Fritz Pleitgen: Als Moskau ein schlafender Riese war

Fritz Pleitgen war Reporter im Kalten Krieg. Als Auslandskorrespondent berichtete er in den 70ern für die ARD aus Moskau. In den wilden 90ern und Anfang der 2000er Jahre bereiste er Russland, schrieb mehrere Bücher und drehte Dokumentationen. Im Gespräch mit der MDZ blickt er zurück.

Breschnew ganz nah: Fritz Pleitgen (links) sprach 1971 in Moskau mit ihm. /Foto: Archiv Fritz Pleitgen

Herr Pleitgen, der Politologe Alexander Rahr hat einmal geschrieben, Politiker wie Genscher oder Weizsäcker konnten die Sowjetunion besser verstehen, weil sie noch Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs waren. Sie wussten, was Nazideutschland angerichtet hat und waren Moskau dankbar für die Wiedervereinigung. Für die Jüngeren dagegen sei das schwieriger.

Wir alle leben von unseren Erfahrungen. Und wir können uns glücklich schätzen, dass wir in den letzten Jahrzehnten nicht die Erfahrungen unserer Eltern machen mussten. Ich bin kurz vor dem Krieg geboren, meine Familie musste flüchten und kam auf abenteuerlichen Wegen über das brennende Berlin nach Ostwestfalen. Ich habe schon eine Vorstellung davon, was Krieg bedeutet. Meine ersten Erinnerungen sind Sirenengeheul und Feuer. So etwas vergisst man nicht. Man verabscheut militärische Gewalt und weiß, dass man sehr vorsichtig sein, immer auf politische Verständigung setzen muss.

Fritz Pleitgen /Foto: Privat

Sie haben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gearbeitet.

Genau, und ich habe gelernt, die andere Seite zu verstehen. Es war aber damals keine Freude, die Grenzen zu überwinden. Ich bin oft durch die DDR und durch Polen mit dem Auto nach Moskau gefahren. An den Grenzen wurde man intensiv durchsucht. Heute ist es anders. Auch Moskau ist nicht wiederzuerkennen.

 

Inwiefern?

Moskau war zu meiner Zeit ein schlafender, ärmlicher grauer Riese. Heute ist die Stadt eine der attraktivsten Metropolen der Welt. Noch sehr urrussisch im Charakter, aber westlich im Ambiente. Das ist eine reizvolle Kombination, die für mich der Inbegriff des modernen Russlands ist, wobei ich weiß, dass es längst nicht überall im Land so aussieht wie in Moskau.

«Ich habe nichts gegen Russland in der Nato»

Wie war Ihre politische Position damals?

Ich war ein entschiedener Anhänger der Ostpolitik von Willy Brandt.

Und wie ist Ihre Position heute?

Weder Nato noch Kreml! Ich bin gegen Sanktionen und West-Truppen im Baltikum und Polen. Andererseits sehe ich Moskaus Politik gegenüber der Krim und der Ostukraine sehr kritisch. Ich halte viel von Gorbatschows Idee des gemeinsamen europäischen Hauses, wie sie auch Putin in seiner Berlin-Rede formuliert hat und ich habe nichts gegen Russland in der Nato und eine Assoziierung Russlands mit der Europäischen Union. Prinzipiell bin ich für ein gutes Verhältnis.

Wie waren denn die Arbeitsbedingungen für Sie als westlicher Journalist damals in der Sowjetunion?

Das war kein Vergleich zu heute. Fast das ganze Land war damals für mich geschlossen. Wir standen unter Dauerbeobachtung des KGB. Ich kam mir vor wie die englische Königin. Ständig war jemand hinter mir. Die meiste Zeit hatte ich keinen eigenen deutschen Kamera-mann. Ich musste mit der Presseagentur Nowosti zusammenarbeiten. Freundliche Leute. Aber jede dieser Filmaufnahmen musste vom sowjetischen Außenministerium genehmigt werden. Was einem Journalisten verwehrt wird, interessiert ihn natürlich besonders. Ich begann deshalb selbst zu filmen und hielt guten Kontakt zu Andersdenkenden und Nonkonformisten in Gesellschaft und Kunst, wie Sacharow, Kopelew, Jurij Orlow, Roj Medwedew und viele andere. Meist war es schwer, zu einem dieser Leute zu gelangen, weil sich kräftige Männer in den Weg stellten.

«Die Sowjetunion war viel interessanter als das Bild, das die Propaganda erzeugte»

Was hat Sie denn dazu bewogen, in so einem schwierigen Land zu arbeiten?

Man wusste so gut wie gar nichts über die Sowjetunion. Mein damaliger Programmdirektor Peter Scholl-Latour hat zu mir gesagt: „Herr Pleitgen, alles, worüber Sie berichten, ist neu und hat deswegen großen Wert.“

Aber es war damals schier unmöglich, über den Alltag in der Sowjetunion zu berichten.

