Wie fünf Kadetten aus der Provinz den Großen Katharinenball eroberten

Glanz und Prunk vergangener Zeiten lebten Mitte September auf dem Großen Katharinenball im Zarizyno-Schloss in Moskau auf. Für fünf adrette Kadetten aus Orenburg und Omsk war es der erste Tanzabend.

Alle Augen sind auf die Kadetten und Debütantinnen des diesjährigen Großen Katharinenballes gerichtet. / Foto: IVDK.

Ein langer roter Teppich am Eingang lässt den Glanz hinter den großen Holztüren des Moskauer Zarizyno-Schlosses nur erahnen. Ein bisschen nervös, aber feierlichen Schrittes legen die Gäste die letzten Meter zum Großen Katharinenball zurück – ein gesellschaftliches Großereignis, das der Internationale Verband der deutschen Kultur seit 2014 einmal im Jahr organisiert.

Vorbei an den Knabbereien, dem Sekt und den professionellen Fotografen, führt der Weg in einen reich verzierten Ballsaal. „Verzückt, Sie zu sehen“, begrüßen Damen in historischen Gewändern des 18. Jahrhunderts mit einem leichten Knicks die Ballbesucher. Die Atmosphäre erweckt den Eindruck, als ob sich an diesem Abend zwei Epochen begegnen: Barock und Moderne.

Vergoldete Säulen heben sich von den hohen weißen Wänden ab. Im Lichte der prunkvollen Kronleuchter glänzt das Parkett, während das kleine Orchester auf der Empore klassische Musik anstimmt. Damen wandeln in langen Ballkleidern unterschiedlichster Farben, eingehakt bei ihren Begleitern in dunklen Abendanzügen. Doch in der Menge der schwarzen Smokings strahlen die weißen Festtagsuniformen der fünf Kadetten um die Wette. Sie gehören zu den besonderen Gästen des Balls.

Marschieren und Manieren

Semjon Gordilow, Denis Burduk und Aleksander Tuschkanow aus Orenburg nahmen mit zwei weiteren Kadetten aus Omsk dieses Jahr erfolgreich an zwei Deutschwettbewerben teil: „Deutsch die erste Zweite“, organisiert vom Goethe-Institut Moskau, und „Freunde der deutschen Sprache“, seit 2009 vom Internationalen Verband der deutschen Kultur durchgeführt. Als Anerkennung erhielten sie eine Einladung zum diesjährigen Großen Katharinenball. Deshalb reisten die drei Kadetten zu diesem Anlass 32 Stunden mit dem Zug an.

Ihre Heimatstadt liegt etwa 1500 Kilometer entfernt von Moskau, unweit der Grenze zu Kasachstan. Dort besuchen sie die Orenburger ­Präsidenten-Kadettenschule, welche direkt dem Russischen Verteidigungsministerium untersteht. Sie ist eine Kaderschmiede, die zu den hundert besten Schulen Russlands gehört.

Der Alltag der über 800 Jungen ist streng durchgetaktet, von sieben Uhr in der Früh bis halb elf abends. Am Morgen steht zunächst ein drei Kilometer langer Ausdauerlauf an, erst dann folgt der Schulunterricht. Im Anschluss erwarten die ­Kadetten weitere sportliche Übungen. Es wird nicht nur auf körperliche Fitness und Bildung Wert gelegt, sondern auch auf Manieren. Die Schüler können zwischen Tanz, Malerei und Musik als Zusatzfach wählen.
Ihre rare und deshalb umso wertvollere Freizeit nutzen die drei Jungen zum Schlafen, Lesen oder Musikmachen. Aus diesem Grund hießen sie Anfang September den Besuch des Großen Katharinenballs äußerst willkommen. Zwar kannten sie die Hauptstadt schon sehr gut durch zahlreiche Chorreisen, doch einen Ball sollten sie das erste Mal besuchen.

Ein geschmeidiger Tanz will gelernt sein

Gemeinsam mit anderen Tänzern, Schauspielern und Sängern bereiteten sich Semjon Gordilow, Denis Burduk und Aleksander Tuschkanow im Rahmen einer Kreativakademie auf das große Ereignis vor. Schon seit 2000 veranstaltet der Internationale Verband der deutschen Kultur diese Programmwoche, um Russlanddeutsche zusammenzubringen.

Adrette Kadetten samt reizender Begleitung./Foto: IVDK.

