#Metoo in Russland: Der Versuch einer Debatte

Als die „New York Times“ und der „New Yorker“ über sexuelle Übergriffe des Filmproduzenten Harvey Weinstein berichteten, löste das nicht nur in den USA eine Welle der Entrüstung aus. In Russland lief die Debatte etwas anders ab.

Flashmob in den Sozialen Netzwerken: Unter dem Hashtag «Metoo» erzählten Frauen und Männer über sexuelle Übergriffe. /Foto: Pixabay.

Überraschend ist, dass die Weinstein-Affäre Menschen tatsächlich überraschte. Seit Wochen lässt sie auch deutsche Medien nicht los. Wie nach einem Dammbruch ist die Situation, wenn mehrheitlich Frauen unter dem Hashtag „Metoo“ von ihren Erfahrungen öffentlich berichten: sei es eine Anzüglichkeit am Arbeitsplatz, ein Begrapschen oder gar Missbrauchsfälle.

In dieser Debatte werden Begriffe wie sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt und Sexismus in einen Topf geworfen. Das zeigt nicht nur das Ausmaß des Problems, sondern auch die Schwierigkeit, das Kind beim Namen zu nennen. Fakt ist aber: Jede zweite Frau in Europa war schon mal Opfer sexueller Belästigung, so das Ergebnis einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2014.

Doch wie wird über sexuelle Belästigung in Russland diskutiert? Das Online-Medium „Meduza“ befragte dazu Schauspieler und Regisseure. Vorab: Viele wollten sich nicht dazu äußern. So reichen die Reaktionen von „Das gibt es nur im Westen“ und „selber schuld“ bis „Harvey Weinstein tut mir leid“. Und das kommt nicht aus dem Mund eines Mannes, sondern mehrerer Frauen. Es brauche den Konsens der Gesellschaft, dass solche „Whistleblower“ einer Branche Gehör bekommen, sagt der Regisseur Roman Wolobujew. Doch die russische Gesellschaft sei „dafür noch nicht bereit“.

Häusliche Gewalt: Blaue Flecken reichen nicht

Laut dem Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums befindet sich Russland zwischen Dominikanischer Republik und Ghana auf dem 71. Platz von 144 Ländern, was die Gleichheit der Geschlechter anbelangt. Dieser nur mittelmäßige Platz deckt sich auch mit einer Untersuchung des Lewada-Zentrums: Die Mehrheit der Frauen glaube nicht an die Gleichheit der Geschlechter in Russland. Allerdings denken auch viele, dass das gar nicht notwendig sei. Das ist eine Erklärung, warum die Debatte nicht so rigoros geführt wird wie in Deutschland.

Die Metoo-Debatte als bloße „Effekthascherei“ und „Hysterie“ abzustempeln, heißt, für das eigentliche Problem blind zu sein. Sie zeigt, wie tief sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft verwurzelt ist. Sie hat unterschiedliche Nuancen. Seien es die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, in den Filmstudios von Hollywood, im britischen Parlament oder am Arbeitsplatz. Sexuelle Gewalt hat keine Herkunft, sie kennt nur das Gefälle von Macht.

Katharina Lindt

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