Von Ratten und Hamstern: Russischer Experte erklärt Nordkoreas Atomdrohungen

Derzeit vergeht kaum eine Woche ohne neue Schlagzeilen um Nordkoreas Waffentests und die Reaktionen darauf. Aber was will Pjöngjang erreichen, wenn es den USA droht? Und welche Haltung sollte Russland in diesem Konflikt einnehmen? Diese Fragen haben wir Konstantin Asmolow (48) gestellt, der an der Moskauer Lomonossow-Universität lehrt und einer der bekanntesten Korea-Experten Russlands ist.

An einem Staatsfeiertag warten weibliche Militärangehörige auf ihren Auftritt. / RIA Novosti

Herr Asmolow, Nordkorea bringt mit seinen Raketen- und Nukleartests regelmäßig die Weltöffentlichkeit gegen sich auf …

(Unterbricht) Nukleartests hat es genau fünf gegeben: 2006, 2009, 2013 und zwei 2016. Das kann man natürlich auch „regelmäßig“ nennen, doch die Abstände sind doch relativ groß.

Groß ist jeweils auch das Echo. Die Versuche werden praktisch von der gesamten Welt verurteilt.

Längst nicht von der gesamten Welt, sondern vor allem von den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats. Der Klub der Atommächte, da ist man sich einig, soll eng begrenzt bleiben, man hat ohnehin bereits eine Ausnahme für Indien und Pakistan gemacht. 20 bis 30 weitere Länder wären heute in der Lage, eine Atombombe herzustellen, zum Beispiel Südkorea, Japan, Saudi-Arabien und Brasilien. Eine Welt, in der viele Länder Atomwaffen besitzen, bedeutet jedoch eine ganz andere Sicherheitsarchitektur. Deshalb werden auch die Bestrebungen von Nordkorea verurteilt. Und zwar nicht, weil sie eine unmittelbare Bedrohung darstellen, wie von den USA behauptet, sondern weil sie die bestehende Weltordnung unterminieren.

Verstehen Sie denn die Logik hinter diesen Nukleartests?

Ja. Wenn jemand die Nordkoreaner als unberechenbar bezeichnet, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er sich nicht auskennt. Nordkorea hat seine Politik nämlich im Großen und Ganzen nie geändert, im Gegensatz zu Südkorea und den USA. Speziell seit Syrien, seit dem Irak und Libyen fühlt es sich von den Vereinigten Staaten bedroht und ergreift entsprechende Maßnahmen zur eigenen Sicherheit. In Libyen hatte Gaddafi auf die Weiterverfolgung seines Nuklearprogramms verzichtet, das war Nordkorea eine Lehre. Heute strebt es ein solches Maß an Abschreckung an, das einen Krieg gegen das Land unmöglich macht, weil die Gegenseite weiß, dass ihre Verluste zu hoch wären. Nordkorea hat nicht die Absicht, jemanden anzugreifen, und ist sich im Klaren darüber, dass es einen Krieg gegen Amerika nicht gewinnen kann, will aber auch nicht zur Zielscheibe werden wie andere Länder. Und wenngleich die nordkoreanische Rhetorik an die Sowjetunion der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnert, sollte man sich davon nicht täuschen lassen: Die Herrschenden dort sind bei Weitem nicht die Fanatiker, als die sie uns vorkommen mögen.

Was macht Sie da so sicher?

Das schließe ich aus der Politik, die Nordkorea betreibt. Wir sehen, dass man dort den Forderungen der internationalen Staaten­gemeinschaft durchaus Gehör schenkt. Unlängst hat China einen Kompromiss vorgeschlagen: Nordkorea soll seine Atom- und Raketentests aussetzen, während Südkorea und die USA im Gegenzug ihre gemeinsamen Manöver einstellen. Dieser Vorschlag kam ursprünglich von den Nordkoreanern selbst und wurde von den USA ignoriert. Wenn wir uns anschauen, welche Seite die internationalen Vereinbarungen verletzt, dann ist das viel häufiger auf südkoreanischer und amerikanischer Seite der Fall. Nehmen Sie zum Beispiel das Genfer Rahmenabkommen zwischen Nordkorea und den USA von 1994, das die erste Phase der Atomkrise beendet hat. Die von den USA zugesagten Leichtwasserreaktoren wurden letztlich nie gebaut, diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht aufgenommen. Stattdessen hieß es, Nordkorea treibe heimlich sein Atomprogramm voran, was jedoch nie bewiesen werden konnte.

