Ein blutiger weißer Fleck der Geschichte

Der Vernichtungsort Malyj Trostenez im heutigen Belarus war einer der größten Vernichtungsstätte des NS-Regimes. Dennoch ist er in Europa fast unbekannt. Eine deutsch-belarussische Wanderausstellung soll dies ändern.

Das Mahnmal „Pforte der Erinnerung“ in Malyj Trostenez. Foto: Julia Larina.

Die Wanderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ hat denselben Weg wie die deportierten deutschen Juden zurückgelegt: Am 8. November 2016 wurde sie in Hamburg eröffnet – an dem Tag, an dem vor 75 Jahren Tausend Juden mit einem Zug nach Minsk gebracht wurden. Seit dem 13. März ist sie nun in der belarussischen Hauptstadt zu sehen.

„Die Hamburger Juden haben sich von uns sehr unterschieden“, erzähltdie 82-jährige Maja Lewina-Krapina, Überlebende des Minsker Ghettos, in dem 52 Angehörige ihrer Familie ums Leben gekommen sind. Die Hamburger Juden seien gut gekleidet gewesen, ihre Kinder hätten Spielzeug gehabt. „Erst als man sie zwang, aus den Häusern Leichen herauszutragen, haben sie verstanden, dass sie nach Minsk gebracht wurden, um vernichtet zu werden.“ In dem im Juli 1941 eingerichteten Minsker Ghetto waren vor der Ankunft der aus dem Deutschen Reich deportierten Juden Tausende Einheimische ermordet worden. In ihren Häusern kamen die Hamburger Juden unter. Dieser Deportation folgten weitere aus Köln, Düsseldorf, Berlin, Bremen, Frankfurt, Wien sowie aus dem KZ Theresienstadt. Aber auch diese Juden nannte man „die Hamburger“.

Sieben Schicksale

Bis Oktober 1942 kamen 16 Transporte aus Europa in Minsk an. In einem von ihnen wurden die Eltern von Kurt Marx aus Köln deportiert. „Meine Eltern mussten die Fahrt auch noch selbst bezahlen“, erinnert sich der 92-Jährige. Der 1925 in Köln geborene und seit vielen Jahren in Großbritannien lebende Marx war einer der Gäste der Ausstellungseröffnung im Minsker Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges. Diese Ausstellung erzählt über Malyj Trostenez und die Lebensgeschichte von sieben konkreten Opfern: einem Rotarmisten, einem Prager Juden, einer Minsker Jüdin, einer Jüdin aus Wien, einem Arzt und einem Mitglied des Widerstandes aus Minsk sowie einem Juden aus Köln. Letzterer war Erich Klibansky, Direktor des jüdischen Jawne-Gymnasiums, das Kurt Marx besuchte.

1939 ist es Klibansky gelungen, die Ausreise von 130 Schülern, darunter Marx, mit Kindertransporten nach Großbritannien zu organisieren und sie zu retten. Der Direktor begleitete sie persönlich. Ihm selbst gelang die Flucht nicht. Gemeinsam mit seiner Frau sowie seinen drei Söhnen und etwa 100 im Deutschen Reich verbliebenen Jawne-Schülern wurde Klibansky im Juli 1942 nach Minsk deportiert.

Gelbe Schilder an Kiefern: Eine Wiener Initiative erinnert an die hier ermordeten Juden aus Österreich. Foto: Julia Larina.

Im Mai begannen bereits die Nationalsozialisten die Juden nicht mehr ins Ghetto zu bringen, sondern direkt in das drei Kilometer vom Dorf Malyj Trostenez entfernte Waldstück Blagowschtschina, wo sie sofort erschossen wurden. Auch das Leben der 1 164 Menschen aus Köln und Umgebung endete hier. Einige von ihnen erstickten vermutlich in fahrenden Gaswagen, bei denen Motorabgase durch einen Schlauch eingeleitet wurden.

Vergessene Opfer

Über 20 000 deportierte westeuropäische Juden kamen in Malyj Trostenez um. Daran erinnern heute Hunderte gelbe Schilder mit Namen und Fotos der Opfer, die an den Bäumen im Wald von Blagowschtschina angebracht sind. Der österreichische Verein IM-MER startete diese Initiative. Malyj Trostenez ist auch der Ort, an dem die meisten österreichischen Opfer des Holocausts ermordet wurden, etwa 10 000 von insgesamt 50 000 Wiener Juden.

Eines dieser Opfer ist die bekannte Schriftstellerin und Schauspielerin Lili Grün, von deren Schicksal die Ausstellung ebenfalls erzählt. Grün wurde 1904 in Wien geboren. 1931 zog sie nach Berlin und gründete gemeinsam mit anderen Künstlern das Kabarett „Die Brücke“. Als sie 1933 nach Wien zurückkehrte, erhielt sie als Jüdin Publikationsverbot, litt an Armut und Krankheit. 1942 wurde sie von Wien nach Minsk verschleppt und in Blagowschtschina getötet.

Malyj Trostenez war der größte Vernichtungsort der Nationalsozialisten auf dem Gebiet der Sowjetunion. Hier wurden zwischen Frühjahr 1942 und Sommer 1944 Juden, Partisanen, Widerstandskämpfer, sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten ermordet. Er bestand aus drei Vernichtungsstätten: einem Zwangsarbeitslager auf dem Gelände der ehemaligen Kolchose „Karl Marx“, der die Besatzer in Minsk und Umgebung mit Lebensmitteln und Werkzeugen versorgte, dem Ort der Massenerschießungen in Blagowschtschina und dem Waldstück Schaschkowka, an dem die Leichen Tausender Opfer in einerAnlage verbrannt wurden. Um die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen,haben die Nazis ab Ende 1943die 34 Massengräber geöffnet, die Leichen exhumiert und verbrannt.

Neues Denkmahl für Malyj Trostenez

„Wie viele Opfer hat es in Malyj Trostenez gegeben?“, fragte Michael Roth, Europa-Staatsminister im Auswärtigen Amt, bei der Ausstellungseröffnung in Minsk. „Die Angaben schwanken zwischen 60 000 und über 200 000. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, endgültige Gewissheit wird es wohl niegeben“, so Roth in seiner Rede über den weißen Fleck auf der Landkarte der Erinnerung. Auch deshalb liege der Schwerpunkt dieser Ausstellung weniger auf den Opferzahlen, vielmehr auf den Einzelschicksalen.

Das Auswärtige Amt sowie die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ haben die Ausstellung finanziell unterstützt. Initiiert und organisiert wurde sie vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund und der Internationalen Bildungsund Begegnungsstätte „Johannes Rau“ Minsk in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“.

Ein neues Denkmal soll den Opfern Ende dieses Jahres gesetzt werden: Neben dem bereits errichteten Mahnmal „Pforte der Erinnerung“, das 2015 auf dem Territorium des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Trostenez eingeweiht wurde, wird im Wald von Blagowschtschina die Gedenkstätte „Der Weg des Todes“ entstehen.

Julia Larina

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