Der russische Rubel: billig und schwächelnd, aber für Spekulanten attraktiv

Die MDZ-Kolumne des Osteuropa-Experten Andreas Schwabe von der Raiffeisen Bank.


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Der Autor Andreas Schwabe ist Analyst für Osteuropa mit Schwerpunkt Russland und Ukraine in der volkswirtschaftlichen Abteilung bei der Raiffeisen Bank International in Wien.

Zum amerikanischen Dollar wertete der Rubel zwischen dem Tief im Januar und Juli um 27 Prozent, zum Euro um 23 Prozent auf. Der reale Wechselkurs, mit dem Änderungen in der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes gegenüber Handels­partnern gemessen werden, verteuerte russische Produkte von Februar bis Juni um 17 Prozent. Ein Rückgang des Ölpreises im Juni und Juli von 50 auf zeitweise 40 US-Dollar pro Barrel der Marke Brent und eine zeitweise fehlende Reaktion des Rubelkurses sorgten für Besorgnis.

Selbst Präsident Putin gab dem Ministerpräsidenten Mitte Juli den Auftrag, darüber nachzudenken, welche Maßnahmen man denn im Hinblick auf die Rubelaufwertung treffen könnte (dies Bemerkung Putins löste sofort Spekulationen über die Maßnahmen der Zentralbank zur Rubelschwächung aus, was die Zentralbank vehement dementierte). Inzwischen hat sich der Ölpreis wieder etwas erholt, so dass Ministerpräsident Medwedew um eine Antwort herumkommen könnte. Die Frage nach dem „richtigen“ Rubelkurs stellt sich trotzdem.

Der bereits angeführte reale Wechselkurs gibt eine erste Orientierung. Ein steigendes Preisniveau bei relativer Wechselkursstabilität machte Russland bis Mitte 2014 im Vergleich zu anderen Ländern zunehmend teuer. Das konnte jeder Besucher erfahren, der noch vor zwei Jahren in Moskau einen Cappuccino bestellte. Trotz des Inflationsschubs 2015 hat die starke Rubelabwertung seitdem das Niveau deutlich nach unten korrigiert. Die Kaffeetasse in Moskau ist für den ausländischen Touristen deutlich erschwinglicher geworden. Das aktuelle Niveau des realen Wechselkurses liegt ca. 20 Prozent unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt, was auf einen im historischen Vergleich günstigen Rubel deutet.

Doch der reale Wechselkurs hat einen Haken. Er ignoriert den Ölpreis, den wichtigsten Faktor für russische Exporterlöse und Staatseinnahmen. Der Ölpreis in Rubel gerechnet ist im ersten Halbjahr ca. 15 Prozent unter den für dieses Jahr budgetierten Ölpreis gefallen. Aus dem Blickwinkel des Finanzministers ist der Rubel also zu teuer. Bei einem Ölpreis von 45 Dollar sollte der Kurs bei etwa 70 zum Dollar liegen, nicht bei den beobachteten 63-65.

Weiterhin ist in diesem Jahr eine deutliche Verschlechterung der Leistungsbilanz festzustellen. Der in 2015 hohe Überschuss von 45 Milliarden US-Dollar ist in diesem Jahr um zwei Drittel auf rund 15 Milliarden zusammengeschmolzen. Grund war eine Stabilisierung der Importe, während die Export­erlöse weiter zurückgingen. Die Situation ist nicht kritisch, da noch immer ein Überschuss erwirtschaftet wird und Kapitalabflüsse deutlich zurückgegangen sind. Sollte die Schwäche der Leistungsbilanz von Dauer sein, wäre eine weitere Schwächung des Rubels wohl gerechtfertigt.

Für ausländische Portfolioinvestoren ist der Rubel andererseits derzeit ein attraktives Investment. Mit russischen Leitzinsen bei 10,5 Prozent liegen die Renditen weit über dem Nahe-Null-Niveau in den USA oder der Eurozone. Letzteres könnte den Rubel trotz der genannten fundamentalen Negativfaktoren stützen.

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