Heiner Goebbels: „Das Publikum ist schlauer, als man erwartet“

Das „New Space“ des Theaters der Nationen präsentiert im Block „Music“ eine Installation des Regisseurs Heiner Goebbels, der seit 2015 mit dem Musik-Theaterstück „Max Black“ das Moskauer Publikum begeistert. Der MDZ erzählte er, was es mit der Installation „Landscape 3“ genau auf sich hat und woher die Schafe für die Aufnahmen stammen.

«Landscape 3»: Die Installation zeigt eine Herde Schafe, um die ein beleuchteter Zeppelin kreist. / Foto: Julia Bordunov.

Herr Goebbels, Sie kommen nun schon seit mehr als 25 Jahren nach Moskau. Warum?

Ich komme natürlich überall dahin, wo man sich für meine Arbeit interessiert. Wir waren 1990 auch schon in Sibirien, in Barnaul. Die Resonanz waren schon bei unseren ersten Konzerten enorm. Ich war sehr froh, dass ich daran anknüpfen konnte und später Einladungen zum Tschechow-Festival, ins Bolschoi-Theater, zum Golden Mask Festival und ins Stanislawskij-Elektrotheater bekam.

Können Sie allgemein sagen, welches Stück erfolgreich anlaufen wird?

Das ist eine Frage, die mich nicht interessiert. Ich versuche, eine Arbeit zu machen, die zugänglich ist, aber trotzdem für mich neue Fragen aufwirft. Ich unterschätze das Publikum nicht, denn es ist schlauer, als man erwartet, und ich glaube, es ist ein großer Fehler des Theaters, zu denken, man müsse einen bestimmten Geschmack treffen.

Denken Sie, dass ein Stück bewegen und berühren sollte, oder kann es der reinen Unterhaltung dienen?

Mich würde immer interessieren, ob ein Stück Fragen stellt, und Möglichkeitsräume für die Imagination der Zuschauer öffnet. Es braucht eine Spannung zwischen dem, was man sieht und dem, was man hört. Auch zwischen dem, was man aus seiner eigenen Realität mitbringt und der Realität, die man auf der Bühne sieht. Ich versuche nicht, über die Realität Statements abzugeben, sondern das ist etwas, was das Publikum selbst mitbringt. Aus dieser Spannung wächst vielleicht auch das Vergnügen. Aber nicht nur.

Musiker, Regisseur, Komponist und Künstler: Heiner Goebbels experimentiert. / Foto: Katharina Lindt.

Woher nehmen Sie die tagtäglichen Inspirationen?

Die können aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen. Aus der Literatur, aus der bildenden Kunst oder aus dem Wunsch, mit einem bestimmten Künstler oder Musiker zusammenzuarbeiten. Die Inspirationen können auch von einem Raum ausgehen. So wie in diesem Theater zum Beispiel. Da hat mich der Keller sehr inspiriert, auf ihn zu reagieren.

Ich sprach mit einigen Besuchern Ihrer Installation, einige bezeichneten sie als skurril. Können Sie sich mit dieser Aussage anfreunden?

Skurril kommt mir bei dieser Arbeit erst einmal merkwürdig vor. Ich habe einigen Zuschauern versucht zu vermitteln, dass es nicht darum geht, etwas zu verstehen, sondern mit dem Gesehenen und Gehörten selbst etwas zu erleben. Danach hatte ich den Eindruck, dass sie erleichtert waren. Diese Sinnsuche ist eine völlig unkünstlerische Frage. Es geht darum, dass man sich selbst auf eine andere Weise konstruiert. So ist es mit meinen Installationen auch. Es ist ein Spiel von Bildern und Tönen, innerhalb dessen wir uns als Betrachter positionieren und vielleicht eigene Erfahrungen und Erlebnisse zulassen.

Was bringt Sie dazu, immer wieder Neues zu wagen?

Es langweilt mich, mich zu wiederholen. Und deswegen betrachte ich die künstlerische Arbeit als eine Art Forschung, von der ich noch nicht weiß, wie sie ausgeht. Ich zettle einen Prozess an, an dessen Ende vielleicht ein Stück steht, das mich selbst überrascht.

Also versuchen Sie jedes Mal, sich selbst zu übertreffen?

Der Begriff „sich selbst übertreffen“ geht ja davon aus, dass man schon trefflich ist… Ich versuche, jedes Mal in einem anderen Bereich etwas zu entdecken. Ange-fangen habe ich mit Konzerten, dann war es das Theater und jetzt bin ich im Bereich der bildenden Kunst.

Um nochmals auf Ihre derzeitige Installation zurückzukommen. Woher hatten Sie die Schafe?

Die sind aus dem Ruhrgebiet. Es gibt aber auch einen ähnlichen Film, den wir in New York gedreht haben – da hatten wir die Schafe aus Philadelphia.

Und wo ist „Landscape 3“ entstanden?

In einer Halle im Landschaftspark Duisburg Nord. Die Halle war früher Teil eines Stahlwerks, ist 160 Meter lang und heißt Kraftzentrale; und genau da haben wir die Aufnahmen gemacht.

Als ich mir „Landscape 3“ angesehen habe, hatte ich eher keine Gedanken und war in eine Art Meditation versunken.

Aber das ist doch genau der Anfang davon, dass bei Ihnen noch ganz viel passiert.

Das Interview führte Julia Bordunov.

Zur Person

Heiner Goebbels wurde am 17. August 1952 in Neustadt an der Weinstraße geboren. Er studierte Soziologie und Musik in Freiburg im Breisgau und Frankfurt am Main. Seit 1999 ist er Professor an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Daneben ist er als Komponist, Hörspielautor und Regisseur tätig. Neben zwei Grammy-Nominierungen wurden ihm viele internationale Theaterpreise verliehen, darunter 2012 den Ibsen-Preis. Von 2012 bis 2014 hatte er die Intendanz der Ruhrtriennale inne.

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