise gering, bedenke man, dass ein Brand einer Mülldeponie in zwei Wochen 100 Nanogramm Dioxin freisetze, erklärt Nadeschda Iwanowa, leitende Analystin bei RT-Invest auf Anfrage der MDZ. „Es ist eine der einfachsten und schnellsten Möglichkeiten, um mit dem Müllproblem in Russland fertig zu werden.“

Ein Problem, zwei Lösungen

Doch Experten befürchten, dass dieser europäische Standard in Russland nicht gewahrt werden kann. Die niedrigen Dioxinwerte seien auf die Mülltrennung zurückzuführen. Nur was übrig bleibt, werde in Europa verbrannt, meint Igor Masurin, Wissenschaftler am Moskauer Energie-Institut. „Wenn ein Fehler in dieser Prozesskette auftritt, kann dies zu einem Anstieg des Verbrennungsprozesses führen. In dieser Situation werden in der Luft tausend Mal mehr giftige Gase sein. Bevor wir mit der Verbrennung beginnen, müssen wir eine Strategie für den Umgang mit Abfallentsorgung entwickeln.“

Auch Greenpeace klagt, dass mit dem Projekt „Sauberes Land“ eine Chance verspielt wird. „Die Behörden gehen den teueren und „schmutzigen“ Weg, um das Müllproblem zu lösen, im Gegensatz zu der zuvor angenommenen staatlichen Politik, die dem Recycling von Abfällen Vorrang vor dem Verbrennen gab“, sagt Alexej Kiseljow, Leiter des Programms Gift bei Greenpeace.

Zudem sind Müllverbrennungsanlagen ein kostspieliges Unterfangen. 33,8 Milliarden Rubel wird der Bau einer Anlage kosten. Zwar gibt auch RT-Invest zu, dass eine Mülltrennungsanlage wesentlich günstiger sei, dafür werde bei der Verbrennung von Müll zusätzlich Energie erzeugt. Experten zufolge wäre diese Art der Energieerzeugung aber sehr teuer. Die Kosten liegen schätzungsweise bei 460 000 Rubel (rund 6604 Euro) für die Erzeugung von 1 kW Strom. Kernkraft und Gas sind um ein vielfaches billiger. Laut Kommersant hätten Sergej Tschemesow, Leiter von Rostech, und Andrej Worobjew, Gouverneur des Gebiets Moskau, Putin bereits 2015 gebeten, einen sogenannten „grünen Tarif“ einzuführen. Das sind staatliche Subventionen und die Erhöhung der Müllgebühren für die Bevölkerung. Ohne die würden die Anlagen unrentabel sein. Die Einführung eines „grünen Tarifs“ werde auch dazu führen, dass die Tarife für Strom im Jahr 2021 um drei bis vier Prozent steigen werden, so Kommersant.

Einheitliches Gesetz fehlt

Bislang gibt es kein Gesetz, dass zur Mülltrennung verpflichtet. Dochdas Umweltjahr setzte auch hier Veränderungen ein. Die Duma des Gebiets Moskau möchte in diesem Jahr ein Gesetz verabschieden. Es soll ein konkretes System der Infrastruktur geben, dass Zuständigkeiten, Kontrolle und Strafen vorsieht. Die getrennte Sammlung von Abfall soll auf einem Zwei-Container-Prinzip basieren. In einem Behälter mit blauer Farbe wird sogenannter Trockenmüll gesammelt, der recycelt werden kann, wie etwa Papier, Pappe, Glas, Eisen, Plastik. Ein grauer Container sei für Nassmüll vorgesehen. Dafür sollen nach Angaben der Behörde vier Abfallbehandlungsanlagen gebaut werden. Auch hier beteilige sich RT-Invest.

Lukrativ wäre Mülltrennung auch für Russland. Die Unternehmensberatung Deloitte schätzt das ökonomische Potential auf 1,3 Milliarden Euro. Es fehlt nur der letzt Schritt, in dem ein föderales Gesetz verabschiedet wird. Bis dahin wird Russland entweder die Erfahrung des Westens nutzen und ein effektives Recyclingsystem schaffen, oder bei der Verbrennungstechnologie stehenbleiben.

Katharina Lindt 

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