«Erinnerung hat kein Ende»

Vor 80 Jahren begann Stalins Großer Terror, der auch deutsche Opfer forderte. In Moskau wurde auf mehreren Veranstaltungen der Opfer gedacht.

 

Vergesst nie!: Die «Wand der Trauer» fordert die Menschen zum Erinnern auf./Foto: Tino Künzel

Ein wenig versetzt wirkt es, dort an der Kreuzung des Sacharow-Prospektes und des Gartenrings. Auf jeweils acht Spuren rauschen auf beiden Straßen die Autos vorbei.  Hier befindet sich der Ort, an dem Russland einem der dunkelsten Kapitel seiner Geschichte gedenkt.

Der Bildhauer Georgij Franguljan schuf hier die „Wand der Trauer“, ein Denkmal für die Opfer politischer Repressionen in der Sowjetunion. Das Bronzerelief zeigt die Umrisse von Menschen, die die Überlebenden wie Verstorbenen symbolisieren. Der Platz des Denkmals ist mit Steinen gepflastert, die von Orten stammen, an denen die Opfer der Repressionen ihre Haftstrafen verbüßen mussten.

In seiner Eröffnungsrede am 30. Oktober erklärte Präsident Wladimir Putin, dass die politischen Repressionen der Sowjetzeit ein „Schlag gegen das Volk“ gewesen seien, der bis heute spürbar sei. „Diese schreckliche Vergangenheit darf nicht aus dem nationalen Gedächtnis verschwinden.“

Weniger internationales Interesse erweckte die Veranstaltung „Die Rückkehr der Namen“, die bereits zum elften Mal stattfand. Dem Aufruf der Menschenrechtsorganisation Memorial folgten am 29. Oktober 5286 Menschen auf den Lubjanka-Platz. Während der zwölfstündigen Veranstaltung verlasen die Teilnehmer am Solowezki-Stein, einem Gedenkstein für die Opfer Stalins, die Namen derjenigen, die in den Terrorjahren zu Tode kamen.

Auch Deutsche waren unter den Opfern

Unter diesen Opfern waren auch circa 8000 Deutsche, an deren Schicksal der deutsche Botschafter Rüdiger von Fritsch gemeinsam mit Zeitzeugen und Experten am 1. November bei einem Kamin-gespräch in seiner Residenz erinnerte.

Unter den Deutschen, die damals in die Sowjetunion kamen, waren viele Arbeitssuchende und Ingenieure. Aber auch Juden, Künstler und Kommunisten, die vor den Nationalsozialisten aus Deutschland flohen. Sie alle einte die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Sowjetunion.

Mit dem Beginn des Terrors gerieten viele Deutsche ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes. Diese Menschen wurden zu „doppelt Verfolgten“, wie es der deutsche Botschafter ausdrückte.

Eine dieser Deutschen, die damals mit ihrer Familie nach Moskau kam, ist Waltraud Schälike. Als Zehnjährige erlebte sie den Terror im Hotel Lux, in dem damals kommunistische Emigranten wohnten. Sie berichtete an diesem Abend von ihrer Kindheit, die von unbeschwerten Tagen und angsterfüllten Nächten geprägt war.

Das Gedenken darf jetzt nicht enden

In einer anschließenden Gesprächsrunde mahnten Irina Schtscherbakowa, Leiterin der Bildungsprogramme bei Memorial, und der Schriftsteller und Publizist Sergej Lebedew, dass ein Gedenken an den Terror nicht mit der Eröffnung der „Wand der Trauer“ enden dürfe. Der russische Staat habe zwar erstmals zugegeben, dass es Opfer gab, die Täter blieben aber weiter ungenannt, so Lebedew. Das für alle sichtbare Denkmal solle ein Anstoß sein, die Archive zu öffnen und zugleich die gesellschaftliche Diskussion über das Jahr 1937 zu beleben, forderte Schtscherbakowa.

Ein Projekt der Deutschen Schule Moskau zeigt, dass der Terror schon fest im Gedächtnis junger Russen verankert ist. Vier Schüler machten in der Residenz des Botschafters das Leid am Bespiel einzelner Schicksalen greifbar. Darunter war auch die Schauspielerin Carola Neher. Ihr zu Ehren eröffnet Memorial in seinem Museum am 11. Dezember die Ausstellung „Das Theater des Lebens der Carola Neher.“

Johannes Voswinkel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau, rief dazu auf, ein Verantwortungsgefühl zu entwickeln. „Erinnerung hat kein Ende“, so Voswinkel. Man müsse stets an ihr arbeiten und sie immer wieder neu beurteilen.

Daniel Säwert

 

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