Lehrer Robert Kieschnick: Sechs Jahre Russland in einem Interview

An der Deutschen Schule Moskau sind gerade Sommerferien. Das nächste Schuljahr beginnt dann Ende August bereits ohne Geschichts- und Geografielehrer Robert Kieschnick, der sechs Jahre an der DSM unterrichtete. Er kehrt nach Deutschland zurück und tritt eine Stelle an einem Hamburger Gymnasium an. Zuvor spricht der 35-Jährige in der MDZ über seine Zeit in Russland.

Über die Deutsche Schule Moskau

Ich habe an der DSM sehr gute Bedingungen vorgefunden. Das fängt bei der Ausstattung an. Die Schule hat da schon mehr Möglichkeiten als viele andere, auch finanziell. 2016 wurde sie von der Bund-Länder-Inspektion zum zweiten Mal als „Exzellente Deutsche Auslandsschule“ zertifiziert. Uns wurde bestätigt, dass wir uns auf verschiedenen Feldern weiterentwickelt haben. Die Schule ist gut aufgestellt. Ich denke, dass auch ich meinen kleinen Beitrag dazu geleistet habe. Für mich war es eine tolle Erfahrung, hier zu unterrichten.

Über seinen schönsten Tag als Lehrer

Als ich an die DSM gekommen bin, habe ich eine siebente Klasse übernommen und sie dann als Klassenlehrer bis zum Abitur begleiten dürfen. Ich konnte sie mitprägen und auch sie haben mich ein Stück weit mitgeprägt. Dafür bin ich unheimlich dankbar. Und als ich ihnen dann die Abiturzeugnisse überreichen durfte, das war schon ein besonderer Moment. Das hat mich echt glücklich und stolz gemacht. Da wusste ich auch, dass meine Arbeit an der DSM getan war. Ich würde mich freuen, wenn wir mit meiner Klasse in Kontakt bleiben.

Kieschnick

Robert Kieschnick und seine Frau Julia — Sie wissen schon, wo. / Nastasiya Eremeeva

Über Klassenfahrten in die Natur

Mir war wichtig, dass die Schüler auch mal rauskommen, sowohl aus Moskau als auch aus ihrem behüteten Familienalltag. In der achten Klasse habe ich ihnen gesagt: Lasst uns mal wandern gehen, Natur riechen. Im Rahmen einer Projektwoche sind wir ins Moskauer Umland gefahren. Ringsum war nur Wald. Wir haben in Zelten geschlafen. Es hat die ganze Zeit geregnet und trotzdem haben wir das alle sehr genossen. So etwas schafft auch Miteinander. Generell ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis an der DSM viel enger, als ich das in Deutschland kennengelernt habe. Dieses Gemeinschaftsgefühl, dass man füreinander da ist und einsteht, zeichnet die Schule auch aus, das werde ich sicher vermissen. Ich habe sie als große Familie wahrgenommen, und so habe ich das auch von den Jugendlichen wiedergespiegelt bekommen.

Über das Arbeitsklima

Die Schule befindet sich auf dem deutschen Compound am Prospekt Wernadskogo. Wenn man dann dort auch noch wohnt, so wie das bei mir der Fall war, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem. An anderen Schulen hat jeder nach Feierabend sein eigenes soziales Umfeld. Hier dagegen ist es so, dass man sich auch in der Freizeit trifft, dass dadurch Freundschaften entstehen, die sonst nicht denkbar wären. Ein Kollege von mir war auf meiner Hochzeit, jetzt war ich auf seiner. Dafür muss man aber offen sein. Diese Enge kann auch zur Belastung werden. Ich habe es allerdings nicht so empfunden.

Über das Kommen und Gehen an der Schule

Lehrer bleiben im Schnitt drei bis sechs Jahre. Acht sind die Obergrenze. Mit mir haben damals fast zehn neue Lehrer angefangen und ungefähr ebenso viele gehen jetzt. Das ist die normale Fluktuation. Auch in den Klassen ist es so, dass man in jedem Schuljahr einige neue Schüler hat. Die Kinder sind das gewohnt, viele sind auch selbst schon einige Male umgezogen. Ich habe festgestellt, dass sie sehr offen sind, was Neues angeht, keine Berührungsängste haben.  Viele wachsen zweisprachig deutsch-russisch auf und sind in beiden Kulturen zu Hause.

Über „sein“ Russland

Ich war vorher nie in Russland gewesen, bevor ich vor sechs Jahren in Moskau aus dem Flieger gestiegen bin. Aber weil ich mich ja bewusst für das Ausland entschieden habe, bin ich seitdem immer wieder in die russische Welt abgetaucht, sei es nun in Moskau oder auch auf Reisen in die Ferne. Mir ist dabei praktisch nie etwas Negatives entgegengeschlagen, wenn ich mich als Deutscher zu erkennen gegeben habe, im Gegenteil.

Gleich im ersten Jahr bin ich mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren, habe eine Woche am Baikalsee verbracht. Ich war nach den Olympischen Spielen in Sotschi, weil mich interessiert hat, wie es dort aussieht. Ich habe mir diverse Städte angeschaut, unter anderem auch Wolgograd, das ehemalige Stalingrad, was mich tief beeindruckt hat. Man ist ja schon in Moskau weit weg von Deutschland. Und dann fliegt man noch ein paar Stunden nach Wolgograd, fährt anschließend mit der Marschrutka raus zum deutsch-russischen Soldatenfriedhof, wo seinerzeit der Stadtkern war. Wenn man das auf sich wirken lässt, stellt man sich unweigerlich die Frage: Was um aller Welt haben wir hier eigentlich verloren gehabt?

