Moskaus Mitbewohner: Wenn Ratten zur Plage werden

In der russischen Hauptstadt leben mindestens so viele Ratten wie Einwohner. Ist das normal?

Ratte

Goldig oder gefährlich? Ratten können Krankheiten übertragen. /Foto: Pixabay

Schreien Sie nicht, sagt Walentin Rylnikow. Steigen Sie nicht auf einen Stuhl und werfen Sie keine Gegenstände nach ihr. Denn die Ratte wird Sie nicht angreifen. Solange sie sich nicht von Ihnen bedroht fühlt.

Rylnikow ist Doktor der Biologie, Rattenexperte und derzeit ein gefragter Mann in Moskau. Gibt es eine Rattenplage in der Stadt, eine Invasion sogar, wollten in den vergangenen Wochen gleich mehrere  Medien von ihm wissen. Auslöser für das Interesse an Rylnikow und seinem privaten „Institut für Pest-Management“ war ein Video. Gedreht hatte es ein junger Moskauer in seiner Mietwohnung und im Internet veröffentlicht. Räume voller Ratten sind zu sehen, von den Nagetieren in Besitz genommen. Sie sind in der Küche und im Bad, springen aufs Bett und aufs Fensterbrett, öffnen Lebensmittelpackungen und richten großes Chaos an.

Nahrung für zehn Millionen

Von einer Invasion spricht Rylnikow nicht. Ratten folgen den Menschen, eine Metropole wie Moskau sei ohne die Nager undenkbar. Handlungsbedarf sieht der Biologe dennoch, vor allem beim Monitoring. Seit Jahren beobachtet er das Leben der Ratten in Moskau. Doch die sind schlau. Sie passen sich an veränderte Bedingungen an, entwickeln Resistenzen gegen Gifte.

Schwierig ist es, einen Überblick über die Anzahl zu bekommen. Wenn Menschen sich beschweren, die Tiere sichtbar werden und Medien schon darüber berichten, dann seien es zu viele, sagt der Biologe. Wie viele genau, kann er nur schätzen oder hochrechnen. Das geht zum Beispiel anhand der Menge potenzieller Nahrung. Die Lebensmittelabfälle in der Hauptstadt reichen laut Rylnikow aus, um zehn Millionen Ratten zu ernähren. Wobei eine etwa 30 Gramm pro Tag verspeist. Da die Nagetiere aber auch anderswo Futter finden, zum Beispiel kleine Vögel und Fische, nimmt Rylnikow die Zahl mal zwei: Etwa 20 Millionen Ratten seien in Moskau das Maximum.

Wo sich Ratten am wohlsten fühlen

Andere Experten sprechen von ein bis zehn Tieren pro Einwohner. Das würde heißen bis zu 120 Millionen Ratten. Ob das im Vergleich zu anderen Großstädten viel ist, lässt sich schwer sagen. Denn auch dort weiß niemand so genau, wie viele Nagetiere sich im Untergrund tummeln. Berichtet wird meist über besonders gravierende Fälle. Wie in Moskau war in diesem Sommer zum Beispiel auch in Hamburg und München schon die Rede von „Rattenplagen“, von denen einzelne Gebäude oder Flächen betroffen waren.

Genaueres als zur Anzahl kann Rylnikow darüber sagen, in welchen Gegenden die meisten Ratten leben. Nämlich überall dort, wo die Infrastruktur besonders alt ist: im Stadtteil Sokol im Nordwesten zum Beispiel oder rund um den Ismailowoer Park. Und wo sonst noch die alten „Chruschtschowkas“ stehen. Dass manche Bewohner nicht aus diesen fünfstöckigen Plattenbauten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren ausziehen wollen, kann der Rattenbekämpfer nicht verstehen. Für die Nager seien die alten Gebäude ein Paradies. Da helfe es auch nicht, wenn sich in den Höfen Katzen herumtreiben, sagt der Biologe.

Katzen helfen nicht

Überhaupt sei es vollkommen falsch, Straßenkatzen zu füttern in der Hoffnung, sie würden die Nager vertreiben. „Wenn die Katzen Futter haben, werden sie faul, dann jagen sie keine Ratten und Mäuse mehr.“ Und das Katzenfutter locke erst Recht die unerwünschten Mitbewohner an. Besser helfe die Chemiekeule, aber die ist nicht überall erlaubt, sodass die Moskauer Rattenfänger oft auf die klassischen mechanischen Fallen zurückgreifen.

Selbst sollte man jedenfalls nicht auf die Jagd gehen, rät der Pest-Manager. Was tun, wenn eine Ratte plötzlich in der Wohnung oder im Treppenhaus auftaucht, immerhin ein möglicher Überträger einer Reihe von Krankheiten, von Salmonellen bis Hantaviren? „Sprechen Sie mit ihr“, rät Rylnikow. „Begrüßen Sie die Ratte, beginnen Sie eine Unterhaltung. Dann wird Sie nicht lange bei Ihnen bleiben.“ Hat sich das Tier verkrochen, sollte der Bewohner sich an die zuständigen Ratten-Bekämpfer wenden. Die gibt es in Moskau in jedem Mikrorajon.

Corinna Anton

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