Leitkultur: Patriotismus zum Mitmachen

Der Begriff „Leitkultur“ ist in Deutschland umstritten. Doch wie sieht es mit einer Leitkultur in Russland aus?

Typisch Russland – doch was steckt drin? / Foto: Public domain

Der Politikwissenschaftler Fabian Burkhardt nennt die „russische Frage“ ein „heißes Pflaster“. Das habe sich Anfang des Jahres gezeigt, als der Entwurf des Gesetzes „Über die Russische Nation“ umbenannt wurde. „Über die Grundlagen der Staatlichen Nationspolitik“ hieß er danach.

„Ein weiterer Gesetzesentwurf blieb im Parlament noch vor der ersten Lesung hängen. Er sollte Antragstellern vor allem aus den ehemaligen Sowjetrepubliken das Erlangen der russischen Staatsbürgerschaft erleichtern“, so Burkhardt. Er ist derzeit Stipendiat in der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Gespaltene Gesellschaft

Zur Frage nach einer russischen Leitkultur gehört Burkhardt zufolge auch „die Debatte darüber, wie stark der Staat in Wirtschaft und Gesellschaft eingreifen kann und darf“. Und welche Form von Demokratie Russland brauche: „eine westliche oder eine russische ,souveräne‘ Demokratie sui generis“.

Von einer Leitkultur oder einem gemeinsamen Wertekanon könne man in Russland nicht sprechen, sagt Ekaterina Makhotina. Sie ist Osteuropa-Historikerin an der Universität Bonn. Die Debatte über russische Identität und Werte beschreibt sie als polarisiert. „Auf der einen Seite befindet sich das traditionelle, kollektivistische, orthodoxe, konservativ-defensive Russland, das auf seiner Einzigartigkeit besteht. Und auf der anderen das westliche, liberale, individualistische und auf europäische Integration ausgerichtete Russland.“

Lange Tradition

Die Wurzeln dieser Debatte reichen laut Makhotina bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals stritten sich Westler und Slawophile, ob der europäische Weg Russlands der richtige gewesen sei. „Diese Positionen sind auch heute wahrnehmbar“, erklärt die gebürtige Petersburgerin. Die Liberalen träumten von einem europäischen, demokratisch orientierten Russland. Die Nationalkonservativen deuteten die westlich orientierten Denker als „nationale Verräter“.

Der Ethnologe J. Otto Habeck dagegen bejaht die Frage nach einer russischen Leitkultur. „In der sowjetischen Gesellschaft gab es klare Vorstellungen, wie Alltag funktioniert. Diese haben auch in der postsozialistischen Gesellschaft noch Bestand.“ Als Beispiel nennt er die deutliche Trennung zwischen dem, was in der Öffentlichkeit und im Privaten erlaubt ist. Auch ein Patriotismus mit starkem militaristischen Einschlag gehöre zu diesem Erbe – mit Darstellungen von Panzern und Uniformen, die aus deutscher Perspektive befremdlich wirken. Außerdem identifizierten sich viele Menschen in Russland stärker mit ihrem Arbeitskollektiv als in Deutschland. Das gelte vor allem in ländlichen Regionen, sagt der an der Universität Hamburg lehrende Professor, der zu Sibirien und dem arktischen Raum Russlands forscht.

Russland nicht nur den Russen

Fragt man nach einer „russischen“ Kultur, taucht auch die Frage nach dem Konzept des „Russländischen“ auf. Letzteres werde laut Burkhardt „gewöhnlich mit einem zivilen Nationalismus verbunden“. Dagegen stehe „russisch“ eher für die ethnische Zugehörigkeit. Jedoch werde „russisch“ insbesondere seit der dritten Amtszeit Wladimir Putins im offiziellen Diskurs auch im weiteren Sinn verwendet. Es könne die „Zugehörigkeit zur russischen Kulturnation“ meinen und ethnische Minderheiten einschließen. Vorausgesetzt sie fühlen sich der russischen Kultur und Sprache verbunden.

Damit erklärt der Politikwissenschaftler relativ hohe Zustimmungswerte zum Schlagwort „Russland den Russen“. Das Wort für „Russen“ werde von vielen breiter als nur ethnisch interpretiert. Habeck zufolge zeichnet sich die Leitkultur in Russland durch eine große Bereitschaft aus, andere aufzunehmen. „Wer mitmacht, ist herzlich willkommen“, so der Ethnologe. Konsens und Loyalität zu Staat und Gesellschaft würden stärker eingefordert als in Deutschland. „Von Menschen, die im Land leben, wird viel mehr erwartet, dass sie sich öffentlich hinter das Projekt Russland, den Staat Russland stellen.“

Gemeinsames Gedenken

Sichtbar werde das an Feiertagen wie dem 9. Mai, wo es darum geht, „Einheit und Wir-Gefühl zu betonen“. Dahinter steckt laut Habeck die kulturelle Diversität des Landes. Und damit verbunden die Angst, dass die Gesellschaft auseinanderdriften könnte.

Letzteres beschreibt auch Makhotina. „Die offizielle russische Position ist nicht ausgrenzend.“ Stattdessen werde mit der „historisch gewachsenen Vielfalt, dem multi-ethnischen und multireligiösen Erbe“ argumentiert, um gegen mögliche nationale Souveränitätsbestrebungen vorzugehen“. Andererseits soll die offizielle Rhetorik von der „nationalen Vielfalt“ aber auch „auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Spannungen reagieren“. Also auf Probleme wie Fremden- und Islamfeindlichkeit. Als „gesellschaftliche Klammer“ bedienten sich die Repräsentanten des Staates der „gemeinsamen Geschichte“. Wobei vor allem stolze Kapitel wie der Sieg über Napoleon, der Sieg im Zweiten Weltkrieg oder Gagarins Weltraumflug eine Rolle spielen.

Traditionelle Werte als Kitt oder Keil

Burkhardt zufolge findet sich in letzter Zeit aber auch vermehrt die Idee einer „moralischen“ Nation, die traditionelle Werte vertritt. Was genau das sein soll, bleibe „Gegenstand teils heftiger Auseinandersetzung auch innerhalb der politischen Elite, wobei insbesondere die Orthodoxe Kirche und Ramsan Kadyrows Tschetschenien die traditionalistische bis fundamentalistische Avantgarde darstellen“.

Habeck verweist darauf, dass die Orthodoxe Kirche in den letzten 20 Jahren stark an Bedeutung gewonnen habe. Auch sei die Bereitschaft gestiegen, Religiosität sichtbar zu machen, indem man zum Beispiel ein Kreuz trägt. Die Debatte darüber, welche Form des Islams mit der orthodox geprägten Leitkultur in Einklang zu bringen sei, nennt er „ängstlicher“ als die, die in Deutschland geführt wird.

„Russländischer Islam“

Er erinnert aber auch daran, dass es in manchen Regionen eine lange muslimische Tradition gebe und spricht von einem „russländischen Islam“. Der sei stark mit der Alltagskultur des Landes verschmolzen – viel mehr als zum Beispiel in Deutschland.

Laut Makhotina gehört das Bekenntnis zu religiöser und ethnischer Pluralität zum Kern dessen, was Russland ausmacht. Daher könne von offizieller Seite kaum gefordert werden, dass sich Völker wie die muslimischen Tataren, die Juden oder die buddhistischen Burjaten assimilieren. Allerdings gebe es wie auch in Deutschland politische Akteure, „die ihre Interessen verfolgen, indem sie ihre politischen Vorstellungen in den jeweiligen Nationalfarben anstreichen und auf diese Art und Weise legitimieren“.

Von Corinna Anton

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