Die Russen haben Europa in den Genen

Der größte Teil von Russland liegt in Asien. Doch die Russen sind aus europäischem Holz geschnitzt. Das behaupten zumindest Moskauer Genforscher unter Verweis auf eine Studie mit 2000 Probanden. Ihr Ergebnis: In der DNA der Russen liegt der Anteil der europäischen Wurzeln bei 89,5 Prozent.

Hallo Nachbar! Stillleben mit Opa und Enkel am östlichen Ende Europas. / Tino Künzel

Was wissen wir Ausländer über die Russen? Auf jeden Fall genug, um nicht bei jeder Gelegenheit „die Russen“ zu sagen. An dieser Stelle sei es jedoch ausnahmsweise erlaubt, denn die Rede soll davon sein, was sie im tiefsten Inneren ausmacht, die Russen, als Volk.

Ein paar populäre Antworten vorweg, zum Aufwärmen. Die Russen sprechen und schreiben in einer Sprache, für die ein durchschnittlich talentierter Mittel­europäer drei Leben braucht, um sie zu erlernen. Selbst tun sie sich mit Fremdsprachen schwer, haben aber dafür ein herzliches Wesen, das nonverbale Kommunikation erleichtert. Sie sind eine Nation von Jägern und Sammlern, leidensfähig und fatalistisch, oft maßlos wie ihr Land, zwischen Extremen wie dem Dampfbad und dem Eisloch pendelnd. Die Datscha ersetzt ihnen die Freiheit, Geschick bei der Suche nach dem gemeinsamen Nenner das Gesetz. Wenn sie von Europa reden, dann klingt das oft so, als ob sie nicht dazugehörten, dabei haben sie Europa gefühlt bis zum Baikalsee und Pazifik verlängert, selbst in Wladiwostok geht es noch absolut europäisch zu. In ihre „weite Seele“ einzudringen, wird aber oft dadurch erschwert, dass sie selbst hin- und hergerissen sind, was ihre Identität anbelangt, und zwar sowohl historisch als auch geografisch.

Doch ein wenig mehr Gewissheit scheint es jetzt zu geben. Genforscher haben die DNA des Durchschnittsrussen durchleuchtet und  herausgefunden, dass sie zu 89,5 Prozent europäische Wurzeln aufweist und nur zu 9,7 Prozent asiatische. Zu diesem vieldiskutierten Resultat kam das Moskauer Zentrum Genotek in einer Studie, für die es das Erbgut von mehr als 2000 seiner Kunden untersuchte und anschließend bestimmten Typisierungen zuordnete, wie sie für verschiedene Länder und Regio­nen existieren. Die europäische Spur in den Genen der Russen entfällt demnach zu zwei Dritteln auf Mittel- und Osteuropa, zu mehr als einem Fünftel auf Westeuropa. Das zeugt von der Völkerwanderung, deren Produkt die Bevölkerung Russlands ist.

Die Gene sind für die „objektiven“ Faktoren verantwortlich, zu denen der Körperbau, das Aussehen und die Widerstandsfähigkeit zählen. Die „subjektiven“ Aspekte, kulturelle Verhaltensmuster, das, was wir gern als Mentalität bezeichnen, liegt Menschen nicht im „Blut“. Sie werden vielmehr durch das Umfeld, die Erziehung, die Werte in der Gesellschaft geprägt, schrieb Jelena Filippowa vom Institut für Ethnologie und Anthropologie der Akademie der Wissenschaften unlängst in der Zeitschrift „Ogonjok“. Deshalb verhielten sich die Russen bekanntermaßen ehrerbietig gegenüber der herrschenden Kaste, während etwa die Franzosen für ihren rebellischen Geist berühmt seien.

Ob wir einander verstehen oder nicht, liegt also nicht in der Natur der Sache. Es lohnt immer wieder einen neuen Versuch.

Tino Künzel

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