Vorkenntnisse der Kadetten einerseits vom Marschieren, andererseits aus Breakdance- und Hip-Hop-Stunden, mussten nun in einen geschmeidigen Walzer umgewandelt werden. Zusammen mit fünf Debütantinnen aus Perm erlernten die ­Kadetten innerhalb von vier Tagen eine Choreografie, die sie am Abend des Balls präsentieren sollten. Die intensiven Vorbereitungen machten den Schülern besonders viel Freude, da „die Mädchen nicht nur sehr nett, sondern auch hübsch waren. Wir verbrachten sehr viel Zeit mit ihnen“, sagt der 17-jährige Denis und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Eins, zwei, drei im Wiegeschritt

Kurz vor dem großen Auftritt steigt die Nervosität. Ihren Tanz zeigen die fünf Kadetten aus Orenburg und Omsk vor 200 wichtigen Gästen im großen goldenen Ballsaal, die prächtige Katharina-Statue immer im Blick. Doch zum Glück müssen sie nicht den ersten Schritt auf dem Parkett machen. Der Tanzmeister des Balles, Sergej Sosnizkij, führt die stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur und Gastgeberin des Abends, Olga Martens, in das Zentrum des Saals und eröffnet mit einer Polonaise den Ball. Erst jetzt schließen sich im Wiegeschritt die Kadetten mit ihren grazilen Partnerinnen an.

Die Erleichterung ist groß, als die Zuschauer begeistert klatschen und anschließend selbst auf die Tanzfläche strömen. Alle Kadetten sind sich einig: „Der Abend ist sehr besonders für uns und sehr ungewohnt. Alle Anwesenden tragen Kleidung aus vergangener Zeit. Es ist beeindruckend – und die Halle, in der wir tanzten, ist wunderschön.“

Nie hätten sie gedacht, dass sie dank der deutschen Sprache einmal ein solches Ereignis erleben dürfen. Doch manchmal verhelfen Grammatik- und Vokabeln-Pauken eben doch zu unerwarteten Erlebnissen.

Nachgefragt: Wie haben Prominente den Großen Katharinenball erlebt?

Ernest Mazkjawitschjus
Journalist und Fernsehmoderator

Ich bin mir sicher, dass ein Volk, das seine Traditionen pflegt, unbesiegbar ist. Es ist wichtig, dass Menschen ihre Geschichte und Kultur bewahren und erhalten. Auf den ersten Blick sind Bälle schöne Veranstaltungen: mondän, unterhaltsam, spielerisch. Aber man taucht tatsächlich in die Vergangenheit seines Landes ein und versteht, wie sich Geschichte formiert. Die Balltradition wiederzubeleben, ist eine gute Idee. Vor allem, weil der Große Katharinenball auch eine Wohltätigkeitsveranstaltung ist. Ich war gegenüber Bällen skeptisch. Aber ich habe mich geirrt. Ich fühle mich wohl.

Dmitrij Miller
Theater- und Filmschauspieler

Obwohl ich kein Fan historischer Rekonstruktionen bin, gefällt mir hier alles gut. Das heißt, den Organisatoren ist es gelungen, die richtige Atmosphäre zu kreieren. Heute ist mir vor allem eines klargeworden: Ich möchte unbedingt Deutsch lernen, denn ich habe deutsche Wurzeln. Und erst kürzlich ereignete sich ein wunderbarer Zufall. Mit meiner Frau habe ich die Serie „Katharina die Große“ geschaut, als sie mich während einer Szene fragte: „Dima, ich verstehe nicht, warum du nicht in dieser Serie mitspielst? Das ist doch deine Rolle. Wo schaut dein Agent bloß hin!“

 

 

Wladislaw Fljarkowskij
Fernsehmoderator bei „Kultura“

Ich war bereits im letzten Jahr auf dem Großen Katharinenball und habe damit schon einen Vorgeschmack auf eine Menge Spaß und Begeisterung bekommen. Auch im letzten Jahr hat mir alles gefallen – von der Organisation bis hin zu den Tanzkursen und dem Literaturabend.
Dieses Mal ist alles ausbalanciert und elegant, sogar mit einer tollen Bewirtung. Solche Ballgeschichten sind übrigens nie aus der Mode gekommen, nicht einmal während großer Kriege. Ein Indikator eines wohlhabenden Landes ist die Anzahl seiner Bälle. Gott sei Dank, dass es sie gibt!

Beatrice Braunschweig

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