Über das deutsch-russische Verhältnis

Es ärgert mich, wie wir miteinander umgehen. Die deutsche Berichterstattung, die russische Berichterstattung. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, können so viel voneinander lernen, sollten enger zusammenrücken. Ich kann allen nur raten: Leute, setzt euch in den Flieger nach Moskau oder St.  Petersburg, so wie ihr nach Barcelona, Rom oder London fliegt, die Entfernung ist in etwa dieselbe. Schaut euch hier um, bereist das Land, redet mit den Leuten, bildet euch euer eigenes Urteil. Ich kenne keinen, der in Russland zu Besuch gewesen wäre und dann gesagt hätte: ganz furchtbar.

Über seine Hochzeit mit einer Russin

Mehr kann ich für die deutsch-russische Freundschaft nicht tun (lacht). Julia und ich haben im Oktober 2016 geheiratet. Die Hochzeit fand in Deutschland statt, am Rande von Berlin, wo ich herkomme. Wir haben uns standesamtlich trauen lassen und auch kirchlich  – in der Kirche, in der ich getauft und konfirmiert wurde. Bei der Hochzeitsfeier hat ein russischer DJ aufgelegt, es gab einen deutschen Sägebock, Brot und Salz auf russische Art. Es waren also die Traditionen aus beiden Ländern vereint.

Über ein von ihm mitinitiiertes Jugendbegegnungsprojekt

Wir haben Verbindungen zu einer Schule in Rschew aufgebaut, einer Stadt an der Wolga, die 1942/1943 Schauplatz von Schlachten war, die zu den schlimmsten des Zweiten Weltkriegs gehörten. Zu dem Projekt laden wir jeweils eine Schule aus Deutschland ein: Letztes Jahr kamen die Schüler aus Thüringen, diesmal aus Nordrhein-Westfalen.

Ziel ist es, Jugendliche zusammenzubringen, um an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu erinnern, der Toten auf beiden Seiten zu gedenken und so Versöhnung zu schaffen, ungeachtet aller politischen Spannungen. Da geht es natürlich um geschichtliche Workshops, um Seminare, aber auch um ganz einfache Dinge: am Lagerfeuer zu sitzen oder mit der Gitarre an der Wolga und miteinander ins Gespräch zu kommen, Vorurteile abzubauen. Wenn man sieht, wie die Jugendlichen beim Abschlussfest nach einer Woche miteinander tanzen und es egal ist, wer welche Nationalität und welchen sozialen Hintergrund hat, dann weiß man: alles richtig gemacht. Die Schüler aus Deutschland fahren mit einem anderen Russlandbild zurück nach Hause. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie wiederkommen.

Ein Lied über den Gräbern

Über ein Haus in Rschew

Bei unserem Aufenthalt in Rschew wohnen die Schüler in Gastfamilien und werden dort auf sehr offene und herzliche Art aufgenommen. Voriges Jahr hat eine Familie gleich fünf Schüler beherbergt. Ihr großes Haus stand bereits zu Kriegszeiten. Als die Wehrmacht in Rschew eingerückt ist, hat sie es für sich beschlagnahmt. Der Opa des Sohnes der Familie musste sich damals in einem Bunker daneben ver­stecken. Und heute, 75 Jahre später, kommen wieder Deutsche in das Haus, diesmal als Freunde. Man redet miteinander, geht zusammen in die Banja. Das ist doch einmalig.

Ich würde mir wünschen, dass solche Projekte ausgeweitet werden. Fast jede Schule in Deutschland hat eine Partnerschule in Frankreich. Warum gibt es so wenig Austausch mit Russland? Die heutigen Jugendlichen müssen die Probleme der Zukunft lösen. Das können sie besser, wenn sie sich mal kennengelernt haben.

Über seine Begegnung mit Putin

Wir haben Putin zum Projektstart im vergangenen Sommer an unsere Schule eingeladen. Keiner hat geglaubt, dass es klappt. Dann ist er doch gekommen, hat eine Rede gehalten, auf Schülerfragen geantwortet. Das war natürlich wie ein Sechser im Lotto. Mir ist schon bewusst, dass es unser Projekt ein kleines ist, aber auch ein wichtiges. Wir wollten einen großen Rahmen dafür, wollten in die deutschen Tageszeitungen, ins Fernsehen, haben ein halbes Jahr die Werbetrommel gerührt – ohne sonderlichen Erfolg. Aber mit Putin waren wir dann plötzlich doch interessant, das Telefon lief auf einmal heiß. Sei’s drum. Wenn die Aufmerksamkeit auf diese Weise entsteht, dann nehmen wir das dankend an.

Über die Vorfreude auf Deutschland

Ich freue mich darauf, dass es nach Hamburg geht. Nach Moskau wollte ich nicht in die Provinz. Selbst Berlin kommt einem im Vergleich ja klein vor. Ich freue mich auf einen anständigen Döner. Auf Cafés, in denen ich eine Tageszeitung lesen kann. Und auch auf ein bisschen Ruhe und darauf, dass es nachts einfach mal dunkel wird. So sehr ich Moskau liebe: Die Stadt ist irgendwie immer lichterhell.

Über seine Herzensmannschaft bei der Fußball-WM 2018 in Russland

Ich bin Deutscher, also drücke ich in erster Linie Deutschland die Daumen. Aber ich würde mich auch für Russland freuen, wenn die weit kommen. Ich denke mal, bei unseren Schülern an der DSM ist das genauso.

Das Interview führte Tino Künzel.

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