Energie zum Anfassen: Zehn Geschichten von der Expo in Astana

Noch nie fand eine Weltausstellung in unmittelbarer Nachbarschaft Russlands statt – bis jetzt. In Kasachstans Hauptstadt Astana läuft seit 10. Juni die erste Expo auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion eröffnet. MDZ-Autor Christopher Braemer hat vor Ort zehn Geschichten rund um die Großveranstaltung gesammelt. Sie handeln unter anderem von Ehrgeiz, Störgeräuschen und einem erneuerbaren Gelände.

Dominante des Expo-Geländes: der kasachische Pavillon. / Tino Künzel

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Die Expo 2017 steht unter dem Motto „Energie der Zukunft“. Mehr als 100 Teilnehmerländer präsentieren sich mit ihren Ideen zu nachhaltiger Energienutzung und klimafreundlicher Produk­tion. Es handelt sich um eine „kleine“ oder „spezialisierte“ Expo, so wie zuletzt 2012 im südkoreanischen Yeosu. Im Vergleich zu den „großen“ Expos (2000 in Hannover, 2010 in Shanghai, 2015 in Mailand) ist sie mit drei Monaten um die Hälfte kürzer und das Ausstellungsgelände regulär auf 25  Hektar begrenzt. Das hat die ehrgeizigen Kasachen allerdings nicht daran gehindert, in Astana 173,4 Hektar zu bebauen.

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Auf dem zentralen Boulevard von Astana symbolisieren bemalte Figuren die Teilnehmerländer der Expo. / Tino Künzel

Die New York Times hat Kasach­stan mit Blick auf die Expo in seine Liste der „Top 52 places to visit in 2017“ aufgenommen. Doch das Besucherinteresse hält sich in Grenzen. War vorher mit fünf Millionen Gästen gerechnet worden, spricht Ilja Urasakow, Leiter der internationalen Kundenbetreuung bei der Expo, inzwischen von 2,4  Mil­lionen, davon 15  Prozent Ausländer  – vor allem aus China. Viele Kasachen sind nach Medienberichten nicht gerade freiwillig an ihr Ticket gekommen. Speziell Staatsbedienstete seien zum Kauf genötigt worden. „Uns wurde gesagt: Gut, wenn ihr fahrt. Aber selbst wenn nicht, müsst ihr die Tickets nehmen“, schrieb eine Lehrerin aus Südkasachstan auf Facebook. Ein Standardticket für die Expo kostet umgerechnet 16,81  Euro (22,41  Euro am Wochenende).

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Für den einen oder anderen Skandal sorgte bereits die Baugeschichte des Expo-Geländes gegenüber der Nasarbajew-Universität am Stadtrand von Astana, der Hauptstadt von Kasachstan mitten in der Steppe. Der Geschäftsführer und der Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft, von der die Expo betrieben wird und die bereits für die Vorbereitung verantwortlich war, wurden wegen Veruntreuung verhaftet und 2016 zu Haftstrafen von 7 und 14 Jahren verurteilt. Im November des vergangenen Jahres stürzte der Seitenflügel eines der 14 Pavillongebäude ein. Es habe ein „enormer Druck“ geherrscht, um die Arbeiten rechtzeitig abzuschließen, erzählt ein beteiligter Unternehmer, der ungenannt bleiben möchte.

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Der Anfang Juni eingeweihte sechsstöckige neue Bahnhof am Stadtrand macht etwas her, ist aber noch recht menschenleer. / Tino Künzel

Leere Bahnsteige an einem gewöhnlichen Nachmittag: Erst nach und nach sollen mehr Züge hierher verlegt werden. / Tino Künzel

Das Innere des Bahnhofs, den Präsident Nasarbajew als „einzigartig in der GUS“ bezeichnete. / Tino Künzel

Astana erhielt zur Weltausstellung ein neues internationales Flughafenterminal und ein futuristisches Bahnhofsgebäude. Der Bajterek-Turm, das Wahrzeichen der Stadt, wurde erstmals seit seiner Fertigstellung 2002 aufwändig saniert. Seit dem 17. Juni ist er für Besucher wieder begehbar.

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Zu der Schönheitskur gehörte offenbar auch die Abschiebung von Obdachlosen aus der Hauptstadt.  Im Fernsehen waren Menschen zu sehen, die man ins 350  Kilometer entfernte Kokschetau gebracht hatte. In sozialen Medien wurde in den Monaten vor der Expo immer wieder von solchen Fällen berichtet.

