Sein Name ist Schdun: Skulptur aus Holland verdreht Russland den Kopf

Die Russen haben historisch viel Erfahrung mit Warteschlangen und dergleichen. Sind sie vielleicht deshalb ganz verrückt nach einer Skulptur aus Holland, die halb stoisch, halb mitleiderregend in einem Wartezimmer sitzt? Jedenfalls hat „Schdun“ in Russland eine formidable Internetkarriere hingelegt. Und nun wird analysiert, warum das so ist.

Die immergleiche Pose, aber in unzähligen Varianten: Im russischen Internet ist Schdun derzeit überall.

Wie das virtuelle Leben so spielt:   Homunculus loxodontus, wie die Holländerin Margriet van Breevoort ihre Skulptur genannt hat, war lange eine Attraktion von eher lokalem Maßstab. Die Künstlerin kreuzte einen See-Elefanten und eine Raupe, legte diesem Wesen einige menschliche Züge mit in die Wiege und wollte so Patienten des Medizinischen Zentrums der Universität Leiden aufmuntern. Als dann jedoch Ende Januar nach rund einem Jahr ein Foto des drolligen Geschöpfs auf dem russischen Internetportal Pikabu.ru auftauchte, vervielfachte sich die Zahl derer, die Homunculus loxodontus aufmunterte, praktisch im Stundentakt.

Die Russen verpassten ihm alsbald einen eigenen Namen: Schdun. Ein Kunstwort, dass sich vom Verb „Warten“ ableitet, auf Deutsch also so etwas wie Wartix oder Ausharry. An Schdun kommt an diesen Tagen niemand vorbei, der im Ru-Net unterwegs ist: Schdun im Logo der Russischen Post, Schdun bei einer Regierungssitzung, mit russischen Revolutionären, auf dem Sockel von Peter dem Großen in St. Petersburg. Die Moscow Times führte sogar ein „Interview“ mit ihm. Was ist da los?

Das Original im Wartezimmer des Medizinischen Zentrums der Universität Leiden in Holland. / Wikimedia Commons / Margriet van Breevoort

Der Politologe Dmitrij Trawin veröffentlichte in der Tageszeitung „Wedomosti“ einen langen Meinungsartikel, in dem er sich einen Reim auf das Phänomen zu machen versucht. Trawin schreibt, Schdun sei ein „nationales Symbol“ und Ausdruck einer Zeit der Stagnation ohne politische, zivilgesellschaftliche oder wirtschaftliche Bewegung, wobei Konservative, Liberale und Junge jeweils etwas Anderes in der Figur sähen.

Der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow stieß auf „Echo Moskwy“ ins selbe Horn. Schdun sei „Ausdruck einer Epoche“ und das „neue Gesicht Russlands“.

Aber vielleicht verraten solche Deutungen ja mehr über die Überzeugungen ihrer Protagonisten als über einen spaßigen Internetmeme, in den man womöglich zu viel hineininterpretiert. Oder haben die Russen sich und ihr Land tatsächlich wiedererkannt in einer Skulptur aus Holland? Schdun würde statt einer Antwort nur mit seinen großen, arglosen Augen in die Gegend schauen und wie immer gutmütig und leicht überfordert wirken. Am liebsten möchte man ihn endlich einmal in den Arm nehmen und selbst aufmuntern. Aber auch das kann ein Missverständnis sein. Für Trawin ist Schdun ein Optimist: „Er gibt die Hoffnung nicht auf. Und wartet.“

Tino Künzel

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