Fünf Orte in Moskau, wo das kaukasische Leben pulsiert

Russland ist ein Vielvölkerstaat. Neben den Russen, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, leben dort noch über Hundert andere Völker. Beispielsweise Kaukasier. Doch die Volksgruppen im Süden Russlands haben in Moskau einen schlechten Ruf. Zeit, um mit den Vorurteilen aufzuräumen.

Die Moskauer Kathedralmoschee an der Metrostation Prospekt Mira ist ein Treffpunkt für viele gläubige Kaukasier. / Foto: Syuqor7/ Flickr.

Sie kommen aus den autonomen Republiken Adigeja, Karatschai-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien-Alanien, Inguschetien, Tschetschenien oder Dagestan. Die Rede ist von Kaukasiern. Viele Moskauer glauben, dass sie wissen, wie diese Volksgruppen ticken. Die Liste der Vorurteile ist lang. Kaukasier seien ungebildet, kriminell und konservativ. Die Männer aggressiv, die Frauen unterdrückt. So nervig und unangebracht Vorurteile auch sein mögen, gibt es eines, das tatsächlich stimmt. Kaukasier sind traditionsbewusst. Ihre Sitten und Bräuche praktizieren sie auch in Moskau. Ein kaukasisches Viertel, wie es in anderen Metropolen üblich ist, gibt es hier nicht. Dafür aber verschiedene Orte, wo das kaukasische Leben pulsiert.

Ringen, boxen, kämpfen

Ein solcher Ort ist der Kampfsportverein „Arma Sport“. Vorbei an der Metrostation Kurskaja, liegt die Sporthalle am Nischnij Susalnyj Pereulok. Hier arbeitet Beslan Atabaew als Trainer. Der 26-Jährige ist in der Republik Karatschai-Tscherkessien geboren und lebt  seit fünf Jahren in Moskau. Für ihn sei „Arma Sport“ mehr als nur eine Sporthalle, wo man ringen, boxen und kämpfen kann. Es ist auch ein Treffpunkt für Jugendliche, die auch mal „Dampf ablassen wollen“.

Seit sechs Jahren trainiert der Tscherkesse Jugendliche verschiedener Nationalitäten, hauptsächlich aber Personen aus dem Süden Russlands. „Der Kampfsport gehört im Kaukasus zur Kultur wie das Eishockey bei den Russen“, sagt der erfahrene BJJ-Kämpfer. Die Mentalität der Kaukasier sei durch unzählige Kriege geprägt worden, „das spiegelt sich natürlich im Temperament und im Kampfstil wider“. Das Ziel des studierten Trainers sei es, den Jugendlichen ein Vorbild zu sein. Der Kampfsport solle ihnen helfen, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.

Trainer Beslan Atabaew bei einer wöchentlichen Trainingseinheit im Sportverein „Arma Sport“. Foto: Arma Sport.

Ein Volk von Tänzern

Wie der Kampfsport ist auch der Tanz eine Säule der kaukasischen Kultur. Stärke, Anmut, Eleganz definieren den schnellen Tanz „Lesginka“, der über die Grenzen der Republik hinweg in ganz Russland und im Ausland bekannt ist. Schnelles Reaktionsvermögen und eine stabile Haltung seien dabei das A und O, erzählt Olga Derkatsch. Die 26-Jährige ist Choreografin im seit drei Monaten bestehenden Tanzverein „Etnos“ auf der Dmi­trowskoje Chaussee, in der Nähe der Metrostation Timirjasewskaja. Bei genauerem Hinsehen erscheinen die Bewegungen der Tänzer militärisch, so als würden sie mit einem Schwert kämpfen. Lesginka hat seinen Ursprung im Krieg. Aber auch kühne Sprünge und Pirouetten gehören dazu, denn er ist gleichzeitig auch ein Paartanz, bei dem der Mann um die Frau wirbt, erklärt die junge Tanzlehrerin.

Aber auch andere Tänze aus den verschiedenen Regionen werden hier gelehrt. „Sie sind so bunt wie das Mosaik, aus dem sich der Kaukasus zusammensetzt“, erzählt die gebürtige Balkarin voller Leidenschaft, die seit ihrem siebten Lebensjahr tanzt. Das Wissen gibt sie nun an ihre jungen Schüler weiter. Wer sich im kaukasischen Tanz üben möchte, der kann sich für 3000 Rubel im Monat in der Tanzschule einschreiben. Drei ­Pädagogen, zwei Choreografen sowie 143 Mitglieder sind im Verein aktiv.

