Zwölfjährige Tennishoffnung: „Ich will die Nummer eins der Welt werden“

Ob sie die nächste russische Weltklasse-Tennisspielerin wird? Kristina Wolgapkina aus Moskau ist erst zwölf Jahre alt, steht aber schon mal mit Arantxa Sanchez Vicario und Kim Clijsters auf dem Platz. In ihrem Leben dreht sich (fast) alles um Tennis. Der gesamte Tag ist durchgeplant wie bei einem Profi. Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld.


Kristina spielt gern mit ihrem Brüderchen Mischa. Sie liebt es, mit der ganzen Familie im Café zu sitzen, ins Kino zu gehen, Musik zu hören oder bei Quests mitzumachen. An dieser Stelle enden die Gemeinsamkeiten mit ihren Freundinnen jedoch. Denn Kristina Wolgapkina ist eine Tennisprinzessin, die eine Königin werden will. Darauf ist ihr gesamtes Leben ausgerichtet – und das ihrer Familie gleich mit. Deshalb ist an Kino im Alltag nicht zu denken. Für die Zwölfjährige sind oft schon zehn Minuten Freizeit ein Geschenk.

Wolgapkina

Spiel, Satz und Sieg: Kristina Wolgapkina führt bereits die russische Rangliste in ihrer Altersklasse an. / Sergej Wischnewskij, juniortennis.ru

„Ich will die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste werden und alle Grand-Slam-Turniere gewinnen“, sagt Kristina. Davon träumen vermutlich Millionen Nachwuchsspieler. Aber wenige haben so wenig Grund, bescheiden zu sein. Denn Kristina Wolgapkina ist schon die Nummer eins, wenn auch vorerst nur in der russischen Rangliste und in ihrer Altersklasse. Internationale Erfahrung hat sie auch bereits gesammelt. Die Spanierin Arantxa Sanchez Vicario, 1995 die Nummer eins der Weltrangliste, hat dem russischen Sportportal Championat.com über die Moskauerin gesagt: „Man sieht, wie viel Spaß sie am Tennis hat. Sie spielt klug, ist fokussiert.“

Sanchez und Wolgapkina sind sich im Frühjahr in Paris begegnet. Dort war Kristina eine von 16  Auserwählten aus 16 Ländern, die am  Turnier „U13 Longines Future Tennis Aces“ im Rahmen der French Open teilnehmen durften. Die Auslosung nahm Steffi Graf vor, Sanchez war Schirmherrin. Kristina schaffte es bis ins Finale, das leider verloren ging. Aber als die beiden Finalistinnen anschließend ein Showmatch gegen Sanchez und die frühere US-Open-Gewinnerin Kim Clijsters bestreiten durften, war sie schon wieder guter Dinge.

Die Uhr, die Kristina als Preis bekommen hat, ist ihr noch viel zu groß und wird von ihrer Mutter Natalja getragen, die sie auf Auslandsreisen begleitet. „Meine Eltern haben da eine Arbeitsteilung“, schmunzelt das Mädchen. „Zu den Turnieren innerhalb Russlands fährt mein Vater mit.“

Zwischendurch geht Kristina natürlich auch noch zur Schule – eine ganz normale Moskauer Schule mit erweitertem Deutschunterricht. Oft muss sie die letzten Unterrichtsstunden auslassen, um rechtzeitig beim Training zu sein. Drei bis dreieinhalb Stunden täglich, sechs Mal pro Woche, sind ihr Pensum. Auf dem Weg zum Court und zurück, wenn ihre Mutter das Auto durch den Moskauer Verkehr lenkt, werden die ersten Hausaufgaben erledigt. Kaum ist Kristina zu Hause, klingelt abends um 20.30 Uhr auch schon die Nachhilfelehrerin. Die Zusatzstunden in Deutsch und Englisch sind eine Investition in die Zukunft. „Meine Tochter soll mehrere Fremdsprachen beherrschen“, meint Mama Natalja. Kristina sieht das nicht anders und hängt sich rein, ohne zu murren. Über ihrem Schreibtisch baumelt ein Leitspruch in Großbuchstaben: „Tennis, Schule, Disziplin sind die Grundlagen“. Den nimmt sie ernst.

Im Moskauer Stadtteil Sokol, wo die Wolgapkins wohnen, stehen in Kristinas Kinderzimmer die Pokale in Reihe und Glied. Auf einen darf sich die russische Juniorennationalspielerin besonders viel einbilden. Im Februar gewann sie eines der renommiertesten Nachwuchsturniere Europas, das „Open Super 12“ im französischen Auray, die inoffizielle Wintermeisterschaft für Zwölfjährige. Zu ihren Vorgängern auf dem Siegertreppchen zählten Tennisgrößen wie Rafael Nadal, Ana Ivanovic und Dinara Safina. Warum sollte nicht auch Kristinas Weg vorgezeichnet sein?

Ein großes Stück davon ist sie schon gegangen. Immer wieder das Geld dafür aufzubringen, war ein Kraftakt. Denn Tennis ist ein teures Vergnügen. 150.000 Rubel, umgerechnet mehr als 2000 Euro, muss jeden Monat für Training und Platzmiete aus dem Familienhaushalt abgezweigt werden. Wer sich das nicht leisten kann, dessen Träume von der Tenniskarriere platzen schon in frühem Alter.

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Bei einem Turnier in Paris lieferten sich Kristina (Mitte) als Zweitplatzierte und die Gewinnerin Maria Dolores Lopez Martinez ein Spielchen gegen die ehemaligen Weltstars Arantxa Sanchez und Kim Clijsters (rechts). / Longines Mediacenter

Unterstützung von Sponsoren und vom Verband gibt es in Russland keine. Kristinas Vater Walerij, der zum Glück gut verdient, hat dafür kein Verständnis: „Niemand will bei uns junge Talente fördern. Alles konzentriert sich auf die Olympiasieger.“ Von Russland sei seine Tochter nur für die Juniorenauswahl eingekleidet worden, darin habe sich das finanzielle Engagement erschöpft. Walerij Wolgapkin erzählt, man habe an große russische Unternehmen mit der Bitte um Hilfe geschrieben: „20 bis 30 Firmen und Organisationen, von der Bank WTB über den Ölkonzern Rosneft bis zu bekannten Wohltätigkeitsstiftungen“. Es sei nicht eine einzige Antwort gekommen.

Dabei hätten sogar ausländische Firmen schon angeklopft. Ein namhafter Hersteller von Tennisschlägern und -kleidung stellt Kristina Ausrüstung in einem bestimmten Umfang zur Verfügung. Für ihren zweiten Platz bei den „Longines Future Tennis Aces“ darf sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr kostenlos Sportausstattung im Wert von jährlich 2000 US-Dollar kaufen.

Gäbe es auch diese materiellen Vergünstigungen nicht – Kristina wäre selbst davon nicht aufzuhalten. Sie hat ihr Ziel fest vor Augen: „Das Gefühl, welches dir Siege verschaffen, und das Bewusstsein, dass du die Beste bist, ist mit nichts zu vergleichen.“

Anna Braschnikowa

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