Mein guter Freund, der Germanist und Schriftsteller Lew Kopelew, hat mir einen wichtigen Rat gegeben: Ich sollte bei der Antragstellung sagen, ich möchte Jurij Trifonow oder Walentin Rasputin porträtieren, also große sowjetische Schriftsteller. Das wurde erlaubt. Auf diese Weise konnte ich kritische Geister treffen und dabei nicht nur über ihre Bücher berichten, sondern auch sowjetische Wirklichkeit zeigen. Diese Sowjetunion war viel interessanter als das Bild der UdSSR, das eine bombastische Propagandamaschine erzeugte. Mit einem normalen Sowjetbürger in Kontakt zu kommen, war fast unmöglich, aber die Intelligenzija konnte man erreichen. Also fuhr ich einfach zu bekannten Dichtern wie Jewgenij Jewtuschenko oder Andrej Wosnesseskij in das Künstlerdorf Peredelkino. Ich stellte mich vor, und schon kamen wir ins Gespräch. Das waren sehr selbstbewusste Menschen, die stolz auf die Kultur und Geschichte ihres Landes waren.

«Der Inbegriff eines Deutschen»

Sie waren der erste deutsche Journalist, der mit Leonid Breschnew sprach.

Das war keine Heldentat! Mir tat niemand etwas zuleide, als ich 1971 beim Arbeitsbesuch von Frankreichs Staatspräsident Georges Pompidou einfach über die Absperrung am Flughafen stieg und auf Breschnew zuging und er auf mich. Mein russischer Kameramann war total erschrocken und blieb zurück. Am nächsten Tag erschien in allen sowjetischen Zeitungen das Foto, das Breschnew im Gespräch mit westlichen Journalisten zeigte, da war ich auch dabei. Ich weiß noch, wie ich ihn zu seinem Vorhaben befragte, den US-Präsidenten auf einem Gipfel zu treffen: „Wie soll das gehen, wenn die Amerikaner zur gleichen Zeit Vietnam bombardieren?“ Und er sagte nur einen Satz: „Vietnam daleko“, also Vietnam ist weit weg. Da begriff ich: Man wollte mit aller Macht eine vernünftige Beziehung zwischen den beiden Supermächten aufbauen.

Das war nicht Ihre einzige Begegnung mit Breschnew.

1973 war Breschnew in den USA auf der Privatresidenz von Nixon in San Clemente. Er hat mich wiedererkannt, was nicht schwierig war – ich bin sehr groß und heiße auch noch Fritz, also der Inbegriff eines Deutschen. Deswegen winkte er mich zu sich, und Nixon dachte wohl, ich sei ein hochrangiger Begleiter. Er hörte unserer russischen Unterhaltung interessiert zu. Als ich ihn etwas auf Englisch fragte, war er ziemlich beleidigt und ging weg.

«Wir brauchen Menschen mit Weitsicht und Beharrlichkeit»

Gorbatschow haben Sie auch kennengelernt.

An seinem letzten Amtstag war ich im Kreml. Er machte einen absolut ruhigen und souveränen Eindruck und sagte: „Ich habe gleich ein Gespräch mit dem Genossen Jelzin. Das kann das Ende der Sowjetunion und mein politisches Ende sein.“

Heute hat man das Gefühl, dass die deutsch-russische Beziehungen noch schlechter sind als zu Zeiten des Kalten Krieges. Was muss man aus Ihrer Sicht tun, um sie zu verbessern?

Man kann nicht von heute auf morgen einen Schalter umlegen. Man braucht entsprechende Leute, Berater, die das sorgfältig vorbereiten. Nixon hatte Kissinger, Brandt hatte Egon Bahr, Kohl Horst Teltschik, also alles Top-Leute. Und Breschnew hatte die sogenannten Germanisten. Auch wir brauchen auf beiden Seiten Menschen, die mit gleicher Weitsicht und Beharrlichkeit aufeinander zugehen. Ich habe leider das Gefühl, dass im Moment auf beiden Seiten weder der Wille dazu vorhanden ist noch das entsprechende Personal.

Das Gespräch führte Daria Boll-Palievskaya.


Russland noch immer verbunden

Fritz Pleitgen, Jahrgang 1938, war zwischen 1970 und 1977 ARD-Auslandskorrespondent in Moskau. Seitdem fühlt er sich mit dem Land verbunden. Seine Reportagen „Durch den wilden Kaukasus“ und „Der Fluss der Kosaken“ haben vielen Deutschen Russland nähergebracht. Auch heute ist Fritz Pleitgen als Präsident der Deutschen Krebshilfe in Russland engagiert. Mit Hilfe deutscher Spenden hat er eine Krebs-Kinderklinik in Perm am Ural gebaut. Für seine Verdienste um die deutsch-russischen Beziehungen ist Fritz Pleitgen in diesem Jahr mit dem Dr. Friedrich-Joseph-Haass-Preis des Deutsch-Russischen Forums ausgezeichnet worden.

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