Schülerinnen der Tanzschule „Etnos“ beim Proben von Volkstänzen. Foto: Etnos / Instagram.

Wer die Zeche zahlt

Kaukasier sind nicht nur für ihre Sportlichkeit bekannt, sondern auch für ihre feine Küche. Man trifft sich  regelmäßig in Restaurants, wo man mit Familie oder Freunden Zeit verbringt. So ein

Ein Koch des Restaurants „Naltschik“ bereitet Lamm im Tandur, ein mit Holzkohle geheizter Backofen, zu – ein Bestandteil der kaukasischen Küche. / Foto: Naltschik / Instagram.

Besuch kann schon mal einige Stunden dauern. Dabei gibt es eine feste Sitzstruktur. Am Kopfende des Tisches sitzt der Älteste der Familie, auch Tamada genannt. Er sorgt während des Abends dafür, dass alle Gäste am Tisch einen Toast aussprechen, der selten kurz und knapp ausfällt. Zu später Stunde werden die Tische zur Seite geschoben und es wird getanzt.

Beispielsweise im Restaurant „Naltschik“, das nur einige Minuten von der Haltestelle Prospekt Wernadskogo entfernt ist. In der kaukasischen Community wird das Restaurant als Geheimtipp gehandelt. „Ein gutes Restaurant zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Gast nicht das Gefühl hat, dort fehl am Platz zu sein“, berichtet die Inhaberin, Galina Tschodakowa. Bestellt werden traditionell zubereitete Gerichte wie „Garschki“, in Teig ummanteltes Hackfleisch, oder köstlich gewürzte Schaschlik-Spieße. Nach kaukasischer Tradition ist es üblich, dass der Tamada am Ende entweder für den gesamten Tisch zahlt oder dem Kellner ein üppiges Trinkgeld gibt.

Köstliches vom Basar

Wer Heimweh nach dem Kaukasus verspührt, der geht auf den Dorogomilowskij-Markt in der Nähe des Kiewer Bahnhofs. Doch „frisches Gemüse und Gewürze sind hier nur eine Nebensache“, berichtet Patimat Achmadowa aus Dagestan. Trockenfleisch nach dagestanischer Art oder ossetisches Brot „Hirtschin“ seien hier die gefragten Produkte. Alles wird frisch aus den verschiedenen Republiken des Kaukasus importiert. Sie sind nur hier erhältlich, nicht in herkömmlichen Supermärkten.

Die Völker des Kaukasus hätten dank ihrer alten Kultur über Jahrhunderte ihre Erzeugnisse verfeinert und perfektioniert, sagt die Verkäuferin stolz und reicht Adschika, eine scharfe Soße, zum Probieren. Das Ergebnis lässt sich schmecken.

Der Dorogomilowskij-Markt bietet viele kaukasische Lebensmittel an. / Foto: Enes Kalkan.

Beim Freitagsgebet

Jeden Freitag pilgern über 10 000 Muslime zur Kathedralmoschee am Prospekt Mira. Darunter auch Kaukasier. Denn auf der Nordseite des Kaukasus-Gebirges leben hauptsächlich Muslime. Das größte Gotteshaus der Hauptstadt ist für sie ein Ort der Begegnung. Hamsat Ju­subow aus Tschetschenien kommt hierher, um sich nach dem Gebet mit seinen Landsleuten zu treffen und sich über Religion, Sport und den Alltag zu unterhalten. Die Moschee sei für ihn auch ein Ort, „an dem man sich geborgen fühlt“.

Dass sich die Sitten und Bräuche des Islams teilweise nur schwer in einer Metropole praktizieren lassen, musste Jusubow festellen, als er vor 17 Jahren aus Grosny nach Moskau zog. „Ich muss auf meine Pause bei der Arbeit verzichten, um beten zu können.“ Auch seine Urlaubstage lege der Tschetschene so, dass er an islamischen Feiertagen nicht arbeiten muss. „Das nehme ich für meinen Glauben in Kauf.“

Um dieses Bild der vielseitigen kaukasischen Kultur zu bekommen, sollte man unbedingt die gastfreundlichen, aufmerksamen Kaukasier dieser Orte kennen lernen. Vielleicht schon morgen.

Enes Kalkan

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