Gekommen, um zu bleiben

Nach einer zweijährigen Pause kehrt Russland zur Grünen Woche in Berlin zurück. Bei der weltgrößten Landwirtschaftsmesse präsentiert sich das Land modern und trendbewusst. Das neue Image soll bei der Exportoffensive helfen.

Bierkultur trifft auf Wodkakultur: Auch alte Klassiker sind auf der Grünen Woche in Berlin vertreten. /Foto: Olga Kruglova.

Man erinnert sich gerne an die Zeiten, in denen Russland die größte Halle der Messe Berlin bei der Internationalen Grünen Woche einnahm. Russische Lieder und Tänze, schöne Frauen in National­tracht, viele leckere Kostproben umsonst – die Besucher strömten hierher, um die berühmte russische Gastfreundlichkeit zu erleben. Seit 2015 blieb das Land der Grünen Woche fern. Der offizielle Grund: Der Landwirtschaftsminister Alex­ander Tkatschow, der 2014 noch Gouverneur der südrussischen Region Krasnodar war, bekam im Zuge der Sanktionen nach der Ukraine-Krise ein EU-Einreiseverbot. Daraufhin entschied sich Russland, die Grüne Woche zu boykottieren. Nun feiert das Land ein Comeback auf der größten internationalen Landwirtschaftsmesse, die unter ihrem Dach 1660 Aussteller aus 66 Ländern vereinte.

„In den letzten Jahren hat sich die Landwirtschaft in Russland zu einer der erfolgreichsten Zweige der nationalen Wirtschaft entwickelt. Wir sind nun in der Lage den Binnenmarkt mit unseren Produkten zu sättigen und fangen an, Außenmärkte aktiv zu erobern“, kündigte Tkatschow die Exportoffensive im Vorfeld der Grünen Woche an. Russland präsentierte auf rund 1000 Quadratmetern 15 Austeller aus den Regionen Wologda, Tula, Kaliningrad, Smolensk, Wolgograd, Tomsk und Krasnodar, Republiken Karelien, Adygeja und Mari El sowie den Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen.

Keine Klischees

Der schlichte, in Weiß gehaltene russische Stand befindet sich in der Mitte der Halle 6.2, in der noch acht weitere Länder vertreten sind. Von links und rechts wehen orientalische Musikklänge sowie würzige Gerüche der asiatischen Küche zur russischen „Insel“ hin. „Der russische Geist ist hier nicht zu spüren“, sagt Anastassija Samylowa, stellvertretende Leiterin der Marketingabteilung des Weinguts Lefkadija aus der Region Krasnodar. Dem kann Anastassija Kowaljowa nur zustimmen, Geschäftsführerin des Moskauer Start-ups Healthy Ball, das gesundes und proteinhaltiges Konfekt ohne Zuckerzusatz produziert. „Der russische Stand sieht sehr langweilig aus und das ist schade, weil russische Literatur und Kunst viel Spielraum für ein kulturelles Rahmenprogramm bieten.“

Positiv bewertet das neue Image dagegen Sergej Pokusajew, Leiter der Exportabteilung der Unternehmensgruppe RusBioAliance, die Produkte aus karelischen Wildbeeren und Pilzen herstellt. „In diesem Jahr präsentiert sich Russland sehr modern, leicht und frei von Klischees.“

Exotisches im Becher: sibirische Spezialitäten zum Probieren /Foto: Olga Kruglova.

Dass das Kulturprogramm „von damals“ fehlt, hat einen einfachen Grund: Während früher die russische Teilnahme an der Grünen Woche durch das russische Agrarministerium finanziert wurde, ist heute das Russian Export Center zuständig, eine staatliche Einrichtung, die seit 2015 russische Exporteure unterstützt. Statt auf Folklore setzt sie lieber auf Business. „Man muss im Kopf behalten, dass die Grüne Woche vor allem eine Verkaufsmesse ist“, bemerkt Alexander Mascharow, Vize-Gouverneur des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen und Leiter der Abteilung für Auslands- und Außenwirtschaftsbeziehungen der Region. „Früher war es wichtig, Russland zu repräsentieren, heute gilt das Hauptziel dem Verkauf der ausgestellten Produkte. Diesem Ansatz gehört die Zukunft.“

Kiefernzapfen in Sirup

Ein Trend, der auf dem russischen Stand nicht zu übersehen ist, sind Bio-Produkte und gesunde Ernährung. Allein die Firmennamen sprechen für sich: „Ecofood“, „RusBio­Aliance“, „Healthy Planet“. Dass das Vorpreschen auf den europäischen Bio-Markt nicht ganz einfach ist, wissen die meisten Aussteller. Die Zertifizierungsregeln in Russland unterscheiden sich von denen der EU gewaltig. „Es ist für uns praktisch unmöglich, das EU-Bio-Siegel zu bekommen“, sagt Ewgenij Gawrilow, Leiter der Abteilung für Außenwirtschaftsbeziehungen der Firma „Ecofood“. Nicht alle Zutaten biologischer Herkunft seien in Russland verfügbar, häufig müssen Hersteller auf konventionelle Produkte zurückgreifen.

Das Unternehmen aus der Region Tomsk präsentiert Pralinen aus Zedernüssen und Kiefernzapfen. Die deutschen Besucher empfinden die Kiefernzapfen im Sirup als exotisch, probieren jedoch die sibirische Spezialität gerne. Neben gesunden Leckereien steht auch das russische Restaurant wieder im Mittelpunkt: An den Holztischen isst man mit Appetit Pelmeni, Bliny, Borschtsch und Soljanka in Begleitung von Wodka und knackigen Salzgurken.

Signal der Entspannung

Leckereien zum Probieren beim russischen Stand auf der Grünen Woche in Berlin. /Foto: Olga Kruglova.

Dass sich das Verhältnis der deutschen Besucher zu Russland in den letzten zwei Jahren offenbar nicht verschlechtert hat, freut vor allem die Aussteller. „Ich habe den Eindruck, dass die Deutschen Russland anhimmeln“, sagt Kowaljowa. „Ständig hören wir, wie toll es ist, dass Russland zur Grünen Woche zurückgekehrt ist“, bestätigt Beslan Chuaschew, dessen Unternehmen traditionelle kaukasische Gewürze aus der Region Adygeja präsentiert. Gekommen sind sie, um nach ausländischen Geschäfts- und Vertriebspartnern zu suchen. Laut Nikita Gusakow, Leiter der Abteilung für Kundenbetreuung von Russian Export Center, betrug die Summe der russischen Agrarexporte in den ersten elf Monaten des vergangen Jahres 18,4 Milliarden Dollar, das waren 19 Prozent mehr als im Vorjahr.

Aber nicht nur russische Produzenten brauchen den europäischen Absatzmarkt, sondern auch deutsche Unternehmen sind an einer geschäftlichen Zusammenarbeit mit Russland interessiert. „Russland hat ein großes Potenzial. Die deutschen Firmen beteiligen sich aktiv an der Modernisierung des russischen Agrarsektors und stellen dem Land Produkte wie Hochleistungssaat und Agrartechnik bereit“, sagt Per Brodersen, Geschäftsführer AG Agrarwirtschaft vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.

Olga Kruglova

Eine Frage der Ähre

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