Geist versus Geister

Nun erreicht die MDZ auch die Ostsee: Am 25. November finden die „Moskauer Gespräche“ erstmals in St. Petersburg statt – für uns ein guter Anlass, der Kulturmetropole ab sofort noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Und eine eigene Kolumne. 


Planet Piter

Für Moskauer allenfalls ein Seitensprung, für Deutsche die wohl Schönste im ganzen Land: St. Petersburg. Hier an der malerischen Bankowskij-Fußgängerbrücke unweit vom Newskij während der weißen Nächte/ Foto: Scarknee.

Meine erste Begegnung mit „Piter“ – wie Einheimische die nördliche Hauptstadt Russlands liebevoll tauften – kam Mitte der 90er zustande. Es war Liebe auf den ersten Blick, obwohl die meisten Bauten in geradezu jämmerlichem Zustand waren. Damals hatte man noch kein Geld für eine komplette Renovierung. Aber die Petersburger Luft, die anthrazitfarbenen Newa-Gewässer und Weißen Nächte spielten mit meinen Sinnen ein brutales Spiel: Für mich war diese Erfahrung keine Touristenattraktion, sondern eher eine Art Götterdämmerung. 

Planet PiterMan muss dabei erwähnen, dass die krummen moskowitischen Straßen aus Liebe zum byzantinischen Erbe entstanden, Petersburgs abgehackte Linien dagegen aus Abgrenzung von Moskau. Der russische Zar Peter der Große verabscheute Moskau als jene Stadt, in der die rebellierenden Strelizen seinen Onkel im Kreml getötet hatten. Der gerade einmal zehnjährige Peter musste zuschauen. Seitdem hasste er aus ganzem Herzen alles, was mit Moskau verbunden war – Architektur, Mode, Küche und alle alten Geister, die ihm so viel Angst eingejagt hatten. Und ganz nebenbei: Eine Alternative zu den Vollbärten, Pelz-Schapkas und Holz-Isbas zeigten ihm ausgerechnet deutsche Siedler in der Moskauer Vorstadt Kukui auf. 

Der kleine Peter wurde zum Zaren, bekämpfte seine Feinde, erweiterte die russischen Grenzen bis an das Asowsche Meer und zuletzt bis zur Ostsee. Er verwandelte nordische Sümpfe fast im Handumdrehen in die blühende neue Hauptstadt des russischen Reiches – mit eigener Leidenschaft, besten europäischen Handwerkern und abertausenden russischen Menschenleben. Aus dieser beispiellosen Willensleistung entstand eine brisante Kulturmischung, ein eigenartiges Universum, in dem orthodoxe Ikonen sich wie selbstverständlich in einem Dom römischen Baustils wiederfinden, eine ägyptische Sphinx von eisigen Flocken anstatt von heißem Sand bestreut wird und frischer Fisch im Frühling nach Gurken riecht.

Was Piter zustand, hatte keine andere Stadt. Von Anfang an bekam es immer das Neueste. Heute ist es nicht viel anders: Wovon Moskauer nicht einmal zu träumen wagen, wird erst hier eingeführt und dann als letzter Schrei an sie weitervermittelt – vom Kaffee zum Mitnehmen über Hipstermode und Arthauskino bis hin zum Craft-Bier. Deswegen wird der Wettstreit zwischen Moskauern und Petersburgern, welche der beiden Städte denn nun die Allerkulturellste und die Hauptstädtischste sei, wohl nie enden. Ich habe mich bereits entschieden – seit zwei Jahren lebe ich an den Newa-Ufern. Und auf welcher Seite stehen Sie?

4_newOlga Welsch 

Nach Stationen bei Hubert Burda, Bauer und Sanoma Independent Media kam die gebürtige Berlinerin zur MDZ. Die ehemalige Deutschdozentin an der Moskauer MGIMO machte Sankt Petersburg im Jahr 2014 zu ihrer Wahlheimat. 

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