Die russischen Daniel Düsentriebe

Russland mangelt es nicht an Erfindungen. Hinter Google, Tetris und Esperanto stecken russische Köpfe. Doch an die Patent-Rekorde von einst kommt das Land nicht mehr heran. Neue Programme sollen den Erfindergeist wieder ankurbeln.

Dank cleverer Tüftelei: Die Buntglasfenster von „Monumart“ können auch leuchten. /Foto: Monumart.

Zu sowjetischen Zeiten nannte man Erfinder „Kulibiny“. Dieser Begriff verdankt seinen Namen dem berühmten Tüftler Iwan Kulibina, der im 18. Jahrhundert lebte. Abends tüftelten jene Kulibiny an neuen Geräten und Konstruktionen in ihren Garagen, morgens gingen sie zur Arbeit. Professioneller Erfinder konnte man schließlich nur im Betrieb sein. Das, was in der Garage entstand, war für die Seele gedacht.

Auf der Arbeit erhielten die Ingenieure für ihre Erfindung 50 Rubel (der Durchschnittslohn lag damals bei rund 150 Rubel) samt Autorenrechte. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie auch Prozente nach einer erfolgreichen Einführung der Erfindung. Außerdem winkten Titel, Abzeichen und Ruhm bis hin zu einem Anspruch auf eine zusätzliche Wohnung oder ein Auto.

Von der Garage ins Büro

Bis 1987 waren laut der Allrussischen Gesellschaft für Erfinder und Innovatoren (WOIR) rund ein Drittel aller wichtigen Erfindungen dieser Welt „Made in USSR“. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass technische Innovationen durchschnittlich 30 bis 35 Prozent des Wachstums der Arbeitsproduktivität in Russland sicherten und 50 bis 60 Prozent der Materialressourcen einsparten. Soll heißen: Während der Sowjetunion ging es den Erfindern gut.

Heute geht es dem Erfindergeist in Russland nicht rosig. Manche Experten machen dafür ausgerechnet das sowjetische Denken verantwortlich, das nicht mehr ins kapitalistische System passt. „Früher wurde jede noch so kleine Erfindung automatisch im Betrieb patentiert“, sagt Tim Skorenko, Chefredakteur von popmech.ru und Autor der Buches „Russlands Erfindungen“. Alleine etwas mit der Erfindung zu machen, war unmöglich, aber auch nicht nötig. Denn im Rahmen der sowjetischen Wirtschaft konnte der Urheber mit seiner Erfindung nicht vom Arbeiter zum Millionär werden. „Wir haben doch bis jetzt Angst, selbstständig zu denken“, so Skorenko weiter. Heute würde man in den Garagen keine Erfinder antreffen, nur Autos. „Die Menschen sitzen vor dem Computer, wissen wie man mit AutoCad und 3ds Max zeichnet und arbeiten in Teams zusammen.“

Nicht jede Erfindung führt zum Patent

„Uns interessiert nicht der Ein- und Verkauf. Wir möchten selber etwas erfinden und erst dann das Produkt verkaufen“, erzählt Konstantin Telegin, Erfinder und Unternehmer. Zusammen mit Sergej Schatalow gründete er das Studio „Monumart“, das Buntglasfenster herstellt. „Mein Freund Sergej wollte schon immer lernen, wie man Buntglasfenster macht, und ich bin ein Verehrer der Bildenden Kunst. Also mieteten wir einen Raum in einer Fabrik und bestellten Maschinen aus China“, erinnert sich Telegin.

Parallel zur Suche nach potentiellen Kunden haben die jungen Männer die Technologie der Herstellung so perfektioniert, dass sie dabei eine Entdeckung machten. Schatalow erfand ein spezielles System, das die Buntglasfenster von Innen beleuchtet. So etwas gibt es auf dem russischen Markt bislang noch nicht. Doch diese Technologie wollen sie noch nicht patentieren. „Wir wissen nicht, wie gewinnbringend unsere Erfindung ist und ob sich der bürokratische Aufwand für ein Patent lohnt.“

Neuer Verband soll Erfindergeist ankurbeln

Das Duo ist kein Einzelfall. Viele Unternehmer machen um das Patentamt einen Bogen. Im Vergleich zu Deutschland, wo letztes Jahr 67 900 Patente angemeldet wurden, waren es in Russland laut Patentamt (Rospatent) nur 21 054. Das bemerkte sogar die Regierung. Deshalb fiel auf dem diesjährigen Petersburger Wirtschaftsdialog im Juni der Startschuss für einen nationalen Verband des Technologie-Transfers. Diese neue Institution soll Erfindern auf der Suche nach großen Investoren helfen. So soll der Erfindergeist wieder angekurbelt werden.

Nach Angaben von Jurij Subow, Direktor der Federal University of Industrial Property (FIPS) sei der neugegründete Verband gezwungen, in einer Lage zu arbeiten, in der russische Investoren nicht bereit seien, langfristige Venture-Investitionen zu tätigen. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass es auf dem russischen Markt keine verständlichen und wirksamen Instrumente der Expertise gebe, die einen kommerziellen Erfolg einer Erfindung bewerten können.

Crowdfunding für unabhängige Erfinder

Doch nicht alle schlauen Köpfe wollen die Finanzspritze. „Wir haben viele talentierte Erfinder im IT-Bereich. Es gibt in Russland auch Geld für Start-ups, nur möchte man es nicht nehmen“, schreibt Jewgenij Smirnow, Gründer des Start-ups 4xxi, bei RBK. Anfang 2018 hoffte sein Team, ein Büro in Großbritannien zu eröffnen. In den letzten vier Monaten sei er nur damit beschäftigt gewesen, britische Banken davon zu überzeugen, ein Konto für sein Unternehmen zu eröffnen. Schwierigkeiten ergeben sich aus der Tatsache, dass sie Russen seien. Skandale russischer Unternehmen, Geldwäsche durch Offshore legen sich wie ein Schatten über die Finanzindustrie des Landes, ganz zu schweigen davon, dass Russland auf vielen Sanktionslisten steht.

Wer großen Firmen nicht vertraut, dem bleibt am Ende nur der Weg über Crowdfunding, eine wirksame und transparente Methode. „Wenn Sie eine tolle Idee haben, melden Sie sich an und fragen um Geld“, so der abschließende Rat Skorenkos.

Deutschland, ein Erfinderland

Wenn man in Deutschland ein Patent anmelden möchte, muss man sich an das Deutsche Patent- und Markenamt wenden. Dem Jahresbericht der Behörde zufolge wurden im letzten Jahr 67 900 Patente angemeldet. Man unterscheidet zwischen Patenten, Gebrauchsmustern, Marken und Designs, die als geistiges Eigentum geschützt werden können. Voraussetzung für ein Patent ist, dass es sich um eine technische Erfindung handelt, die gewerblich anwendbar sein muss. Die Bearbeitung des Antrags kann zwar länger dauern, dafür erhält man ein Verwertungsrecht für 20 Jahre. Eine Anmeldung kostet zwischen 500 und 100 000 Euro, je nachdem ob es deutschland-, europa-, oder weltweit gültig sein soll. Europaweit kamen im letzten Jahr 25 000 Anmeldungen aus Deutschland, so viele wie aus keinem anderen europäischen Land.

Ljubawa Winokurowa

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: