Vom Koffer-Kuli zum Überflieger: Ein Bayer landete sicher in Moskau

Daniel Burkard vertritt den Moskauer Flughafen Domodedowo auch international – als Deutscher. Der Bayer wird oft auch als „rechte Hand“ des Flughafenchefs bezeichnet. Aber in seinem russischen Leben ist noch viel mehr los.

reDaniel Burkard ist ein solide verwurzelter Münchner. Wenn auch sein makelloses Hochdeutsch nur auf Anfrage in urbayrischen Dialekt verfällt. Das jährliche Oktoberfest lässt er nur selten aus. Im stilechten Trachtenjanker.

Die Kunstbeflissenheit seiner Mutter führte ihn 1982 im zarten Teenageralter von 15 Jahren erstmals ins Russische. Sie wollte mit ihm die Leningrader Ermitage sehen. Dass er 2017 nun schon 18 Jahre im Riesenreich des Ostens lebt, nein, das war ihm damit aber noch lange nicht vorgezeichnet. Schon gar nicht, dass er es einmal zu einer führenden Stellung bei einem russischen Großunternehmen bringen würde. Nach 12 Jahren bei der privaten Flughafengesellschaft Moskau-Domodedowo heute als Director und Berater des Hauptinhabers für „external & international relations“. In dieser Funktion sitzt er sowohl im europäischen als auch weltweiten Vorstand des Airport Council International (ACI). Als Deutscher für Russland.

Daniel Burkard / privat

Nach dem Abitur schaffte er es erst einmal bis zum diplomierten Kommunikationswirt. Längst war er da von zuhause ausgezogen, musste auf Geheiß seiner Eltern seine jugendliche Freiheit aber selbst finanzieren. So jobbte er neben der Ausbildung erst als Gepäckbelader, später als Flugzeugabfertiger am ehemaligen Flughafen München-Riem. Folgerichtig stieg er dann auch als Marketingmanager bei Aero Lloyd in Frankfurt ein. Die darauf folgende Anstellung bei British Airways sollte ab 1994 schließlich zum Karriereschub werden, der ihn in die obersten Etagen einer russischen Holding katapultierte. Er brachte es bis zum Chef der British-Airways-Niederlassung in Moskau. Damit war es 2005 vorbei, als ihn Dmitrij Kamenschtschek, Mehrheitseigner des Flughafens Domodedowo und aktuell auf Platz 20 der hiesigen Reichstenliste, an seine Seite rief. Immerhin hatte er British Airways nach 28 Jahren vom Zielflughafen  Scheremetjewo auf die DME-Landebahn umgeleitet und danach noch 27 weitere Airlines. Sprössling Maximilian und dessen Mutter sieht er seither nur noch auf Stippvisite alle paar Wochen. Die beiden hatte es zurück nach Deutschland gezogen.

Im „Dom Knigi“ in der Abteilung Psychologie auf der Suche nach einem speziellen Werk. Dabei erwies sich eine junge Russin als charmant und hilfreich. Das bestimmte Buch fanden beide nicht, aber dafür sich. Inzwischen wohnt Margarita, in Wien aufgewachsen und studierte Psychologin, bereits seit gut einem Jahr an Daniels verschwiegener Adresse weit vor der wuseligen Mega-Stadt, dafür in praktischer Nähe zum Domdedowo Airport-Hauptquartier.

Den Architekten seiner „Bayrischen Residenz“, mit meist gehisster Freistaat-Flagge im Garten, spielte er höchstselbst. Die Software-App für die Gestaltung seines Domizils  hat er sich für schlappe 29 Dollar auf einer USA-Dienstreise heruntergeladen. Das schmucke, zweistöckige Haus hat er dann von einer so emsigen wie genügsamen Wanderarbeiter-Brigade aus der Ukraine hochziehen lassen. Ziegel und Fenster tragen deutsche Gütesiegel. Das hat er sich nicht nehmen lassen. Je nach Wetterlage und Wasserstand ist das Dorf und sein 2010 erworbenes 2000-Quadratmeter-Grundstück nur über eine schmale Hängebrücke erreichbar. Sein höchstpersönliches Inselrefugium. In wohl einer der ältesten Datschen-Kleinsiedlungen des Landes. Allein die  Dorfkirche ist an die 800 Jahre alt.

Burkards „Bayrische Botschaft“ vor den Toren Moskaus / privat

Burkard mag die Babuschkas und deren zentrale Rolle im festen Familienband der Russen. Ein zugereister Russe unter echten Russen ist er, natürlich auch mit Hauskatze. Aber gleich sechs? Nun, eine davon hat er sich selbst ausgesucht, die anderen haben sich ihn ausgesucht. Hier hat er auch die passende Umgebung, seinen Outdoor-Hobbies zu frönen. Er röhrt nicht nur auf seinem ‚Harley‘-Chopper durchs Umland, sondern auch  mit seinem Quad. So sehr er jedenfalls einen guten Teil seines Herzens an dieses Land und seine Menschen verloren haben mag, bleibt er sich bewusst, dass sich hierzulande immer auch schnell alles ändern kann.

„Nur weil Russen so aussehen wie wir, müssen sie noch lange nicht auch so funktionieren”, hat er erfahren. „Die haben zum Beispiel ein Problem, aus sich rauszugehen, Initiative zu ergreifen“. Genau da setzt sein freiwilliges Engagement zur Ausbildung junger Leute an. An verschiedenen Moskauer Hochschulen wie der Lomonossow-Universität gibt er auf Abruf Lehrstunden in ‚Cultural Awareness‘.

„Der Kuchen ist nicht größer geworden, aber die Portionen“, resümiert er. Ein Drittel der ausländischen Führungselite sei ja in den letzten paar Krisenjahren von ihren Zentralen abgezogen worden oder freiwillig ausgezogen. Unter den gesamt 18 700 Mitarbeitern der Domodedowo-Flughafengesellschaft ist Burkard jedenfalls einer von nur noch zwei westlichen Ausländern. Der andere ist Australier und Chefkoch des Caterings. Burkard  ist gerade erst 50 geworden, sitzt fest mit am Steuerknüppel eines ehrgeizigen russischen Unternehmens in einer weltweiten Wachstumsbranche und hat hier ganz persönlich tiefgehende Wurzeln geschlagen. Den Erdball hat er schon in allen Himmelsrichtungen ausgeforscht. Privat wie geschäftlich. Einzig Neuseeland ist noch nicht abgehakt. Aber das ist ihm eh zu weit ab vom Schuss.

Da bleibt er doch lieber hier, da, wo die Zukunftsmusik spielt. Wenn auch bisweilen leider arg ‚adagio‘. Denn es klingt wie sein langfristiges Lieblingsprojekt: „Aerotropolis“. Die in Fachkreisen gängige Bezeichnung für die Entwicklung einer gesamtheitlich-urbanen Umgebung unmittelbar um die globalen Großflughäfen herum. Von Wohnraum, Sozial- und Erziehungseinrichtungen, über Shopping- und Entertainmentzentren bis zur dafür notwendigen Infrastruktur. Obwohl ähnliche Riesenprojekte auch in den USA und Asien angelaufen sind, erklärt er nicht ohne Stolz, dass sein Arbeitgeber wohl weltweit dafür die erstaunlichste Fläche sein Eigen nennen kann. 16 000 Hektar, weitläufiger als der gesamte Staat Liechtenstein. In Russland ist eben vieles ein Gutteil größer. Für manche eben auch die Karriere.

Von Frank Ebbecke

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