Es ist genug für alle da

Im Jahre 2000 lebten in Russland noch 40 Millionen Menschen auf dem Lande, 2014 waren es nur noch 37 Millionen. Präsident Putin hat diese alarmierenden Zahlen im Vorjahr genannt. Ein Schweizer, der auf dem Dorf heimisch geworden ist, will etwas gegen die Landflucht tun.

Von Tino Künzel

 
Es braucht nicht den Ausländer, um sich das russische Dorf in den düstersten Farben auszumalen. Die meisten Russen sind dabei gern behilflich. Aber Jörg Duss hat sich von den Gruselgeschichten nicht aufhalten lassen. Vor vier Jahren ist der Schweizer nach Lagow­schino gezogen, ein Dorf ungefähr 150 Kilometer südlich von Moskau. Und wenn man ihn so reden hört, dann muss das eine der besten Entscheidungen seines Lebens gewesen sein.

Duss steht in der Küche seines Hauses, der Tisch ist mit hausgemachten Leckereien gedeckt. „Bei uns isst man besser als in den Restaurants von London und Paris“, lacht der 46-Jährige. Ein paar Frauen, die auf dem Bauernhof mit an­packen und sich an die Tafel gesetzt haben, nicken schmunzelnd. Der Satz ist eine Übertreibung, doch im Kern ernstgemeint.

Lagowschino ein Dorf zu nennen, ist die noch größere Übertreibung. Von den 19 Häusern, die es einmal hatte, sind die meisten buchstäblich vom Erdboden verschluckt. Ein paar stehen leer. Bewohnt ist nur das von Duss, seiner russischen Frau und dem fünf Monate alten Sohn. Wer sie besuchen kommt, der wird auf der Fahrt von der Kreisstadt Tarussa kräftig durchgeschüttelt. Auf den letzten Kilometern, vorbei an Siedlungen, die keine ständigen Bewohner mehr haben, wird die Straße zum Feldweg. Jedes Frühjahr ist er nach der Schneeschmelze für einige Wochen unpassierbar.

Jörg Duss auf seinem Grund und Boden in der russischen Provinz. / Tino Künzel

Jörg Duss auf seinem Grund und Boden in der russischen Provinz. / Tino Künzel

Sich hier niedergelassen zu haben, ist eine moderne Version der Legende vom Recken, der den Kampf mit dem Drachen aufnimmt, um sich die Hand der Prinzessin zu sichern. Duss wollte es so, und er fühlt sich belohnt mit Lebensqualität. Wenn er abends auf der Veranda vor seiner Banja sitzt, umgeben von nichts als Natur, empfindet er Mitleid mit den Unglücklichen, die noch aus Tarussa nach Moskau zur Arbeit fahren. „Wenn ich daran denke, dann weiß ich, wie gut ich es habe.“

Dabei ist Duss kein Eigenbrötler, der sich vor anderen Menschen verkriecht. Der gelernte Schreiner hat eine gutgehende Firma für Innenausbau in Moskau, die Kundschaft sitzt bevorzugt in Moskauer Villenvororten wie Rubljowka und Saretschje. Der Milliardär Roman Abramowitsch, Besitzer des Fußballklubs FC Chelsea, gehört dazu und der russische Vizepremier Igor Schuwalow. Die Geschäfte florieren, der Chef kann es sich leisten, nur hin und wieder persönlich vor Ort zu sein.

Freilaufende Ziegen auf dem Bauernhof. / Tino Künzel

Freilaufende Ziegen auf dem Bauernhof. / Tino Künzel

In Lagowschino hat Duss 30 Hektar Land gekauft. Erst der kleinere Teil der Ackerfläche ist von den Birken befreit, mit denen sie nach Jahrzehnten der Vernachlässigung überwachsen war. Weiter hinten beginnt der Wald, durch den Elche streifen und wo ein Luchs sein Revier hat.

Duss hält Schafe, Kühe, Schweine, Hühner, Kaninchen. Nahezu alles, was seine Familie zum Leben braucht, stellt sie selbst her, von der Wurst über die Milch und Butter bis zum Brot. Ein Selbstläufer war das nicht. „Als ich hierher gekommen bin, hatte ich von Landwirtschaft keine Ahnung. Ich lerne täglich dazu.“ Die Überschüsse seiner Lebensmittel verkauft er an Kunden in Moskau, die ganz verrückt nach „Bio“ sind, noch dazu aus erster Hand.

Fernsehen schaut Duss schon lange nicht mehr, das lenkt nur ab vom Wesentlichen. Er hat viel nachgedacht in den letzten Jahren, schmiedet Pläne. Die alte russische Dorfgemeinschaft möchte er in Lagowschino wiederbeleben  – wenn sich denn die passenden Nachbarn dafür finden. Vorerst versucht er, den Menschen in der Gegend nach Kräften das Leben zu erleichtern und sie so zum Bleiben zu motivieren. Seine Wohltätigkeitsstiftung „Raduga“ sorgt unter anderem dafür, dass 524 Kinder an acht Dorfschulen drei Mahlzeiten am Tag bekommen. „Unsere Leitphilosophie ist es, der Landflucht entgegenzuwirken“, sagt er.

Aber dazu gehören Perspektiven, vor allem: Arbeitsplätze. Deshalb will Duss das Kleinbauerntum fördern. Im Frühjahr hat er Schweine und Rinder an acht Familien abgegeben, die sich über den Sommer um die Jungtiere kümmern mussten und sie dann zurückgeben oder aber die Hälfte behalten konnten. Die Resonanz sei positiv gewesen.

Würste aus eigener Herstellung. / Tino Künzel

Würste aus eigener Herstellung. / Tino Künzel

Duss ist nach eigenen Worten unter den Einheimischen bekannt „wie ein bunter Hund“. Wann immer er die Gelegenheit dazu hat, redet er ihnen ins Gewissen, mit ihren Rohstoffen klug umzugehen. „Fleisch verkaufen kann jeder. Aber wer Fleisch veredelt, hat viel mehr gekonnt.“ Er schließt nicht aus, Lebensmittel irgendwann gemeinsam anzubieten.

Seit 1997 in Russland, hat Duss längst Wurzeln geschlagen in diesem Land, das ihn manchmal auch zur Verzweiflung treiben könnte. 95 Prozent der Spendengelder für die „Raduga“-Stiftung kommen nach wie vor aus der Schweiz. Dabei würden 1000 russische Spender mit einem Jahresbeitrag von 1000 Rubel (umgerechnet etwa 14 Euro) genügen, um alle Ausgaben von „Raduga“ zu decken. Doch die Spendenbereitschaft war bisher immer nur von kurzer Dauer.

Zuletzt hat Duss deshalb wieder die Werbetrommel in der Schweiz gerührt. Auf skeptische Blicke war er dabei gefasst, denn „Putins Russland“ hat ja keinen besseren Ruf als das russische Dorf. Vieles davon hält Duss für „Stimmungsmache“, und er geht noch weiter: „Für mich gibt es keinen Staatsmann, den ich mehr schätze als Putin. Ich sehe, was er gemacht hat und wie viel sich hier tut.“

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