Generation Quote

Wie Russland seinem Fußballnachwuchs Beine zu machen versucht


Im russischen Fußball gibt es viele Talente, doch zu wenige schaffen es bis in den Profibereich. / Tino Künzel

Im russischen Fußball gibt es viele Talente, doch zu wenige schaffen es bis in den Profibereich. / Tino Künzel

Russlands Sportminister Witalij Mutko hat sich dem Problem des Nachwuchsmangels im russischen Fußball vor kurzem empirisch genähert. Wie er dem Nachrichtenportal Championat.com verriet, besichtigte er ein Kindertraining in Wyborg nördlich von St.  Petersburg. Bei den Schussübungen hätten nur zwei von 15 Jungs das Tor getroffen. „Damit gewinnt man keinen Blumentopf“, schimpfte Mutko.

Aber der russische Fußball hat sich zuletzt noch ganz andere Fehlschüsse geleistet. Die Nationalmannschaft droht nach miesen Leistungen die EM 2016 zu verpassen. Startrainer Fabio Capello, der noch einen Vertrag bis 2018 hatte,  wurde mitten in der Sommerpause gefeuert, weshalb ihm der Fußballverband die schier unvorstellbare Summe von 32 Millionen Euro als Abfindung zahlen muss. Vorausgegangen war eine Seifenoper um das Gehalt des Italieners, das der Verband aus seinen Mitteln überhaupt nicht bestreiten konnte und permanent Klinken putzen ging, um Industrielle anzupumpen. Auch der Präsident Nikolaj Tolstych machte dabei zwangsläufig keine gute Figur und wurde zuletzt abgewählt. Es wird erwartet, das Mutko, der zu Tolstychs Vorgängern gehörte, das Amt nun mit übernimmt. Nur der mächtige Minister könne wieder Ordnung in den Laden bringen, heißt es allerorten.

Sportminister Witalij Mutko / Tino Künzel

Sportminister Witalij Mutko / Tino Künzel

Doch mit Personalentscheidungen ist es nicht getan. Russlands Fußball krankt an einer viel komplexeren Krux: Es rücken zu wenig Talente nach. Die alte Garde um Andrej Arschawin, die bei der EM 2008 mit Platz drei das ganze Land euphorisierte, tritt langsam ab. Ihre Nachfolger sind nur blasser Durchschnitt, an diesem Generationswechsel ist bereits Capello gescheitert. Auch eine politisch verordnete und hochumstrittene Ausländerquote, die Einsatzzeiten für russische Spieler garantiert, hat ihre Wirkung bisher verfehlt. Bei Spielen der einheimischen Klubmeisterschaft dürfen nur sechs „Legionäre“ gleichzeitig auf dem Rasen stehen. Von den Trainern der Liga wird dieses Limit fast einhellig als leistungsfeindlich abgelehnt. Es sei auch für russische Profis kontraproduktiv, wenn sie ihren Platz sicher hätten, und nütze „niemandem“, machte sich unlängst der Coach von Meister Zenit St. Petersburg, André Villas-Boas, vor der Presse Luft.

Es war ein Lichtblick, als Mitte Juli die U19-Auswahl bei der EM das Finale erreichte, während etwa Deutschland in der Gruppenphase hängen blieb. Das Staatsfernsehen übertrug das – gegen Spanien verlorene – Spiel live, die Nachwuchsspieler ernteten viel Lob.

Jetzt hat Russland eine Vereinbarung mit dem Deutschen Fußballbund unterzeichnet, um von dessen Erfahrungen in der Nachwuchsarbeit mit 10- bis 14-Jährigen zu profitieren. „Wir müssen wieder so spielen wie bei der EM 2008 gegen Holland und dafür bei der Basis anfangen“, so Mutko.

Tino Künzel

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