Krestowskij-Stadion: Stahl und Diebstahl

Was für Deutschland der Berliner Hauptstadtflughafen ist, das ist für Russland das neue Stadion von Zenit St. Petersburg: ein öffentliches Dauerärgernis. Aber jetzt ist das Stadion zumindest fertig. Am 22. April rollt dort erstmals der Ball.


Neben einigen dunklen Details fasst St. Petersburgs neue Hightech-Festung bis zu 80.000 Zuschauer. Während des Confed-Cups und der Weltmeisterschaft im Sommer 2018 wird das Krestowskij-Stadion „St. Petersburg“ heißen / Foto: Ria Nowosti.

Zwischen Anti-Korruptions-Protesten und Terroranschlägen ereignete sich, fast unbemerkt, Historisches. Nach mehr als zehn Jahren Bauzeit wurde Ende März das Krestowskij-Stadion offiziell fertiggestellt. Hier wird Zenit St. Petersburg künftig seine Heimspiele austragen, das erste am 22. April gegen Ural Jekaterinburg. Hier wird am 17. Juni auch das Eröffnungsspiel des Konföderationenpokals Russland gegen Neuseeland stattfinden. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Jahr später ist das Stadion dann mit sieben Spielen im Großeinsatz, darunter ein Halbfinale.

Der nach einem Entwurf des  inzwischen verstorbenen japanischen Stararchitekten Kisho Kurokawa geformte Sporttempel am Finnischen Meerbusen befindet sich dort, wo früher das von 1932 bis 1950 errichtete Kirow-Stadion stand, Austragungsort des Fußballturniers bei den Olympischen Sommerspielen 1980. Diese schon lange nicht mehr genutzte Perle der Stalinarchitektur auf der Krestowskij-Insel wurde zu Gunsten einer  topmodernen, futuristischen Arena mit 68 000 Plätzen abgerissen. Bei Konzerten passen sogar 80 000  Menschen hinein. Eine von vielen technischen Raffinessen ist das innerhalb von 15  Minuten verschließbare Dach, mit 71 000 Quadratmetern dreimal so groß wie der Rote Platz. 32 000  Tonnen Metallkonstruk­tionen wurden für die neue Petersburger Sehenswürdigkeit verbaut   – das entspricht vier Eiffeltürmen. Die Sportstätte ist mit 436  Wlan-Punkten ausgestattet und energieeffizient.

Info: Nutzungsrechte für 49 Jahre vergeben

Nach einem Vorvertrag zwischen Gouverneur Georgij Poltawtschenko und dem Zenit-Präsidenten Aleksandr Djukow erhält der Fußballclub Zenit St. Petersburg die Nutzungsrechte bis 2066. Und das sehr günstig. Zenit überweist, neben den laufenden Kosten von geschätzt 12 bis 17 Millionen Euro pro Jahr, nur einmalig 8,3 Millionen Euro an die Stadt. Dafür erhält der Fußballklub sämtliche Erlöse durch Ticketverkauf, Gastronomie sowie Marketing.

Doch auch die Kosten können sich sehen lassen. Mit umgerechnet 710  Millionen Euro ist das Krestowskij-Stadion mit Abstand das teuerste in Russland und verschlang ungefähr genauso viel Geld wie die drei anderen beim Konföderationspokal als Spielorte vorgesehenen Stadien in Moskau, Kasan und Sotschi zusammen genommen. Viel davon ist offenbar in Taschen von Beteiligten gelandet.

Als 2007 die Bauarbeiten begannen, war an die WM noch gar nicht zu denken. Nur passte das kleine, nicht überdachte Petrowskij-Stadion für 21 000 Zuschauer immer weniger zu den Ambitionen von Zenit St. Petersburg, Russlands reichstem Fußballklub mit seinem Anspruch, sich sukzessive der europäischen Spitze anzunähern. Ein Umzug musste her.

Im Laufe der Jahre wurden die Baupläne gleich dreimal komplett umgeschrieben – 2008, 2010 und 2013. Nicht nur die Bauzeit zog sich in die Länge, auch die Kosten explodierten. Von 141 Millionen Euro war  ursprünglich die Rede gewesen. Und fertig werden sollte die Arena schon 2009. Stattdessen jagte eine Posse die nächste. 2009 stieg mit Gasprom der wichtigste Sponsor des Stadionprojekts aus. Die Kosten mussten seither aus dem ohnehin klammen Stadthaushalt getragen werden.

In der Folge machten immer wieder Skandale von sich reden. So wurde Marat Oganesjan, bis 2015 stellvertretender Gouverneur St. Peterburgs, im November 2016 festgenommen. Er soll 720 000  Euro an Projektzahlungen veruntreut haben. „Budgets wurden aufgestellt, nachdem das Geld ausgegeben war – um dessen Verschwinden zu rechtfertigen“, sagte  Dmitrij Sucharew, Bürochef von Transparency International in St. Petersburg, der norwegischen Sportzeitschrift „Josimar“, die intensiv vor Ort recherchierte und auch von „systematischem Missbrauch von Arbeitsmigranten“ unter „sklavenähnlichen Bedingungen“ schrieb.

Im Juli 2016 beschädigten streikende Arbeiter die Baustelle. Der Generalunternehmer Inschtrans­stroj stellte die Arbeiten unter Verweis auf ausstehende Zahlungen in Millionenhöhe ein. Vizegouverneur Igor Alabin warf der Baufirma im Gegenzug „Gier“ vor. Erst Ende August 2016 wurden die Bauarbeiten wieder aufgenommen. Mit Metrostroj, auf den Bau und Ausbau der städtischen U-Bahn spezialisiert, ernannte die Stadt den dritten Generalunter­nehmer seit Beginn der Arbeiten. Die Zeit drängte.

Im November 2016 ergaben Messungen einer FIFA-Kommis­sion, dass das Spielfeld vibriert. Die Schwingungen waren sechsmal so hoch wie zulässig. Vizepremier Vitalij Mutko versprach eine „schnelle Lösung“ des Statikproblems. Wie die Nachrichtenagentur Regnum berichtete, hätten rund 100 Ingenieure im Schichtsystem daran gearbeitet, die Auflagen zu erfüllen. Am Ende sei das mit Hilfe einer neun Millimeter dicken, unter dem Spielfeld montierten Stahlfolie gelungen.

Auch mit Wasser- und Windschäden hatten die Verantwortlichen wiederholt zu kämpfen. Ist jetzt endlich alles gut? Nicht so ganz. Der Rasen ist in einem schlechten Zustand. Seinem Wachstum förderlich wäre es, wenn das Spielfeld ausgefahren würde. Die Technik sieht genau das vor. Doch das Organisationskomitee der WM hat genau an der fraglichen Stelle ein Mediendorf errichtet. Es steht dort noch bis zur WM.

Christopher Braemer

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