Die Bretter, die den Erfolg bedeuten

Am internationalen Tag des Theaters feierte Moskau eine „Lange Nacht der Theater“. Dabei konnten Interessenten hinter die Kulissen blicken und mit Schauspielstars reden. Ein Angebot, das viele Moskowiter nutzten – denn das Theatergeschäft boomt in der Hauptstadt.


Oktoberrevolution als Ballett: Preludium von Wladimir Pankow. Foto: Moskowskij Kulturnyj Forum.

Ganz in weiß schweben Balletttänzerinnen auf Zehenspitzen über das Parkett. Dicht auf ihren Fersen stampfen Proletarier in grauen, schweren Mänteln herein, rote Flaggen über der Menge schwenkend. Plötzlich bricht der Auftritt ab, die Tänzerinnen mischen sich unter das Publikum, so als ob sie Teilnehmerinnen eines Flashmobs wären. Es ertönt ein kräftiger Bariton. Zehn Schauspieler rezitieren nacheinander Gedichte des 20. Jahrhunderts. „Ihnen gebührt ein großes Dankeschön, ich bin zu Tränen gerührt“, gesteht eine der Zuschauerinnen einem Schauspieler, der die letzten Verse von Majakowskij vorlas. „Sie werden es nicht glauben, aber auch mich hat das Gedicht berührt“, entgegnet er.

Diese Szene ereignete sich bei der „Langen Nacht der Theater“, die vom 26. auf den 27. März in Moskau stattfand. Am internationalen Theatertag konnten nicht nur Liebhaber der Schauspielkunst, sondern auch Neulinge umsonst fast jede Bühne Moskaus besuchen, persönlich mit Schauspielern und Regisseuren sprechen, an Workshops teilnehmen und hinter die Kulissen blicken – dorthin, wo man als Laie keinen Zutritt hat.

Besucherzahl steigt seit vier Jahren

Die Hauptbühne des Abends ist das Ausstellungszentrum Manege. Hier waren die ganze Nacht hindurch Aufführungen verschiedener Moskauer Theater zu sehen. Obwohl die Veranstaltung zu einer recht unattraktiven Zeit stattfindet, von Sonntag auf  Montag, herrscht ein großer Besucherandrang. Mittendrin sind auch der französische Geschäftsmann David und seine russische Frau. Sie warten sehnsüchtig auf den Auftritt des Moskauer Operetten-Theaters. „Für mich ist es eine wunderbare Gelegenheit, die russische Kultur kennenzulernen“, sagt David. Vor dem Morgengrauen wollen die beiden nicht nach Hause gehen.

Schauspieler rezitieren Gedichte russischer Ikonen des 20. Jahrhunderts. Foto: Moskowskij Kulturnyj Forum.

Nicht nur Ausländer sind vom Kulturangebot der Hauptstadt begeistert. Auch der Heißhunger der Russen auf Kultur ist beeindruckend. Im letzten Jahr sorgten die Besucherrekorde bei den Ausstellungen von Serow oder Ajwasowskij für Schlagzeilen, als sich vor den Museums-Eingängen ellenlange Schlangen bildeten und es zu zahlreichen Rangeleien kam. Auch das Theater ist so beliebt wie noch nie. Laut WZIOM soll jeder Fünfte im vergangenen Jahr eine Theateraufführung besucht haben. Glaubt man dem russischen Kulturminister Alexander Medinski, so stieg die Besucherzahl in den letzten vier Jahren um 20 Prozent.

Alexander Matrosow, Schauspieler am Puschkin-Theater, kann diesen Trend bestätigen. Das Publikum sei jünger geworden. „Früher mussten die Eltern ihre Kinder ins Theater zwingen, heute zieht es Jugendliche von alleine hierher. Irgendetwas scheint sie anzuziehen.“

Komödie statt Drama

Dieses gewisse „Etwas“ liegt vielleicht im Reiz des Analogen. In einer Zeit, in der die Realität immer weiter ins Digitale abdriftet, scheinen die Menschen, das, was sie hautnah erleben können, das Ungefilterte, zu schätzen. Während Videos im Internet immer abrufbereit sind und auf den nächsten Klick warten, ist eine Theateraufführung für sich ein einmaliges Ereignis. „Wir spielen unsere Stücke so, dass die Menschen keine Erwartungen haben, wie die Protagonisten heute sein werden. Auch wir können es häufig nicht voraussehen“, erklärt Dmitrij Bosnin, der Star des Roman-Wiktjuk-Theaters. Die erwachte Liebe zum Theater hänge mit der aktiven Teilnahme Moskaus an Internationalen Theaterfestivals zusammen, vermutet der Schauspieler. „Das Theater schoss wie eine Rakete nach oben. Bei all den talentierten Schauspielern war es nicht anders zu erwarten.“

Sein eigenes Publikum beschreibt Bosnin so: „Es ist intelligent und hat ein unglaubliches Vorstellungsvermögen. Wir sind für das Publikum nur die Zeit, der Ort und der Grund, damit es in seine Fantasie abtauchen kann.“

Am liebsten sind den Russen Komödien, rund 80 Prozent würden dieses Genre dem Drama vorziehen. Für Dramen würden sich laut IOM „Anketolog“ nur 54 Prozent der Befragten interessieren. Auch übertreffe die Nachfrage nach Kultur das Angebot. Deshalb blüht in der Hauptstadt das Geschäft mit den Tickets. Im Kampf mit den Spekulanten erhöhen die Theater selbst die Preise: Die Moskowiter sind bereit, einen monatlichen Durchschnittslohn auszugeben, rund 30 000 Rubel, um ein Ticket für ein Ballett-Stück im Bolschoj zu ergattern.

Anastassija Buschujewa

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