Lenin mit Perücke, Wein im Rinnstein und ein Weiberbataillon

Revolution hinter den Kulissen: Wir erzählen, wie Lenin ein zweites Mal zurückkehrte, welche Fortschritte die Emanzipation in Zeiten der Revolution machte, warum der Wein in Strömen floss und wann die Wachen müde wurden.

Revolution

Wärmen und warten: Mitglieder der Roten Garde zwei Tage vor Beginn der Revolution /Foto: RIA Nowosti

Lenins Versteckspiel

Großer Bahnhof in St. Petersburg, Lenin ist zurück. So war es im April 1917, als der Revolutionär mit dem Zug aus der Schweiz einfuhr. Zwischen dieser Ankunft und der Revolution lag allerdings ein halbes Jahr. Und eine zweite Flucht samt heimlicher Rückkehr. Grund dafür waren die Unruhen Mitte Juli, bei denen Arbeiter und Soldaten den Rücktritt der Provisorischen Regierung forderten. Daraufhin ließ die Regierung viele Vertreter der Bolschewiki verhaften.

Lenin flieht in dieser Situation zunächst in einen Badeort nordwestlich der damaligen Hauptstadt. Dort versteckt er sich in einem Holzverschlag, der später als „Lenins Hütte“ bekannt wurde. Tagsüber hilft er den Bauern bei der Heuernte. Doch die Nächte werden kälter und das Versteck unsicherer, sodass Lenin schließlich nach Finnland flüchtet. Dabei war er angeblich zuerst mit einer blonden Perücke und dann als Heizer einer Lokomotive getarnt.

Über seine zweite Rückkehr ist wenig überliefert. Sie verlief wohl wenige Tage vor der Oktoberrevolution heimlich, ganz anders als die Ankunft im April. Und sie führte zunächst in einen Vorort der Hauptstadt, wo er sich in einer Privatwohnung versteckte. Auf dem Weg dorthin soll Lenin als lutherischer Pastor verkleidet gewesen sein. Womöglich trug er wieder seine Perücke. Ein drittes Mal soll er sie dann aufgesetzt haben, als er am 24. Oktober (6. November) mit der Straßenbahn zum Smolnyj-Institut fuhr, dem Sitz des Petrograder Sowjets und Hauptquartier der Bolschewiki. Mit den falschen Haaren und seinen schlechtesten Kleidern hielt eine Patrouille ihn für einen harmlosen Betrunkenen und machte ihm den Weg frei zum Zentralkomitee der Bolschewiki und somit zur Revolution.
Corinna Anton

Wilde Liebe

Alexandra Kollontaj war eine schillernde Persönlichkeit. Eine Frau aus gutem Hause, leidenschaftliche Revolutionärin und Kommunistin, die während ihres Studiums in Zürich die Riege der europäischen Sozialdemokratie kennenlernte. Und auch Lenin, der sie später ins bolschewistische Zentralkomitee holte. Am 24. Oktober war es trüb, als Kollontaj im Smolnyj-Institut eintraf. Der Beschluss stand bereits fest: Alle Mitglieder des Zentralkomitees sind jetzt verpflichtet, ständig anwesend zu sein.

Die Revolution war zum Greifen nah. Das Hauptquartier der Bolschewiki verwandelte sich in einen kochenden Kessel, schreibt die Revoluzzerin in ihren Memoiren. Auch weil sich die Provisorische Regierung „im Winterpalais verschanzte, das von Offiziersschülern und Kerenskis Weiberbataillon bewacht wird“. Ihre unermüdliche Agitationsarbeit wurde belohnt. Als Volkskommissarin für soziale Fürsorge im sowjetischen Kabinett war Kollontaj die erste Ministerin der Welt. Innerhalb von sechs Monaten wurden die Zivilehe, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Recht auf Scheidung und Abtreibung eingeführt.

Als emanzipierte Frau wollte sie auch die Sexualmoral der alten Zarenherrschaft endgültig begraben. Doch mit diesen radikalen Forderungen eckte Kollontaj an. Von ihren männlichen Kollegen erntete sie oft Spott und Hohn. Denn was in der Theorie gut klappte, war in der Praxis nicht einfach umzusetzen. Deshalb rief sie die Frauen im Land auf, ihr Leben „selbst in die Hand zu nehmen“. Wie das geht, lebte sie vor, als sie sich mit 46 in den 17 Jahre jüngeren Kommissar der Roten Flotte Pawel Dybenko verliebte und das Ministerium für die Heirat auf der Krim kurz verließ. Das gefiel nicht jedem Genossen. Zum Glück konnte Lenin den Vorwurf der Fahnenflucht von den beiden Turteltauben abwenden. Doch um Kollontaj vorzuführen, verurteilte er sie zu fünf Jahren Treue zu ihrem Mann. Damit wenigstens ihr wildes Liebesleben zu Ruhe kam.
Katharina Lindt

Prominent begraben

Die Revolution brachte viel Neues, darunter auch den heute berühmten Friedhof an der Kremlmauer in Moskau. Die ersten Toten, die dort begraben wurden, waren Revolutionäre. Sie waren während der bewaffneten Aufstände in Moskau getötet worden. Bereits am Morgen des 26. Oktober 1917 beschloss das Moskauer Militärisch-revolutionäre Komitee, eine Grabstätte für sie auf dem Roten Platz anzulegen.