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Der kasachische Pavillon hat schwindelerregende Höhen zu bieten. / Tino Künzel

Die größte Attraktion der Expo ist der kasachische Pavillon namens „Nur Alem“. Mit 100 Metern Höhe und 80 Metern Durchmesser überragt die Glaskugel das gesamte Gelände. Ein Lift befördert den Besucher direkt in den achten Stock. Die Etagen sind jeweils erneuerbaren Ener­gien gewidmet: Biomasse, Sonnen-, Wasser-, Wind-, Weltraum- und kinetischer Energie. Für Kasachstan ist das allerdings tatsächlich „Energie der Zukunft“. Noch basiert der Stromhaushalt des Ölstaates zu 99 Prozent auf  fossilen Brennstoffen. Der verschwindend geringe Anteil erneuerbarer Energien soll bis 2020 zunächst auf drei Prozent, bis 2030 auf 30 Prozent und bis 2050 auf mindestens 50 Prozent steigen.

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Zu den Top 10 der meistbesuchten Pavillons gehörten nach Veranstalterangaben neben Kasachstan in der Startwoche China, Saudi-Arabien, Indien, Malaysia, Usbekistan, die Türkei, Russland, Thailand und Japan. Auch vor dem deutschen Pavillon bilden sich immer wieder Schlangen. In seinem Inneren dreht sich alles um die Energiewende: Deutschland ist eines der wenigen Ausstellerländer, das in Zukunft komplett ohne Atomenergie auskommen will. Unter deutscher Mithilfe entstand auch der erste kasachische Windpark Ereymentau, 1,5 Stunden von Astana entfernt. „Kasachstan ist unser wichtigster Handelspartner in Zentralasien. Das Land hat viel Potenzial und zeigt großes Interesse an deutscher Technologie“, sagte Dietmar Schmitz, Kommissar des deutschen Pavillons, der DPA.

Im deutschen Restaurant nebenan steht Hausmannskost von Sauerbraten bis zu Königsberger Klopsen auf der Speisekarte. Für die Ausschanklizenz musste Küchenchef Thomas Gottschlich eigens eine Tochterfirma in Almaty gründen. Von dort kommen auch die Bockwürste.

Die Hamburger Band MEUTE legt sich vor dem deutschen Pavillon ins Zeug. / Tino Künzel

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„Willkommen auf der Expo. Rauchen ist verboten, Toiletten finden sie nebenan. Haben Sie einen schönen Tag!“ Sabina Kajratowa, die mit einem Megaphon in der Hand die Besucher empfängt, zählt zu den 5000 in- und ausländischen Freiwilligen auf der Expo. Die 19-Jährige Studentin arbeitet acht Stunden pro Tag, bei kostenloser Unterkunft und Verpflegung plus einer kleinen Vergütung. Freien Eintritt zur Expo hat sie natürlich auch.

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Auf die Suche nach den kleinen Geschichten hinter der Expo begaben sich 13 Nachwuchsjournalisten aus Kasachstan, Deutschland, Usbekistan und Kirgistan. Im Rahmen der Zentralasiatischen Medien­werkstatt entdeckten sie unter anderem kuriose Orte und posteten sie in einem sehens- und lesenwerten bunten Blog. Anklicken lohnt sich!
daz.asia/blog/category/zam

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Wenn die Expo am 10. September endet, soll das Gelände als Internationales Finanzzentrum Astana weitergenutzt werden. Auch ein Zentrum zur Entwicklung von grünen Technologien und Investitionen auf globaler Ebene sowie ein IT-Startup-Hub für Unternehmer und Investoren aus aller Welt sind geplant. So bleibe der „Innovations­geist der Expo erhalten“, sagte Präsident Nursultan Nasarbajew bei der Expo-Eröffnung.

 

Aus Liebe zur Expo

Zu ihrem 50. Geburtstag versprach Hobbypilot und Fluglehrer Bernd Schaible (2.v.r.) seiner Frau Marina (r.) einen ganz besonderen Flug – von Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg nach Kasachstan. Das ist das Geburtsland von Marina, sie stammt aus Karaganda südöstlich von Astana, verließ die alte Heimat aber im Alter von zwölf Jahren. Jetzt kehrte sie zum ersten Mal dorthin zurück. Aber nicht nur das Reiseziel war etwas Besonderes, sondern auch die Anreise: Die 7000 Kilometer Luftweg wurden nämlich mit Freunden im Privatflieger zurückgelegt, einer einmotorigen Socata TBM 700. Zu sechst ging es in Astana dann auch zur Expo und zum deutschen Pavillon. So schafften es die nicht alltäglichen Besucher aus Deutschland sogar in Kasachstans führende Internetzeitung Tengrinews.

Foto: Privat

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