Vaterlandsliebe für alle: Wie russische Kinder Patriotismus lernen

Nach den jüngsten Protesten in russischen Großstädten, die überraschend viele junge Leute auf die Straßen zogen, ist sie einmal mehr in aller Munde: die politische – oder vielmehr patriotische – Bildung. Die staatlichen Bildungseinrichtungen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Ausbildung in Russland heißt nicht nur die Herausbildung intellektueller Fähig- und Fertigkeiten, sondern auch die der künftigen Wertevorstellungen der jungen Bürgerinnen und Bürger. So sieht es Russlands Bildungsgesetz in der allgemeinen Definition zur Schulbildung vor. Ein fester Bestandteil dieser Werte-Erziehung ist die sogenannte patriotische Bildung. Diese soll die junge russische Generation zu Heimatliebe und zur Bereitschaft verhelfen, dem Vaterland mit ihrer Arbeit und ihrem Lebensstil zu dienen.

Premier Dmitrij Medwedew 2011 zu Besuch in einer Schule im Gebiet Stawropol. Die Kinder sollen ja auch ihre Politiker kennen. / kremlin.ru

Treu und wissend 

Während der junge russische Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion diesem Thema kaum Aufmerksamkeit schenkte, erlebt es ab den 2000er Jahren eine Art Renaissance. 2001 ließ die Regierung ein eigenes entsprechendes Bildungsprogramm erarbeiten. Seitdem wurde es bereits vier Mal um jeweils fünf Jahre verlängert. Zu dem Programm gehören thematische Konferenzen für Professoren, Lehrer, Studenten und Schüler, Wettbewerbe militärischer Ausrichtung für Jugendliche sowie paramilitärische Ferienlager für Kinder. Genaue Regeln für den konkreten Inhalt des Patriotismus-Unterrichts oder Vorgaben für das Schulfach an sich gibt es nicht, oft aber fällt das Thema in die Geschichtsstunden, meist einmal pro Woche.


INFO: Patriotismus als Staatsprogramm

Das Regierungsprogramm zur patriotischen Bildung der russischen Bürger zielt nicht nur auf Schüler und Studierende ab, sondern auch auf alle Erwachsenen. Ausführende Behörden sind das Bildungs-, Verteidigungs- und Kulturministerium sowie die Agentur für Jugendangelegenheiten. Für den Zeitraum 2016 bis 2020 sind hierfür insgesamt 1,7 Milliarden Rubel im Haushalt eingeplant worden. Zum Vergleich: Von 2011 bis 2015 waren es gerade einmal 0,8 Milliarden.


Die 13-jährige Arina Awjetisjan geht in die siebte Klasse eines Gymnasiums in Jegorjewsk bei Moskau. Dort, so sagt sie, würde während der Patriotismus-Stunden vor allem über die Eigenschaften eines „echten Patrioten“ diskutiert, zum Beispiel, „dass die Jungen den Militärdienst nicht verweigern sollen“. Der Wehrdienst ist für alle jungen und gesunden Russen Pflicht, aber viele wollen dem entgehen, erfinden Ausreden oder fälschen ihre Dokumente. Das seien schonmal kein richtiger Patriot, wenn es nach dem staatlichen Programm geht.

Der 14-jährige Moskauer Jegor Kasantsew besucht die achte Klasse der Moskauer Schule Nummer 1434. Da er in eine sogenannte Kadettenklasse geht, wird dem Thema Patriotismus dort natürlich besondere Aufmerksamkeit geschenkt, erzählt Kasantsew. In diesen Unterrichtsstunden behandelten sie vor allem die für Russland bedeutendsten historischen Ereignisse und Persönlichkeiten. Neulich, erzählt er, sei zum Beispiel der Beitritt der Halbinsel Krim zu Russland vor drei Jahren thematisiert worden. Dazu wurde ihnen der für das russische Staatsfernsehen produzierte Film „Krim – die Rückkehr in die Heimat“ gezeigt, der einen besonders friedlichen Prozess auf der Halbinsel zeigte.

