“Geschichte ist eine Legende”

Das Deutsche Theater Almaty ist in vielerlei Hinsicht besonders: Es ist ein deutsches Theater, das dreisprachig inszeniert und wandert durch die kasachische Stadt. Natascha Dubs spielte in den 90ern am Theater, heute ist sie dessen Direktorin. Sie ist bekannt für ihr experimentelles Theater.

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Natscha Dubs, Leiterin des Deutschen Theaters Almaty / Juliane Pfordte

Frau Dubs, Ihr Deutsches Theater hat ein Ensemble, aber keinen eigenen Standort. Wie geht das?
Wir bekommen von der kasachischen Regierung Geld für die Anmietung von Räumen. Gerade existieren wir zwischen zwei Bühnen, einer Galerie im Zentrum der Stadt und dem Uigurischen Theater. Wir haben auch ein administratives Gebäude mit Proberaum.

Das Theater hat ja eigentlich ein eigenes Gebäude. Warum spielen Sie nicht dort?
Das Gebäude hat kein Dach mehr, die Wände sind kaputt. Eigentlich müsste man es abreißen und neu bauen. Mit dem deutschen Generalkonsulat versuchen wir, eine Lösung zu finden. Der deutsche Architekt Philipp Meuser hat uns gerade einen Vorschlag für einen Innenraum gemacht. Die Ruine soll als  Installation erhalten bleiben.

Sie spielen dreisprachig, Deutsch, Russisch und Kasachisch. Was ist deutsch am Deutschen Theater?
Die Sprache ist eine sehr interessante Form, wir spielen damit. Auf den kasachischen Straßen hört man  viele verschiedene Sprachen. Das ist vollkommen normal für uns. Aber als deutsches Theater müssen wir auch Deutsch spielen.

Ist das eine Auflage?
Ja, denn wir werden als deutsches Theater finanziert. Wir haben im letzten Jahr auch sehr viel mit der deutschen Minderheit gemacht. Es gab ein deutsches Theaterfestival, ein Volksfest und ein Jugendtheater. Aber Theater ist zunächst einmal für Menschen da. Danach kommen andere Funktionen.

Das Deutsche Theater hat den Ruf, experimentell zu sein. Sie bedienen Brecht’sche Formate…
…wir stehen zwischen Brecht und Pina Bausch. In Almaty sind wir das einzige europäische Theater. Für mich heißt das, ein Theater, das für den Kopf arbeitet und nicht nur Gefühle bedient. Die deutsche Literatur und Dramaturgie ist mir da sehr viel näher als die russische.

Wie kamen Sie zum experimentellen Theater?
An allem ist Pina Bausch schuld, ihr Tanztheater hat mich fasziniert. Bis 1993 habe ich vor allem Choreografie gemacht, die neu gegründete Theaterakademie war damals sehr interessant. Ich finde, dass Schauspieler eine eigene Körperkultur brauchen, weil Bewegungen und Gesten auch eine Bühnensprache sind. Bewusstsein und Körperkultur zusammen zu bringen – das finde ich gut.

Sie haben zum 550. Jubiläum des Khanat, der Urform Kasachstans, das Stück „Ruch“ über die kasachische Geschichte gespielt. Es besteht aus eineinhalb Stunden Kiregsszenen. Das klingt eher nach Lehrstück als nach Brecht…
Das stimmt. Im Repertoire unseres Theater haben wir viele verschiedene Stücke. Einige machen wir für uns selbst, weil wir sie mögen. Dabei ist es egal, ob sie den Zuschauern gefallen. Aber wir machen auch soziale Projekte,  Stücke mit Audiodeskription für Menschen, die sehr schlecht sehen.

Sind das Auftragsarbeiten?
Nein. Aber das neue Stück zum Beispiel ist eingebettet in die Feierlichkeiten zu 550 Jahren Khanat. Es hieß, dass jedes Theater etwas zu diesem Jubiläum machen soll…

… soll oder muss?
Beides. Aber für uns war das wirklich interessant. Ein Stück bloß als historisches Stück zu inszenieren, erschien uns allerdings komisch, denn wir sind eine junge Kompanie und kein kasachisches Theater. Also haben wir uns für eine Theaterlektion entschieden: Ein Lehrer erzählt und seine Worte werden von Schauspielern illustriert.

Die Lektion ist eine Mischung aus Sage und Geschichte – und hört auf, kurz bevor das russische Zarenreich auf den Plan tritt. Fehlt da nicht ein großer Teil der Geschichte Kasachstans?
Mit dem kasachischen Dramaturgen haben wir eine Vorstellung davon entwickelt, wie Kasachstan zu einem Land geworden ist. Es ging uns nicht darum, was weiter mit diesem Land passiert. Die weitere Geschichte ist auch sehr kleinteilig. Für mich war es viel interessanter, wie es aus dem Nichts zur Geburt gekommen ist. Und das umzusetzen war meine Aufgabe.

Diese Vorgeschichte wird fast ausschließlich durch Kriege dargestellt, durch aggressiven Tanz.
Die Weltgeschichte besteht aus Kriegen. So funktioniert der Mensch. Er hat das Bedürfnis, immer mehr zu sein. So ist es mit Russland und mit anderen Ländern. Aber hier in der Region wird das sehr poetisch verpackt. Für die kasachische Geschichte gibt es ein kasachisches Wort: Legenda. Ob es wahr ist oder nicht, das ist irrelevant. Hauptsache es klingt schön.

Sie unterscheiden nicht zwischen Geschichte und Geschichten?
Wer kann das unterscheiden? Niemand von uns war dabei. Die Geschichte ist eine Legende, wie ein schönes Märchen. Das passt zur kasachischen Sprache, zu ihrer Lyrik, die voller Gleichnisse ist. Es gibt beinah kein banales Wort darin. Wenn ich glücklich bin, dann bin ich zum Beispiel eine flatternde Taube mit großen Flügeln. Und so ist es auch mit dem Stück „Ruch“: Es klingt sehr schön.

Was haben Sie in diesem Jahr noch vor?
Wir bereiten gerade eine deutsche Inszenierung von Gogols „Revisor“ vor, ein modernes Tanztheater. Im Herbst machen wir eine Gastspielreise nach Omsk und Barnaul. Die Schauspieler sollen in Gastfamilien wohnen und nach der Reise die Erfahrungen in einer Inszenierung zusammenbringen.
 
Das Interview führte Sonja Vogel.

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