Wenn Nordkorea nur zur Verteidigung aufrüstet, wie Sie sagen, wozu braucht es dafür unbedingt Atomwaffen?

Um den USA einen potenziellen Schaden zuzufügen, den diese auf keinen Fall riskieren wollen. Das wäre dann der Fall, wenn Raketen mit hoher Reichweite das Territorium der Vereinigten Staaten erreichen können. Deshalb ist die nordkoreanische Führung inzwischen dazu übergegangen, nicht mehr den Verbündeten der USA zu drohen, sondern den USA selbst.

Wie sollte sich Russland, das Nordkorea zum Nachbarn hat und mit ihm rund 40 Kilometer Grenze teilt, in dieser Situation verhalten?

So wie bisher. Einerseits halten wir die militärischen Aktivitäten Nordkoreas für nicht wünschenswert …

Nicht nur das: Präsident Putin bezeichnet sie als „unakzeptabel“.

Richtig, aber er spricht andererseits auch davon, dass die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel ihren Grund nicht nur in Nordkorea haben und dass einseitiger Druck ebenfalls unakzeptabel ist.

Wie beurteilen Sie die heutige Lage in Nordkorea selbst? Ist da eine Art Evolution zu erkennen?

Zweifellos. In den etwas mehr als fünf Jahren unter Kim Jong-un ist Nordkorea nicht nur militärisch erheblich vorangekommen. Der Lebensstandard hat sich deutlich verbessert, vor allem in der Hauptstadt Pjöngjang. Von einer Öffnung kann nach wie vor keine Rede sein, aber es ist eine gewisse Liberalisierung in der Wirtschaft, eine faktische Legalisierung vieler Elemente des privaten Sektors zu beobachten. Derartige Reformen erstrecken sich jedoch nicht auf die Politik.

Modernes Antlitz: Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang auf einem Foto aus dem Jahre 2012. / Wikimedia Commons / Nicor

Sie sagen, dass es den Menschen besser geht als noch vor einigen Jahren. Woran merkt man das?

Wenn Sie Fotos von Pjöngjang aus dem Jahre 2010 und von heute vergleichen, dann stellen Sie fest, dass dort viele Straßen, viele Wohnhäuser und andere Gebäude gebaut wurden.

Aber weiß man denn, wie die Menschen in diesen Häusern leben?

Sehen Sie, Ihre Frage ist ein gutes Beispiel: Viele wollen einfach nicht glauben, dass in Nordkorea irgendetwas Positives geschehen kann. Sie sind jetzt der Dritte oder Vierte, der mir sagen will, dass diese Häuser nur gebaut wurden, um dem Ausland etwas vorzumachen, dass dort in Wirklichkeit gar niemand wohnt.

Ich habe nicht nach dem Ob, sondern dem Wie gefragt.

Dass die nordkoreanische Propaganda mit Vorsicht zu genießen ist, bedeutet noch lange nicht, dass man die Gegenpropaganda, die es natürlich auch gibt, immer für bare Münze nehmen sollte. Es existiert eine bestimmte Vorstellung von Nordkorea als einem Land, wo ständig Hungersnot herrscht und bunte Kleidung verboten ist. Solche Zerrbilder halten sich nicht zuletzt wegen der Abgeschlossenheit von Nordkorea schon sehr lange.

Wann waren Sie eigentlich zum letzten Mal in Nordkorea?

Im Herbst vorigen Jahres.

Mit Ihrer Kenntnis von Land und Leuten: Was sollte man im Umgang mit Nordkorea auf jeden Fall vermeiden?

Sowohl Verherrlichung als auch Dämonisierung. Im Westen wird hauptsächlich Letzteres praktiziert. Ja, in Nordkorea herrscht ein autoritäres Regime, ja, das Leben dort ist nicht einfach. Aber das ist es auch in vielen anderen Ländern nicht, wo die Bedingungen häufig noch viel schlechter sind. Ich will Ihnen passend dazu einen Witz erzählen: Treffen sich eine Ratte und ein Hamster. Die Ratte sagt: Wir sind beide Nagetiere, Verwandte der Maus, fressen ein und dasselbe. Aber mich können die Menschen nicht leiden und trachten mir nach dem Leben, dich dagegen halten sie als Haustier. Woher diese Ungleichheit? Da antwortet der Hamster: Alles eine Frage der PR!

Das Interview führte Tino Künzel.

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