Ein echter Patriot muss aber auch zum Widerstand gegen Staatsfeinde bereit sein, heißt es, zum Beispiel gegen Terrororganisationen wie den sogenannten Islamischen Staat (IS, in Russland verboten). Nach dem Fall der einstigen Stdentin Warwara Karaulowa von der Lomonossow-Universität (MGU), die sich im Mai 2015 beinahe der Terrormiliz IS in Syrien anschloss, schenkt auch die MGU dem Thema mehr Aufmerksamkeit. In neuen Unterrichtsstunden sollen Studenten und Tutoren in einen Dialog treten, wodurch sowohl patriotische Werte vermittelt, aber auch Studierende und Lehrkräfte einander näher kommen sollen. So sollen perspektivisch Pläne wie der von Karaulowa früher erkannt und verhindert werden können.

Mit und ohne Politik 

An der Militärakademie in St. Petersburg ist Patriotismus-Unterricht selbstverständlich auch obligatorisch. Aber der Student Wladislaw Nadmitow aus dem dritten Studienjahr relativiert: „Die Themen, die wir besprechen, sind zwar dem Patriotismus gewidmet, aber apolitisch. Die letzten Demonstrationen gegen Korruption waren zum Beispiel gar kein Thema bei uns. Wir reden über Persönlichkeiten, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Alexander Newskij zum Beispiel.“ Für den 22-Jährigen sei „Patriotismus eher Lebensgefühl und Philosophie als Mittel zur Propaganda“.

Doch nicht überall läuft es so apolitisch ab: So brachte der Gouverneur Nikolaj Merkuschin vom Gebiet Samara am 30. März extra 2000 Schüler und Studenten zusammen, um ihnen den Film „Nein zu Extremismus“ zu zeigen. Die Dokumentation war vom Bildungsministerium der Stadt Samara in Auftrag gegeben worden und kritisiert klar die russischen Oppositionsparteien und -bewegungen und ihre berühmteste Führungsfigur Alexej Nawalnij. Sie sollen finanziell und ideologisch von den USA, den „Strippenziehern aus dem Westen“, unterstützt werden.

Beten und kämpfen 

Außer im Schulunterricht gibt es aber noch eine Reihe verschiedener Patriotismusprogramme, die auch die Ferien ausfüllen: militär-historische und militär-orthodoxe Ferienlager beispielsweise. Davon gibt es in ganz Russland über 2000. Ihr Ziel ist es, wie beispielsweise beim Jugendferienlager in Borodino bei Moskau, „eine positive Einstellung zu den Streitkräften und Strafverfolgungsbehörden Russlands bei den jungen Leuten“ zu erreichen sowie „die Jugend an geistige Werte der russischen Kultur und die Moralerziehung“ heranzuführen. So stellt sich das Lager auf seiner Webseite dar. Derartige Projekte werden entweder vom Staat oder privat finanziert. Zwei Wochen dort kosten zwischen 20000 und 35000 Rubel.

Siehe auch: Der Sommer im „Pro-Kreml-Camp“

Die 20-jährige Studentin Nina Sdorowa war im Sommer 2015 noch Schülerin und nahm am militärisch-orthodoxe Ferienlager „Parus“ bei Gorochowez teil. „Ich habe widersprüchliche Eindrücke gewonnen“, sagt Sdorowa. „Einerseits habe ich mich dort weitergebildet, lernte zum Beispiel orthodoxe Gebete, weil wir dort achtmal am Tag beteten und sangen. Dass dort Gehirnwäsche stattfindet, würde ich nicht sagen.“ Andererseits würden vor allem Jungen auch für den Armeedienst, teils sogar für besondere Spezialeinsatzgruppen vorbereitet. „Diese Erfahrung würde ich lieber nicht mehr wiederholen“, sagt Sdorowa heute.

Jekaterina Solowjowa 

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