Dort verliefen damals noch Straßenbahnschienen entlang der Kremlmauer. Zwischen den Schienen und der Mauer wurden zwei Massengräber ausgehoben. Die Toten stammten aus elf Stadtbezirken. Am Tag der Beerdigung blieben alle Fabriken geschlossen. Wegen der unzufriedenen Stimmung in der Bevölkerung beschloss das Militärisch-revolutionäre Komitee, alle an der Beerdigung beteiligten Soldaten mit Gewehren auszustatten. In den Massengräbern wurden zunächst 238 Menschen begraben, wenig später stieg die Zahl auf 300. Die damals begründete Tradition, Persönlichkeiten der Revolution und der Sowjetmacht an der Kremlmauer zu begraben, hielt bis 1985, als dort der Generalsekretär des Zentralkomitess der KPdSU, Konstantin Tschernenko, begraben wurde.
Ljubawa Winokurowa

Rotstich

Der letzte Zar und seine Familie waren bereits 1915 vom Winterpalast aufs Land gezogen: Bis zu seiner Abdankung herrschte Nikolaj II. von seiner Sommerresidenz in Zarskoje Selo aus. Im Winterpalast wurde ein Lazarett für kriegsverwundete Soldaten eingerichtet. Im Sommer 1917 machte ihn auch die Provisorische Regierung zu ihrem Sitz. Nach deren Sturz entdecken die Revolutionäre und einfache Schaulustige inmitten der schon reichlich verblassten herrschaftlichen Pracht einiges, was sich gebrauchen ließ: Tafelsilber, Möbelstücke – und Alkohol. Der Zar hatte seinen Weinkeller zurückgelassen, in dem Qualitätsweine aus aller Welt lagerten. Aber auch Schnaps und Bier. Die Presse spricht von um die 100 000 Flaschen und „einem Fünftel der Alkoholvorräte in der Stadt“.

Das Ausmaß der Plünderungen im Allgemeinen und des Weinkellers im Besonderen ist umstritten. Während die einen Historiker behaupten, angesichts der Umstände habe sich der Schaden sehr in Grenzen gehalten und die Kontrolle sei schon am nächsten Tag wiederhergestellt gewesen, sprechen andere von tagelangen Krawallen Betrunkener. Übereinstimmend wird berichtet, die Ordnungshüter hätten sich nicht anders zu helfen gewusst, als den Wein in den Rinnstein zu pumpen. Von dort floss er in den Winterkanal, der die Newa mit der Moika verbindet. Das Wasser färbte sich rot, was vielfach als Ausdruck für den Blutzoll der Kämpfe aufgefasst worden sein soll. Doch es hatte einen anderen Grund.
Tino Künzel

Müde Wachen

Wenn die Welt Kopf steht, fühlen sich die Menschen frei wie im Karneval. Die Ordnung wiederherzustellen, war Aufgabe der Allrussischen konstituierenden Versammlung. Sie sollte eine neue Verfassung beschließen. Die Bolschewiki befürworteten diese Versammlung zunächst. Nach ihrer Machtergreifung setzten sie Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung an. Diese gewannen am 25. November die Sozialrevolutionäre mit 54 Prozent der Stimmen, die Bolschewiki bekamen nur 24. Weil sie befürchteten, sich bei der Versammlung nicht durchzusetzen, verschoben die Bolschewiki sie zunächst.

Letztendlich fand sich die konstituierende Versammlung am 18. Januar 1918 um 16 Uhr im Taurischen Palais ein. Doch die Bolschewiki erklärten gleich zu Beginn, dass sie sich der Versammlung nicht unterwerfen werden. Der Vorschlag, ihre Regierung anzuerkennen und die Versammlung zu entmachten, fand allerdings keine Zustimmung. Daraufhin traten die Bolschewiki und die verbündeten linken Sozialrevolutionäre zum Rat der Volkskommissare zusammen und beschlossen, die Versammlung aufzulösen. Lenin verließ das Palais mit den Worten: „Es ist nicht nötig, die konstituierende Versammlung zu zerstreuen. Lasst sie einfach solange schwatzen wie sie wollen und es beenden und morgen lassen wir keinen einzigen mehr rein.“

Solange schwatzen, wie sie wollten, konnten die Abgeordneten indes nicht. Denn um 4.20 Uhr betrat der Leiter der Wachmannschaft, der Matrose Anatolij Schelesnjakow, den Saal. Er ging zum Vorsitzenden der Versammlung, dem Sozialrevolutionär Viktor Tschernow, und sprach die berühmt gewordenen Worte: „Die Wachen sind müde. Ich schlage vor, dass Sie die Sitzung beenden und nach Hause gehen.“ Somit endete nach 13 Stunden das demokratische Experiment. Am folgenden Tag standen die Abgeordneten vor verschlossenen Türen. Das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee hatte die Versammlung per Dekret aufgelöst und damit die neue Ordnung festgelegt.
Daniel Säwert

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