Kultur-Crashkurse für Expats: «Die russische Seele ist ein Markenzeichen“

Die Stadt Moskau möchte ihren ausländischen Gästen die russische Kultur nahebringen. Dazu bietet sie dieses Jahr erstmals Vorträge in Englisch an. Die Kurse laufen noch bis zum 14. Dezember.


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Russische Kultur umfasst mehr als nur Matrjoschkas / Foto: Ksenia Novikova

Der prachtvolle Saal des historischen Stadtpalastes auf dem Prospekt Mira füllt sich mit Menschen. Sie tragen Jeans und Winterjacken, ganz normale Bürger Moskaus. Die einzige Besonderheit ist, dass fast alle aus Europa oder Nordamerika – dem Westen – kommen und zum Studieren oder Arbeiten in der Stadt sind. An diesem Novemberabend sind sie ins Weiterbildungszentrum des Kulturamts gekommen, um mehr über die Kultur ihres Gastlandes zu erfahren. Das Programm „Exploring Russian Culture“ richtet sich speziell an Ausländer, deswegen sind auch alle Angebote auf Englisch. „Es sollen die ersten Fragen, die Fremde zu russischen Traditionen haben, beantwortet werden“, sagt Asja Fursowa, die das Programm mitentwickelt hat. „Russland soll den Menschen näher gebracht werden“, erklärt sie.

Damit treffen die Organisatoren wohl die Erwartungen der Anwesenden. „Ich denke, dass ich nach den Vorlesungen die Kultur besser verstehen werde“, meint die Austauschstudentin Marie Olivier (21) aus Frankreich. Mathieu Taillefer (33) aus Kanada sieht das genauso: „Es ist eine großartige Gelegenheit, um mehr über die Kultur zu erfahren. Ich kenne nur die wichtigsten Namen, aber welche Leistungen stehen dahinter?“, fragt sich der Englischlehrer.

Um musikalische Leistungen geht es Grigorij Krotenko. Er ist Dozent am Moskauer Konservatorium und hält einen Vortrag zur Rolle der Musik in  der russischen Kultur. Der Experte präsentiert vorrevolutionäre Tonaufnahmen altrussischer Gesänge und schockiert damit gleich zu Beginn sein Publikum. Denn diese Lieder unterscheiden sich so hart von dem, was europäische Ohren gemeinhin für „russische Musik“ halten, dass Krotenko sich beim Anblick der fragenden Gesichter vor ihm ein Lachen nicht verkneifen kann. „Was wir unter russischer Volksmusik verstehen, ist eigentlich eine sowjetische Idee“, kommentiert er die verdutzten Blicke. Er hat Freude daran, alte Gewohnheiten zu hinterfragen und sorgt so für viele überraschende Einblicke – beispielsweise was das Verhältnis von Religion und Musik betrifft.

Tatsächlich dominierte der russisch-orthodoxe Glaube über Generationen hinweg die russische Kultur. Russische Kunst war fast immer religiöse Kunst; Musik war nur als Kirchgesang erlaubt. Erst Peter der Große machte den kirchlichen Geboten ein Ende und säkularisierte das kreative Schaffen: Er holte Künstler aus Europa in sein Reich. Gerade die europäischen Musiker hinterließen in der russischen Kulturlandschaft unübersehbare Fußstapfen, in die ihre einheimischen Schüler traten. Die russische Oper entstand nicht im luftleeren Raum, sondern entsprang italienischen Vorbildern; die großen russischen Komponisten schrieben nicht für Balalaika und Gusli, sondern für Orchester und Klavier. Die europäischen Einflüsse sind aus der russischen Musik nicht mehr wegzudenken.

Genau das ist Krotenkos Botschaft. Er vermittelt überzeugend zwischen europäischer und russischer Perspektive. Ihm ist vor allem eine Einsicht wichtig: „Russland ist Teil der europäischen Kultur! Die russische Seele ist wie der amerikanische Traum – ein Markenzeichen.“ Und wieder überrascht der Dozent seine Zuhörer, Ausländer wie die wenigen Russen gleichermaßen. Mit dieser klaren Aussage hatte so wohl niemand gerechnet, aber es gibt auch keinen Widerspruch. Es scheint, dass alle grundsätzlich zustimmen können. Russische Kultur zu erkunden, heißt eben auch, europäische Kultur zu erkunden. „Wir Russen haben zwei Vaterländer: Russland und Europa“, meinte Dostojewski. Doch am Ende des Abends bleibt die Erkenntnis, dass diese zwei Länder jedenfalls im selben Kulturraum liegen.

Simon Barthelmess

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