Lew Jaschin: Der Löwe von Moskau

Auf die Frage nach dem besten russischen Fußballspieler aller Zeiten ist die Antwort immer die gleiche: Lew Jaschin. Die Torwartlegende der 1960er-Jahre hat sich über die Grenzen der Sowjetunion hinaus nicht nur einen Namen, sondern auch viele Anhänger und Freunde gemacht.

Torwartlegende Lew Jaschin / Foto: Nationaal Archief Fotocollectie Anefo.

Eine gute Biografie stellt den Menschen in den Vordergrund, eine hervorragende zeigt ihn vor dem Hintergrund seiner Zeit. Insofern ist Dietrich Schulze-Marmeling eine wirklich lesenswerte Lebens- und Schaffensbeschreibung des russischen Über-Keepers gelungen. Entlang der Karriere Lew Jaschins erzählt das Buch zugleich die Geschichte des sowjetisch-russischen Fußballs und dessen wechselnder Philosophien sowie gesellschaftlicher Rezeption im Laufe der Jahrzehnte. So erfährt man beispielsweise von der metaphorischen Rolle, die der Torhüter als Tor-Hüter, mithin Beschützer des Landes und der Familie, in der russischen bzw. sowjetischen Ikonografie schon lange vor Jaschins ganz realen Paraden spielte.

Mit Ball, Charme und Handschuh

Der Moskauer Junge – groß, freundlich, charismatisch, wie man aus der Biografie erfährt – personifizierte dieses Ideal auf seine ganz eigene smarte Weise. Obwohl er beim damals vom Publikum eher unbeliebten Geheimdienstverein Dynamo Moskau spielte, gewann er schnell die Herzen der Fußballfans in der Stadt und der Sowjetunion. Dazu trugen seine sportliche Leistung, sein Charme und letztlich seine Prominenz bei, die es ihm erlaubte, auch mal auszuscheren aus der repräsentativen Rolle, die die politische Führung der Sportprominenz als staatssozialistischen Idolen gern versuchte aufzuerlegen.

Mit der Verbreitung des Fernsehens und der Rückkehr der UdSSR auf die internationale Fußballbühne nach jahrelanger selbstgewählter Absenz konnte man den „Löwen von Moskau“, von dem zuvor nur gerüchteweise Wunderdinge durch den Eisernen Vorhang gedrungen waren, endlich auch im Westen bewundern. Bei der EM 1964 wird er mit der Sbornaja Vize-Europameister, spielt in jenen Jahren mehrmals für Europaauswahlmannschaften und beim Abschiedsspiel für Stanley Matthews und glänzt bei der WM 1966 in England, wo die UdSSR erst im Halbfinale knapp mit 1:2 an der Bundesrepublik Deutschland, mit Beckenbauer, Seeler, Schnellinger und Overath, scheitert.

Tatsächlich erschien Jaschins Spielweise den Beobachtern damals wie ein Wunder: der „ent­sklavte Torwart“, der frech die Torlinie verließ. Was heute ganz normal, auf professionellem Niveau gar unerlässlich ist, war damals eine Sensation. Zwar hat Jaschin den mitspielenden und -denkenden, herauslaufenden und den Ball wegfaustenden, das Spiel eröffnenden und dirigierenden Keeper nicht allein erfunden. Aber er hat, den Begriff „Spiel ohne Ball“ prägend, diese Ideen kombiniert und Bewegungsabläufe perfektioniert. Auch hat er als einer der Ersten Torwarthandschuhe getragen.

Keine Heldenverehrung

Spielberichte, Erinnerungen von Journalisten und Fußballern an Begegnungen mit Jaschin sowie Schulze-Marmelings Gespräch mit dessen Witwe bereichern das Buch ungemein. So sagte Uwe Seeler über die Torwart-Legende: „Jaschin war ohne Zweifel absolute Spitzenklasse – als Fußballer und als Mensch.“ Und Franz Beckenbauer hatte „immer den Eindruck: Hier spielt ein Herr.“ All das macht zudem deutlich, dass der Supertorwart auch ein Supertyp und fairer Sportsmann gewesen sein muss.

Damit schrammt der Autor zwar nur haarscharf, aber letztlich souverän an der Heldenverehrung vorbei. Eines Helden, der auch Schwächen hatte: Jaschin war seit dem Teenageralter starker Raucher und verlor später einen Unterschenkel.

Bis heute gilt Lew Jaschin als bester Towart aller Zeiten, die FIFA kürte ihn zum „Torwart des 20. Jahrhunderts“. Währenddessen kämpft der russische Fußball der Gegenwart mit zahlreichen Problemen. Sein größter Star würde ihm eines mit auf den Weg geben: „Im Fußball können nur diejenigen bestehen, […] die immer bescheiden und entgegenkommend auftreten, sich kritisch sich selbst und den Mannschaftskameraden gegenüber verhalten.“

 

Dennis Grabowsky

Das Buch

 

 

 

Dietrich Schulze-Marmeling
„Lew Jaschin. Der Löwe von Moskau“
Verlag Die Werkstatt
Göttingen, 2017

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